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30. September 2015

"Der Klimawandel wartet nicht"

WINDKRAFT I:Ein Podium in Hausen erörterte den Stand des Ausbaus der Windkraft im Landkreis Lörrach.

HAUSEN. Der Kreis ist im Vergleich kein 1a-Standort für Windkraft. Darin sind sich viele einig – von den Aufsichtsbehörden bis zu Windkraftfreunden. Dennoch gibt’s zwischen Schliengen und Hasel potenziell geeignete Standorte. Trotz der von der Landesregierung 2011 ausgerufenen Windkraftoffensive und der darüber initiierten Nachjustierungen im Planungsrecht hat sich an diesen bisher aber wenig getan. Wo also steht der Ausbau der Windkraft vor Ort? Die Frage erörterte ein vom Landtagsabgeordneten der Grünen im Wahlkreis Lörrach Josha Frey organisiertes Podium im Hebelhaus Hausen.

"Wir haben uns das schneller vorgestellt", räumt der Landtagsabgeordnete einen für Windkraftbefürworter harzigen Verlauf bei der Umsetzung dieses Bausteins der Energiewende vor Ort ein. Tatsächlich werde er "ungeduldig", befand Frey in dem energiepolitischen Quintett mit der Vorsitzenden des Regionalverbands Hochrhein-Bodensee und Landrätin, Marion Dammann, mit dem Leiter des Kompetenzzentrums Energie beim Regierungspräsidium Freiburg, dem Juristen Sébastian Oser, dem Leiter des Bereichs Windenergie bei den Elektrizitätswerken Schönau, Tobias Tusch, sowie dem Kreisrat der Grünen und Vorstand der Genossenschaft Bürgerwindrad Blauen, Peter Schalajda, im neutralem, da nicht für Windkraft geeigneten, Hausen.

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EWS will fünf Windräder am Rohrenkopf bauen

Diese Ungeduld erklärt sich nicht zuletzt im Vergleich. Während im Main-Tauber-Kreis laut Frey bereits 84 Windkraftanlagen in Betrieb und 61 beantragt sind, liefert im Kreis nach wie vor nur die vergleichsweise kleine Anlage bei Fröhnd Strom; auch bei Anträgen sieht’s noch dünn aus. Aktuell liegt dem Landratsamt nur einer der Elektrizitätswerke Schönau vor. Das genossenschaftlich organisierte Unternehmen will fünf Windräder mit einer Leistung von je drei Megawatt am Rohrenkopf auf Schopfheimer Gemarkung nördlich von Gersbach bauen, wo laut Tusch sogar bessere Bedingungen herrschen, als auf Basis des Windatlas’ vermutet und mit einem Ertrag zwischen 35 und 45 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr, sprich dem Verbrauch von etwa 12 500 Vierpersonenhaushalten, gerechnet werden kann. Sollte dies vor Ort umstrittene und von einer Bürgerinitiative unter anderem wegen Milan-Vorkommen abgelehnte Projekt genehmigt werden – das Landratsamt kündigt eine Entscheidung bis Ende Oktober an (nebenstehender Text) – und wie angedacht Ende 2016 in Betrieb gehen, vervielfachte sich die im Kreis installierte Leistung. Eine Aussicht, die Frey & Co beflügelt.

Tatsächlich sind die energie- und klimapolitischen Ziele des Landes ohne Windkraft kaum zu erreichen; bis 2020 müssen dafür rund zehn Prozent des Energiebedarfs mit dieser gedeckt werden, derzeit sind’s landesweit gerade 1,1 Prozent, weiß Sébastian Oser. Indes entfalte die Überarbeitung der Planungsgrundlagen inzwischen eine neue Dynamik; das bestätige nicht zuletzt die seit 2014 landesweit deutlich gestiegene Zahl der Anträge und Genehmigungen. Auch im Kreis Lörrach tut sich da etwas (Text unten). Angesichts der schwierigen topografischen Lagen und der zum Teil sensiblen Natur, "komplexen Standorten", wie es Tusch nennt, geht’s aber noch immer schleppend. "Die Voraussetzungen sind ganz unterschiedlich", sagt die Landrätin dazu.

Aus Sicht der Windkraftbefürworter scheint es daher umso zwingender, gut geeignete Standorte zu erschließen. Schließlich sei es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und moralische Verpflichtung, den "ökologischen Fußabdruck" zu reduzieren, wie es der Kreisvorsitzende der Grünen und Kreisrat Bernd Martin betont. Dafür aber seien die "wenigen guten Flächen unverzichtbar", findet Bernhard Genswein. Indes handele es sich bei der Windkraft hierzulande nach wie vor um eine "nicht verankerte Technologie" mit "geringer Akzeptanz", analysiert der Vorstand vom Verein Bürgerwindrad Blauen (Info) weiter. Entsprechend würden von den Gegnern Hindernisse "hochgekocht", die bei anderen Technologien gar nicht mehr hinterfragt würden. Überfahrene Tiere auf Straßen etwa seien auch kein Grund, das Autofahren in Frage zu stellen. Peter Schalajda geht noch weiter: Er beobachtet in einzelnen Rathäusern eine regelrechte Blockadehaltung gegenüber einem Projekt wie dem Bürgerwindrand Blauen und fordert für die Windkraft gleiche Maßstäbe wie für Flug- oder Straßenverkehr. Denn "der Klimawandel wartet nicht auf uns", weiß der Physiker.

Bürgerwindrad Blauen

Der Blauenkamm ist theoretisch ein exzellenter Windkraftstandort und könnte aus Sicht der Genossenschaft Bürgerwindrad und ihrer 124 Mitglieder in einem schmalen Streifen so genutzt werden – zumal er mit Hotel, Straße und Sendemast keine unberührte Natur ist. Insgesamt ließen sich unter Einhaltung der Abstände fünf große Windräder installieren und – falls die Genossenschaft zum Zuge käme – auf Basis regionaler Wertschöpfung betreiben. Doch so weit ist’s noch lange nicht. Im Gegenteil: Zwar steht Malsburg-Marzell der Idee positiv gegenüber; alle anderen Anliegergemeinden aber sind reserviert bis ablehnend vor allem Badenweiler.  

Autor: alb

Autor: Michael Baas