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26. April 2017

"Natur verändert sich jeden Tag"

BZ-INTERVIEW: In der Waldpädagogik gehe es mittlerweile um alle Lebensbereiche, sagt Anja Glückstein.

  1. Im Wald spielen macht nicht nur Spaß, sondern weckt auch die Fantasie. Foto: DPA

  2. Anja Glückstein Foto: ZVG

LÖRRACH. In Schopfheim hat eine zweite Waldkindergartengruppe eröffnet, in Grenzach soll es bald eine geben: Kinderbetreuung in der freien Natur liegt ungebrochen im Trend. Anja Glückstein bildet im ganzen Land Waldpädagogen aus und erklärt im Gespräch mit Kathrin Ganter, wie Kinder im Wald lernen und was eine Brennnessel mit Globalisierung zu tun hat.

BZ: Vor etwa 15 Jahren erlebte die Waldpädagogik ihren ersten Boom. Hätten Sie damals gedacht, dass das Konzept sich dauerhaft und fest etablieren würde?
Glückstein: Auf jeden Fall. Man sieht ja heute, dass es guten Bestand hat. Es war absolut sinnvoll, dass damals begonnen wurde, den Bezug wieder mehr zum Wald zu fördern. Auf diese Weise lernen Kinder am meisten und am natürlichsten.

BZ: Was genau sind die Dinge, die Kinder im Wald besser lernen können als im Regelkindergarten?
Glückstein: Da gibt es viele Bereiche. Zum Beispiel lernen sie die Empathie für Tiere draußen eher als aus Bilderbüchern. Fantasie und Kreativität werden draußen viel stärker gefördert als in starren Räumen, die jeden Tag gleich sind. Natur verändert sich jeden Tag, ist einfach nicht planbar. Und die Kinder lernen Lebensfreude, Lebendigkeit und Lebensglück empfinden zu können. Sie erleben Begeisterung und haben mehr Freiraum, um zu einer selbständigen

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Persönlichkeit zu werden. Das Gehirn wächst und stellt immer neue Verbindungen her, wenn Kinder viele unterschiedliche Erfahrungen machen. Je komplexer die Umgebung, je vielfältiger die Beziehungen, desto intensiver wird das kognitive Wachstum gefördert und jede gebahnte Nervenverbindung bringt Glücksbotschaften hervor.

BZ: Wenn man es knapp zusammenfasst, ist es das Wichtigste für Kinder im Wald, dass sie Dinge entdecken können?
Glückstein: Ja, und das Erforschen. Sie haben die Erde in der Hand, sie fühlen die Blätter, sie erleben die Natur und Tiere in allen Jahreszeiten und erleben sich selbst und ihre Umgebung als Teil dieses natürlichen Kreislaufes. Gerade im Elementarbereich sind es diese Erfahrungen, die Kinder unwahrscheinlich prägen. Außerdem lernen Kinder im Abenteuerspielplatz Wald täglich grobmotorische Fähigkeiten beim Spielen, Klettern und Balancieren viel intensiver als in einer künstlich aufgebauten Landschaft einmal in der Woche in einer Turnhalle. Kinder stellen im Wald viel mehr Fragen nach Dingen, die sie dort sehen und begreifen möchten.

BZ: Gibt es auch Kinder, die im Wald gar nicht klar kommen und bei denen Sie den Eltern abraten würden, sie für den Waldkindergarten anzumelden?
Glückstein: Grundsätzlich würde ich sagen, ist es für alle Kinder toll. Probleme gehen meist nicht vom Kind aus, sondern eher von den Eltern, die zum Beispiel verschiedene Ängste und Sorgen haben oder denen der Bezug zum Wald fehlt. Für Kinder ist der Wald wie geschaffen. Gerade auch für jene, die einen Förderbedarf haben. ADHS-Kinder zum Beispiel sind im Wald oft unauffällig. Schwächen werden spielerisch ausgeglichen und man kann an den Stärken viel mehr arbeiten. Nur, wenn Kinder krankheitsbedingt ein sehr schwaches Immunsystem haben, kann es schwierig werden. Aber normalerweise stärkt sich das Immunsystem durch die Natur.

BZ: Vermutlich melden die Eltern, die sie erwähnt haben, ihre Kinder auch nicht in einem Naturkindergarten an. Was sind das für Eltern, die ihre Kinder in den Wald schicken?
Glückstein: Anfangs waren es vor allem Eltern mit ökologischem Hintergrund. Heute ist es eine breitere Masse, aber es sind leider fast keine Kinder mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Elternhäusern dabei. Es sind Eltern, die anspruchsvoller sind und einen bestimmten Bildungsstand haben. Oft stehen hinter Waldkindergärten Elterninitiativen oder Vereine. Für sie ist es logisch, sich auch zu engagieren und miteinzubringen. Von den Eltern wird auch mehr gefordert, denn Waldkinder kommen fast täglich dreckig nach Hause. Die Eltern treffen eine sehr durchdachte und bewusste Entscheidung.

BZ: Brauchen die Erziehenden – was wahrscheinlich meistens Frauen sind – neben der Qualifikation auch dieses Mehr an Engagement, wenn sie die Kinder im Wald betreuen?
Glückstein: Gerade in Waldkindergärten gibt es mehr Erzieher, aber Erzieherinnen sind grundsätzlich in der Mehrzahl. Es ist nicht nur ein Job, es ist ein stückweit Lebenseinstellung. Das Engagement ist mehr gefordert, hohe Flexibilität und Belastbarkeit. Wenn ich etwas in einem Gruppenraum plane, dann kann ich das höchstwahrscheinlich am nächsten Tag auch so durchführen. Wenn ich etwas für den Wald plane, ist das nicht so sicher, alleine weil ich wetterabhängig bin. Ich muss mehr improvisieren als in einem Gruppenraum. Ich muss selbst begeistert und bewegt sein von der Natur – dann kann ich die Begeisterung an die Kinder weitergeben.

BZ: Müssen sie nicht viel aufmerksamer sein? Der Wald ist groß und kleine Zwerge schnell darin verschwunden.
Glückstein: Abgesehen von einer Zusatzqualifikation, etwa dem Zertifikat Waldpädagogik oder Umweltpädagogik im Elementarbereich, die für die Erzieherinnen sicher sinnvoll ist, sollten sie im Wald klare Grenzen abstecken und beispielsweise genau schauen, wo sie ihr Waldsofa hinbauen. Am Anfang, wenn neue und jüngere Kinder kommen, müssen sie besonders aufmerksam sein. Nach meiner Erfahrung passieren indoor mehr Unfälle als im Wald, wo man erst mal denkt, man hat mindestens einmal am Tag die Erste-Hilfe-Tasche zur Hand. So ist es aber nicht. Das passiert eher bei Kindergärten, die nur einmal im Jahr im Wald sind und den Kindern dann Erfahrung und Umgang im Wald fehlt.

BZ: Was halten Sie von den kombinierten Angeboten, also Kindergärten, die nur einen oder zwei Tage in der Woche im Wald sind oder Waldprojekttage veranstalten?
Glückstein: Grundsätzlich bewerte ich das sehr positiv. Es ist immer besser, einmal als keinmal in den Wald zu gehen. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn sich die Anzahl der Tage steigert und dass sie grundsätzlich durchgeführt werden. Bei Regelkindergärten besteht leider oft das Problem, dass aufgrund von Personalmangel, Fortbildung oder Krankheit gerade diese Tage dann entfallen. Der Nachteil ist, dass Kinder verständlicherweise es bei einzelnen Waldbesuchen einfach genießen, im Wald zu spielen, und es dadurch wenig Gelegenheit gibt, bestimmte Aktionen zu Schwerpunktthemen durchzuführen, die langfristig und zeitaufwendig sind.

BZ: Was hat sich in der Waldpädagogik in den vergangenen 15 bis 20 Jahren geändert. Gibt es Dinge, von denen man völlig abgerückt ist?
Glückstein: Früher war in der Waldpädagogik die Wissensvermittlung besonders wichtig. Heute ist es so, dass die Bildung für nachhaltige Entwicklung – BNE – im Vordergrund steht. Diese hat das Ziel Kompetenzen zu entwickeln und zu stärken. Erzieher und Kinder sollen aktiv die Zukunft mitgestalten lernen. Da gibt es viele Kompetenzen, die den Kindern durch Aktionen und Impulse in und mit der Natur vermittelt werden können, zum Beispiel vorausschauendes Denken und Handeln, aber auch neue Perspektiven einnehmen, um Zusammenhänge erkennen zu können. Große Themen sind globale Gerechtigkeit, Klimawandel oder auch unser täglicher Konsum. Früher waren der Wald und die Natur das Thema, heute geht es übergreifend um alle Lebensbereiche.

BZ: Wie vermittelt man drei- bis sechsjährigen Kindern Themen wie Klimawandel und Globalisierung?
Glückstein: Man kann Kindern in diesem Alter schon viele Themenbereiche vermitteln. Wir haben zum Beispiel ein Projekt über die Brennnessel entwickelt. Die Biodiversität beobachten wir mit den Kindern daran, wie viele Schmetterlinge an dieser Pflanze ihre Lebensgrundlage haben. Die Brennnessel ist aber auch ein sehr vitaminreiches Nahrungsmittel, das führt in den Bereich Ernährung und Konsum. Bereits im Mittelalter wurden aus Brennnesseln Fasern und Stoffe gefertigt, heute tragen wir meist konventionelle Baumwolle. Ein T-Shirt macht eine Weltreise, zum Beispiel von Amerika nach Indien, nach China bis es zu uns nach Deutschland kommt und die Brennnesseln wachsen bei uns vor Ort und werden weder genutzt noch geschätzt. Das ist ein globales Thema. So kann man Kinder mit einer unbeliebten Pflanze an das große Thema BNE heranführen.

Anja Glückstein aus Karlsruhe ist unter anderem Motopädin, Staatlich zertifizierte Waldpädagogin und Naturpädagogin. In Zusammenarbeit mit dem Forstlichen Bildungszentrum Karlsruhe (FBZ) bildet sie in ganz Baden-Württemberg Erzieher zu Waldpädagogen aus und fort
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Waldkindergärten

Todtnau: im Wald auf der Hoh, 20 Plätze, montags bis freitags von 7.30 Uhr bis 13 Uhr, jeden Dienstag und Donnerstag von 9.45 bis 12.15 Waldmäuse-Gruppe für Kinder ab 18 Monate bis vier Jahre, acht Plätze, http://www.waldkindergarten-wurzelzwerge-ev.de
Lörrach: im Haagener Wald, 18 Plätze, montags bis freitags 8 bis 14 Uhr, http://www.waldkindergarten-purzelbaum.de
Zell im Wiesental/Adelsberg: Mix-Modell mit Waldpädagogik, Montag und Mittwoch auf dem Adelsberger Schänzle (7.30 Uhr bis 13.30 Uhr), Dienstag, Donnerstag und Freitag im Kindergarten (8.15 bis 12.15 Uhr), 20 Plätze, http://mehr.bz/kigazell
Weil am Rhein: im Dreiländergarten, 20 Kinder, 20 Plätze, Montag bis Freitag 8 bis 14 Uhr, http://www.waldkindergarten-maerchenwald.de
Grenzach-Wyhlen: Eröffnungstermin in den kommenden Monaten, http://www.diespielwiese-wyhlen.de

Schopfheim: im Entegast, zwei Gruppen mit je 20 Plätzen, Montag bis Freitag, 7.30 bis 14 Uhr, Kontakt 0162/4943002  

Autor: gtr

Autor: gtr