Soziale Kontakte geben Halt in schwieriger Situation

Maja Tolsdorf

Von Maja Tolsdorf

Fr, 14. Dezember 2018

Lörrach

HILFE ZUM HELFEN: Andreas B. leidet unter Angststörungen und Depressionen; er sucht die Begegnung mit anderen Menschen.

LÖRRACH. Mit der Weihnachtsaktion "Hilfe zum Helfen" unterstützen wir nicht nur caritative Verbände oder soziale Einrichtungen bei ihrer Arbeit, sondern wollen auch Menschen unbürokratisch helfen. In einer Serie schildert die Badische Zeitung bis Jahresende die Situation von Menschen in Notlagen. Damit soll die alltägliche Armut im Kreis Lörrach menschlich greifbar werden. Heute geht es um einen Mann, der unter Angststörungen und Depressionen leidet.

Eine Bahnfahrkarte bedeutet für ihn die Welt, denn er muss raus aus seiner Wohnung, um sich beruhigen und ablenken zu können. Andreas B. ist psychisch erkrankt. Seit einem Burnout 2016 hat er mit Angststörungen und Depressionen zu kämpfen. Regelmäßig muss er in die Klinik nach Emmendingen, um sich wieder als Mensch fühlen zu können, wie er sagt Mit seiner Erkrankung geht B. offen um und holt sich fachliche Hilfe, wenn es ihm schlecht geht. Ebenso vehement kämpft er dagegen an, macht sich dafür stark rauszugehen, soziale Kontakte zu knüpfen, etwas von der Gegend zu sehen. "Im Frühling gehe ich gern mit dem Fahrrad auf Tour und im Winter mit Hilfe der Zugfahrkarte." Diese wurde ihm aber genommen, mit dem Ausschluss aus der Gruppe einer Tagesstruktureinrichtung. Andreas B. geht trotzdem hin, um dort leichtere Arbeiten zu erledigen. "Ich brauche soziale Kontakte und Beschäftigung", sagt der Hartz-IV-Empfänger, der im Mai 2019 in Altersrente geht. Zudem gibt es dort warme Mahlzeiten sowie Halt und Struktur für den 65-Jährigen. Dinge, die er braucht, um nicht zu verzweifeln.

Zu Hause in seiner Wohnung leidet er unter Lärmbelästigung. Der Papierkrieg mit Behörden und Nachbarn zeigt, dass andere das womöglich ganz anders sehen, denn es geht nicht um Partys und laute Musik, Streit oder Geschrei, sondern um Geräusche, die plötzlich auftreten und laut sind. Wie bei einer Renovierung etwa, wenn Möbel umhergeschoben werden, gehämmert wird, Türen schlagen oder ein Schrank umfällt. Bei B. löst ein plötzliches Geräusch, das ihn erschreckt, eine Panikattacke aus. "Ich liege dann nachts wach und warte ängstlich auf das nächste Geräusch", sagt er. Und je weniger er nachts schlafen kann, desto mehr verschlimmern sich die Symptome. "Es ist ein Teufelskreis, mit Hilfe von Medikamenten und sozialen Kontakten versuche ich mir ein kleines bisschen Halt und Balance zu erarbeiten", schildert Andreas B.

Die Gruppe in der Tagesstruktureinrichtung war für ihn deshalb ein Segen. Nun wurde er ausgeschlossen. "Aus pädagogischen Gründen", meint die Behörde, die Träger der Maßnahme ist. Aggressiv soll er reagiert haben, weil er sich von Mitgliedern der Gruppe gemobbt fühlte. Ihn habe man dazu erst viele Wochen später angehört, und es sieht laut seinem Berater nicht danach aus, als ob er dort wieder aufgenommen werde. Dass ein solches Angebot aber wichtig ist, um psychisch Erkrankten Struktur und Alltag zu geben und nach einem längeren Klinikaufenthalt eine Wiedereingliederung in den Alltag zu ermöglichen, darin sind sich B. und sein Berater einig. Deshalb wollen sie kämpfen, zumindest dafür, dass auch die Version des Betroffenen gehört und eine Einigung erzielt wird. "Es war ein Missverständnis, ich habe Fehler gemacht, aber ich bin nicht der Alleinschuldige", sagt Andreas B.

Sein Fernziel ist es, eine Wohngemeinschaft in Emmendingen zu beziehen, wo er sich verstanden, betreut und geborgen fühlt. "Aber das ist genau so schwierig, wie in Lörrach eine Wohnung zu finden." Das braucht B. nicht, denn er hat eine Wohnung. Eine, in der er sich alleine nicht recht wohl fühlt. Deshalb ist sein unmittelbarer Wunsch eine Zugfahrkarte, um Menschen zu treffen. "Irgendjemandem begegne ich immer, denn ich bin zwar allein, aber nicht einsam."

Die Spendenkonten:

Sparkasse Lörrach-Rheinfelden
IBAN: DE25683500480001008820,
Volksbank Dreiländereck
IBAN: DE95683900000000003131