Wiege des europäischen Stromnetzes

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mo, 15. Januar 2018

Laufenburg

STATIONEN IN DER REGION: Am "Stern von Laufenburg" sind erstmals die Verteilungsleitungen für drei Länder zusammengeschaltet.

LAUFENBURG. Leuchtete er am Himmel, könnte man den "Stern von Laufenburg" sehr gut sehen. Schließlich verfügen die vier Hochspannungsmasten, die nahe beim Wasserkraftwerk auf der Schweizer Rheinseite stehen, über genug Kapazität, um das ganze Land mit elektrischer Energie zu versorgen. Der Stern ist indes kein echter Stern, dafür aber ein historischer Meilenstein in der Geschichte der Stromversorgung: Vor 60 Jahren startete dort das weltweit erste transnationale Stromnetz.

1958 wurden vor den Toren Laufenburgs erstmals die Netze von Deutschland, Frankreich und der Schweiz zusammengeschaltet. Die beiden davor noch verfeindeten Staaten reichten sich auf neutralem Boden die Hände und sorgten mit dem ersten länderübergreifenden Stromnetz für eine bessere Versorgungssicherheit und Netzstabilität. Swissgrid Control in Laufenburg funktioniert in diesem System heute als Netzleitstelle für die Schweiz und als eines von zwei Koordinationszentren in Europa.

"Auf dem Kaistener Feld hat das europäische Netz seinen Initialimpuls bekommen", erklärt Walter Sattinger, Projektingenieur beim Übertragungsnetzbetreiber. Rund um die Uhr wird sichergestellt, dass im Schweizer Netz alles reibungslos läuft, die interne Bilanz gegenüber Europa ausgeglichen und somit auch das europäische Netz stabil bleibt.

Verantwortet wird die Zusammenarbeit vom Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber Entso-E in Brüssel. Nicht erst seit der Liberalisierung des Strommarkts 1999 haben die Herausforderungen zugenommen. Seither kamen durch die dezentrale Versorgung neue Aspekte hinzu. "Das Netz ist deshalb nicht unsicherer geworden, sondern komplexer", so Sattinger. Der Aufwand für Planung und Betrieb habe zugenommen, die Komplexität müsse mit besserer Technik abgefangen werden. Nicht zuletzt der wachsende Anteil erneuerbarer Energien gehöre zu den Herausforderungen.

Im Kontrollzentrum geht es jedoch nicht um die Versorgung an sich, sondern ums unterbrechungsfreie Aufrechterhalten von Netzspannung und -frequenz. Auf den Monitoren der Schaltzentrale, die wegen der dominierenden blauen Farbe und der riesigen Glasscheibe scherzhaft Aquarium genannt wird, wechseln dann Verbindungsstränge und ganze Bereiche die Farbe. Solange alles wortwörtlich im grünen Bereich ist, dominiert diese Farbe. Wechseln einzelne Partien oder gar alles auf gelb, gilt es, schnell zu reagieren.

Echte Totalausfälle wie 2003, als in ganz Italien nach Leitungsproblemen an der Schweizer Lukmanierstrecke nichts mehr ging, dürfte es eigentlich gar nicht geben. Passieren sie doch, stellt der Neustart die nächste hochkomplexe Herausforderung dar. Nur wenige Kraftwerke können sich ohne Energiezufuhr von außen selbst wieder hochfahren. Sie fungieren dann quasi als Zugpferde für alle.

Swissgrid hat zuletzt für viel Unmut gesorgt

Meistens werden hinter den Kulissen aber rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen, werden notfalls Kraftwerksbetreiber angewiesen, ihre Leistung zu drosseln oder zu erhöhen. Bei Stromüberschuss können Pumpspeicherwerke kurzfristig viel Strom abnehmen, indem sie ihre Speicher wieder füllen. Da die Schweiz aufgrund ihrer geografischen Lage und der 41 grenzüberschreitenden Leitungen eine Stromdrehscheibe Europas ist, übernimmt deren Netz auch Transitaufgaben.

Nicht immer herrscht indes eitel Sonnenschein. So hat Swissgrid zuletzt mit dem Entschluss, die Standorte Laufenburg und Frick am neuen Unternehmenssitz in Aarau zu vereinen, für einigen Unmut gesorgt. Die zentrale Netzleitstelle und 450 Arbeitsplätze ziehen dann um. "Die Aorta der Zivilisationsgesellschaft", wie Sattinger die vier Laufenburger Masten nennt, bleibt dagegen, wo sie ist.