Handynetz

Mobilfunkantenne im Glockenturm bringt der Kirche Geld – und Ärger

Peter Rosa

Von Peter Rosa

Mo, 28. Mai 2018 um 17:43 Uhr

Kreis Waldshut

Die Katholische Kirche betreibt Mobilfunkanlagen in ihren Kirchtürmen. Während manche Nachbarn verunsichert sind, ist die Zweitnutzung der Türme für die Kirche ein lukratives Geschäft.

Kirchen bringen Menschen in Verbindung und das nicht nur auf einer rein spirituellen Ebene. Vor Kurzem lenkte die Sanierung des Turms der St. Andreas Kirche in Oberlauchringen die Aufmerksamkeit ihrer Nachbarn auf die in seinem Inneren befindliche Mobilfunksendeanlage. Die Turmspitze ist als höchster Punkt im Dorf die optimale Position für einen Sender in einer sonst schlecht mit Daten-Mobilfunk versorgten Region.

Bürger befürchten Elektrosmog, der Pfarrer beschwichtigt

Die hölzerne Dachkonstruktion erlaubt das Durchstrahlen der gesamten Signalstärke und schützt gleichzeitig vor dem oft unerwünschten Anblick. Genau hierin sehen einzelne Oberlauchringer aber ein Problem und befürchten schädlichen Elektrosmog. Zudem berichten einzelne Einwohner davon, sich verunsichert zu fühlen, da der Einbau der Sendeanlage weder angekündigt noch anderweitig kommuniziert worden sei. Ihnen stelle sich die Frage, wo sonst noch verborgene Mobilfunksendeanlagen betrieben würden.

Pfarrer Ulrich Sickinger, Leiter der Seelsorgeeinheit Mittlerer Hochrhein St. Verena, zu der auch die St. Andreas-Kirche Oberlauchringen gehört, bestätigt den Betrieb der Anlage im Kirchturm seit dem Jahr 1999. Der Waldshuter Kirchturm (Liebfrauenkirche) sende bereits seit 1998, so Sickinger. Weitere Anlagen gebe es in der Seelsorgeeinheit nicht. Elektrosmog gebe es aber keinen. Sickinger verweist auf die Auskunft der Anlagenbetreiber, wonach die Strahlungswerte unterhalb der gesetzlich zulässigen Werte liegen.

Die Genehmigung zum Einbau kam von (fast) ganz oben

Auch von Heimlichtuerei beim Einbau und Betrieb könne keine Rede sein. Dieser sei damals entsprechend der Richtlinien erfolgt: Soweit sich ein Kirchturm im Eigentum der Kirchengemeinde befinde, sei zunächst der Stiftungsrat für die Genehmigung einer Mobilfunksendeanlage in seiner Spitze zuständig, erklärt Sickinger. Der Pfarrgemeinderat der Seelsorgeeinheit habe ein Vetorecht, was bei allen Beschlüssen des Stiftungsrats der Fall sei. Die Genehmigung zum Einbau stamme direkt von Erzbischöflichen Ordinariat Freiburg, welches die Genehmigungsbehörde für sämtliche baulichen Veränderungen an Kirchengebäuden darstellt. "Die Pfarrgemeinderatssitzungen sind in der Regel öffentliche Sitzungen. In solchen werden auch Beschlüsse des Stiftungsrats bekannt gegeben, wer Interesse zeigt, ist hierzu willkommen", so Sickinger.

Mobilfunkmasten sind für die Gemeinden wie Klingelbeutel

Für die Kirchengemeinden ist der Einbau von Mobilfunksendern in ihren Kirchtürmen lukrativ. Die Anlagen in Waldshut und Oberlauchringen bringen laut Pfarrer Sickinger jährlich einen größeren vierstelligen Eurobetrag. Auch für die Mobilfunkanbieter sind die Kirchtürme begehrte Standorte. Häufig überragen ihre Spitzen sämtliche anderen Gebäude einer Ortschaft. Besonders im ländlichen Raum profitieren Mobilfunknutzer so von einer besseren Netzabdeckung in sonst oft spärlich versorgten Gebieten.

Laut Pfarrer Sickinger werden beide Sendeanlagen von Vodafone betrieben. Die Verträge laufen in Oberlauchringen 2019 und in Waldshut 2020 aus. Über ihre Verlängerung wird das Ordinariat entscheiden, nachdem der Pfarrgemeinderat sein Votum abgegeben hat. Wann dies sein wird, steht noch nicht fest.

Ob die Strahlen wirklich schädlich sind, ist umstritten

Die evangelische Kirche betreibt laut Dekanin Christiane Vogel keine Mobilfunksendeanlagen in der Region. Die Kirchen in Waldshut und Lauchringen verfügen über keine oder nur ungeeignete Kirchtürme.

In der Debatte, wie sich die von Mobilfunksendeanlagen, Smartphones und heimischen Routern verwendete hochfrequente Strahlung auf den Menschen auswirkt, gibt es nach wie vor verschiedene Meinungen. Barbara Dohmen, bis 2017 in Murg niedergelassene Allgemein- und Umweltmedizinerin und nach eigenen Angaben bei längerer Aussetzung selbst elektrosensibel, warnt: "Die Strahlung von Mobilfunksendeanlagen ist schädlich und die Belastung wird weiter zunehmen." Das zeige ihre über 30-jährige Erfahrung als Ärztin. In dieser Zeit habe sie über 50 sogenannte Elektrosensible behandelt. Dohmen untermauert ihre eigenen Erfahrungen auch durch Studien, in denen die schädliche Wirkung der Strahlung auf organisches Gewebe festgestellt worden ist.

Sind die negativen Auswirkungen reine Glaubenssache?

Diese Erkenntnisse werden von Vertretern der Gegenseite angezweifelt. Sie werfen den Urhebern vieler Studien fehlende Unabhängigkeit und Fehler in der Ausführung vor. Die dort erzielten Ergebnisse seien bisher in keinem Fall reproduziert worden. Dies aber wäre die Grundlage für einen aussagekräftigen Befund. Betroffenen würden negative Auswirkungen zwar nicht gänzlich abgesprochen, häufig aber auf den "Nocebo-Effekt" zurückgeführt, dem Gegenteil des positiv wirkenden Placebo-Effekts. Er besagt, dass negative Auswirkungen bereits durch den Glauben an sie hervorgerufen werden können. Lediglich eine thermische, also erwärmende Wirkung – ähnlich jener eines Mikrowellenherds, aber wesentlich schwächer – konnte der Mobilfunkstrahlung nachgewiesen werden. Der Gesetzgeber hat deshalb Grenzwerte festgelegt, die Betreiber von Mobilfunksendeanlagen wie auch die Hersteller von Smartphones einhalten müssen.