Beispiellose Anklage

Karlheinz Schiedel

Von Karlheinz Schiedel

Fr, 11. April 2014

Kultur

Zum Tod des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner.

"Wer Weltgeschichte nicht als Kriminalgeschichte schreibt, ist ihr Komplize." Akademische Distanziertheit war Karlheinz Deschners Sache nicht. Er wollte nicht Komplize der Großen und Mächtigen sein, kein "staatshöriger Historiker" wie er einmal spottete, der den "Starbanditen der Weltgeschichte" huldigt. Nicht ihren historischen Verdiensten, ihren großartigen, zivilisatorischen Leistungen galt sein Interesse, sondern ihren oft genug kolossalen Verbrechen: Geschichtsschreibung aus der Opferperspektive, getragen von tiefer Menschlichkeit und Mitgefühl mit den Entrechteten und Geschundenen dieser Welt.

Schon sein erstes Buch, der 1956 veröffentlichte Roman "Die Nacht steht um mein Haus", war schonungslos radikal, eine Art "Krankengeschichte unserer Zeit", wie der Religionswissenschaftler Helmut Uhlig diagnostizierte. Die hier verarbeiteten Themen – die Brutalität des Krieges, der verächtliche Umgang des Menschen mit Seinesgleichen und mit der Natur – wird Deschner während seines gesamten Schaffens nicht mehr los. Ein Jahr später bringt er den Sammelband "Was halten Sie vom Christentum?" heraus, eine Kompilation von Pro- und Contra-Meinungen verschiedener Autoren, in der er sich – noch – einer eigenen Positionierung enthält. Die folgt dann – und zwar mit großer Entschiedenheit – 1962 in "Abermals krähte der Hahn", dem Grundlagenwerk moderner Kirchenkritik schlechthin, die Deschners Ruf als "größter Kirchenkritiker aller Zeiten" (Dieter Birnbacher) begründete.

Von nun an legt der 1924 im fränkischen Bamberg Geborene seine Finger mit kriminalistischer Akribie immer wieder in die Wunden der im Namen der "Religion der Nächstenliebe" verübten Missetaten. So setzt er sich in "Mit Gott und den Faschisten" (1965) schonungslos mit dem Wirken von Papst Pius XII. vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander, in "Das Kreuz mit der Kirche" (1974) mit der bigotten Sexualmoral der katholischen Kirche und deren Unterdrückung der Frau. An seinem zehnbändigen Opus Magnum, der "Kriminalgeschichte des Christentums", arbeitet Deschner wie ein Besessener fünf Jahrzehnte lang. Erst im vergangenen Jahr schließt er diese beispiellose Anklageschrift, die annähernd 6000 Textseiten und mehr als 100 000 Quellenangaben umfasst, ab.

Deschners Werk lässt niemanden kalt. Zeitlebens sah er sich frommer Anfeindung und atheistischer Verehrung gegenüber. In der (theologischen) Fachwelt wurden seine Bücher kontrovers diskutiert. Während der Tübinger Theologe Hans Küng die Grundsätzlichkeit der Deschner’schen Kritik ablehnte, stellte seine Kollegin Uta Ranke-Heinemann in ihrem Buch "Nein und Amen" fest: "Der europäische Bürger, den beim Begriff ‚Christliches Abendland‘ satte Selbstzufriedenheit zu befallen pflegt, weil ‚Christliches Abendland‘ in seinen Ohren nach frommer Rechtschaffenheit klingt, sieht nach der Lektüre von Deschner seine Suppe voller Haare."

Am Dienstag ist der große Aufklärer und Humanist kurz vor Vollendung seines 90. Lebensjahres in Haßfurt am Main gestorben.