"Das glaubt mir keiner"

Stefan Hupka und Bettina Schulte

Von Stefan Hupka & Bettina Schulte

Fr, 05. Januar 2018

Kultur

BZ-INTERVIEW mit dem Kabarettisten Jess Jochimsen über seinen Beruf, das Lachen als Währung und seine Schnappschuss-Paare /.

in "unglückliches Paar" ist von heute an zweiwöchentlich auf dieser Magazinseite zu betrachten. Es sind Fotozwillinge von Jess Jochimsen (47), dem Freiburger Kabarettisten, Autor und Gelegenheitsfotografen. Wir haben ihn gefragt, was er sich dabei gedacht hat.

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BZ: Herr Jochimsen, eine Diashow ist der Horror jedes Gesellschaftsabends. Warum tun Sie dem Publikum das an?
Jochimsen (lacht): Den Jüngeren ist ja weder Diashow noch Projektor ein Begriff. Aber mit einem Horror zu arbeiten, finde ich ganz wundervoll.

BZ: Die Fotos, die Leser hier künftig sehen, sind Teil Ihrer Bühnenauftritte?
Jochimsen: Ja, einige davon. Aber dort zeige ich Bild für Bild nacheinander wie ein kleines Roadmovie, hier bilde ich die "Unglücklichen Paare" miteinander ab.

BZ: Sie suchen unfreiwillige Komik?
Jochimsen: Ich suche gar nicht danach, sie drängt sich mir auf.

BZ: Wann fing das an?
Jochimsen: Das war 1996 in Dinkelsbühl, ich weiß es noch genau. Das Städtchen hatte den Einfall, einheitlich alle Ladennamen in Fraktur fassen zu lassen. Und dann tauchte vor mir plötzlich ein "Schmidt’s Fashion Point" in dieser nazibesetzten Runenschrift auf. Das glaubt mir keiner, dachte ich, ging um die Ecke in einen Fotoladen, kaufte eine Kamera und dokumentierte das. So etwas finde ich komisch. Und seitdem arbeite ich damit.

BZ: Ihre "Paare" entstehen schon im Kopf oder erst am Schreibtisch?
Jochimsen: Mal so, mal so. Manchmal sehe ich etwas, das gut zu einem Bild passt, welches schon zehn Jahre alt ist.

BZ: Das Publikum braucht Zeit zum Betrachten und Erfassen.
Jochimsen: Bei den Paaren ja, auf der Bühne huscht das vorbei, darum bin ich froh, dass wir das hier ausprobieren.

BZ: Wollen Sie uns die Augen öffnen?
Jochimsen: Sagen wir so: Ich will Ihnen meine Sicht anbieten, vielleicht auch meine Pointe der Verknüpfung. Und wenn man dabei noch manche dieser neoliberalen Worthülsen aufspießen kann, umso besser.

BZ: An welche denken Sie da?
Jochimsen: Jede Talkshow ist voll von solchen unsinnigen Neologismen, die plötzlich jeder benutzt, "zeitnah", "ganz bei Ihnen", "Mobilitätssteigerung", die "Bürger abholen" und all das.

BZ: Gesellschaftskritik auf dem Umweg übers Lachen?
Jochimsen: Sicher. Das Lachen gehört zum Kabarett, es ist unsere Währung. Aber wenn ich weinen muss in einem Film, habe ich ebenso viel begriffen.

BZ: Warum lachen Leute bei solchen Bildern, was geht da ab?
Jochimsen: Das ist eine Mischung aus "bin ich froh, dass ich da nicht leben muss" und vielleicht einem Erschrecken darüber, dass das unsere Städte sind – und nicht irgendwelche im Osten, was viele zunächst vermuten.

BZ: Wollen Sie den Osten rehabilitieren?
Jochimsen: Nein, ich bin da einfach zu selten. Ich fotografiere da, wo ich gerade auf Tour bin. Roger Willemsen hat solche Motive die "Dämonie des Normalen" genannt.

BZ: Sie sagen dem Betrachter nicht, wo das jeweils ist?
Jochimsen: Wenn jemand fragt, schon. Aber ich möchte es nicht dazuschreiben.

BZ: Der Leser ist gewohnt zu erfahren, wo ein Foto aufgenommen worden ist. Wenn wir's ihm nicht sagen, brauchen wir einen guten Grund.
Jochimsen: Der gute Grund ist, dass der Betrachter sich andernfalls sofort distanzieren könnte – "ach natürlich, hinterste Schwäbische Alb, ahnten wir schon". Dabei stammen meine tristesten Motive aus München, Köln, Stuttgart oder Freiburg und nicht mal aus Problemvierteln. Oft sind es Kehrseiten schmucker Fassaden.

BZ: Sich lustig machen übers Normale wollen Sie schon?
Jochimsen: Aber nicht auf die billige Tour. Rechtschreibfehler in Speisekarten, kaputte Leuchtschriften, so etwas interessiert mich nicht. Meine Schnappschüsse zeigen im Gegenteil manchmal sogar, wie jemand versucht, mit einer trotzigen Würde irgendwie durchzukommen.

BZ: Sie wollen nichts entlarven, niemanden kompromittieren?
Jochimsen: Ein Kabarettist, der das nicht will, ist keiner. Mein Impuls ist aber auch ein anderer: Ich bin ein Flaneur, und wenn ich öfter an einer solchen Stelle vorbeikomme, will ich sie einfach abbilden. Mal erschreckt es mich, mal rührt es mich, und mal muss ich wirklich lachen.

BZ: Zum Beispiel wann?
Jochimsen: Da denke ich an diesen Fachhandel, den es zwei Jahre lang in der Freiburger Innenstadt gab, "für Senioren, Behinderte und Linkshänder". Natürlich musste ich lachen, und wenn ich das Bild zeige, lacht das Publikum auch.

BZ: Lachen kann auch etwas Peinliches, Makabres haben, einem "im Halse stecken bleiben", wie man so sagt.
Jochimsen: Das ist auch so eine Hülse, kompletter Unsinn. Beim Lachen entlädt sich etwas, das wissen wir seit Sigmund Freud, da werden Tabus gebrochen. Die Scham ist da meist weit weg.

BZ: Gibt es Momente auf der Bühne, bei denen Sie mit Lachern gerechnet haben, aber dann passiert nichts?
Jochimsen: Das passiert oft, man schreibt einen Text, denkt, das ist eine Hammerpointe, und merkt erst beim Spielen: Es ist alles, nur das nicht.

BZ: Testen Sie Ihre Programme vorher an einem "Versuchspublikum"?
Jochimsen: Das macht jeder, mancher macht regelrechte Try-out-Touren in kleinen Clubs.

BZ: Kabarettist und Comedian, legen Sie Wert auf diese Unterscheidung?
Jochimsen: Ich mache da keinen Unterschied.

BZ: Wirklich? Sie messen sich doch nicht mit dem Klamauk etwa von Otto Waalkes.
Jochimsen: Hören Sie, wenn ich mich über den erheben würde, dann würde ich ja meine halbe Kindheit verleugnen. Ich habe als Kind davor gesessen und mich schlapp gelacht. Jahre später habe ich erfahren, dass vieles davon komplett von einer Gag-Truppe um Robert Gernhardt geschrieben wurde.

BZ: Und wo ordnen Sie sich ein?
Jochimsen: Natürlich eher beim politisch-literarischen Kabarett, klar. Als Zuschauer aber ist mir manchmal ein genial gemachtes Comedyprogramm lieber als ein von Moral triefendes Politkabarett, wenn es im Grunde nur die Leitartikel der Tagespresse wiederkäut.
BZ: Es muss nicht immer politisch-aufklärerisch-emanzipatorisch zugehen?
Jochimsen: Nein. Aber es hilft ja oft auch nichts. Machen wir uns nichts vor: Das Gros der AfD-Wähler geht wohl eher nicht ins Kabarett. Da sitzen, das lässt sich unschwer erraten, das linksliberale Bürgertum und die Akademiker.

BZ: Ein Unterschied könnte sein: Beim Comedian, etwa Mario Barth, lachen die Leute teils auch auf Kosten der Schwachen. Der Kabarettist dagegen legt sich eher mit den Mächtigen an.
Jochimsen: Da ist was dran. Mir gefällt bei Comedy wirklich auch nicht alles.

BZ: Nochmal zurück zu Ihrer Motivsuche – Menschen oder Sachen?
Jochimsen: Sachen.
BZ: Land oder Stadt?
Jochimsen: Stadt.
BZ: Und schön oder hässlich?
Jochimsen: Hässlich. Wobei – da könnte man differenzieren. Natürlich ist die Schönheit im Hässlichen viel spannender als die Hässlichkeit im Schönen, denn von der sind wir ja umgeben.

BZ: Was reizt Sie am Hässlichen?
Jochimsen: Nehmen Sie nur die Innenstädte. Das fände ich mal eine Quizshow wert. Man verbindet Leuten die Augen, dreht sie ein paar mal herum und stellt sie in eine deutsche Klein-, Mittel- oder Großstadt. Die wüssten nicht, ob sie in Düsseldorf, Augsburg oder Kiel stehen. Überall dieselben Läden, Ketten und Fassaden. Austauschbar. Und oft hässlich.

BZ: Sind Ihre Fotos wirklich Schnappschüsse oder laufen Sie mit Tele und Stativ herum?
Jochimsen: Absolut Schnappschüsse, teils per Smartphone, teils mit einer kleinen analogen Kamera. Ich bin kein Fotograf und müsste das erst lernen. Was ich mache, ist Street Photography, oft aus der Hüfte. Meine Leistung ist, dass ich das Motiv sehe und in einen Zusammenhang stelle. Meine Leistung ist nicht die handwerkliche Qualität des Bildes.

BZ: Kriegen Sie auch Bilder zugeschickt aus Ihrem Fanclub?
Jochimsen: Doch, das kommt vor, wenn auch selten.

BZ: Sollten wir unsere Leser ermuntern, Ihnen Bilder zu schicken, von denen sie glauben, die könnten dazu passen?
Jochimsen: Gern, selbstverständlich. Auch auf die Gefahr hin, dass ich es vielleicht nicht so komisch finde wie der Absender. Das Internet treibt allerdings auch da seine Blüten: Ich habe schon Bilder angeboten bekommen, die ich Jahre davor selber gemacht habe.

BZ: Sie sind Autor, Fotograf, Kabarettist, Musiker – was machen Sie am liebsten?
Jochimsen: Das, was ich gerade mache.
BZ: Ein Interview geben.
Jochimsen(lacht): Manchmal auch das.