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07. Juni 2016

Freiburg

"48 h Waste Land" - Performance und Film im Kommunalen Kino

Das Projekt in Freiburg betreibt "Künstlerische Forschung" im Zeitalter des Anthropozän.

  1. - Foto: Fetzner

Der Müll verschwindet nicht. Nie. Er wird nur in einen anderen Aggregatzustand überführt. Oder dem Kreislauf der Dinge wieder hinzugefügt. Man kann auch definieren: Müll ist Materie am falschen Ort. Die beiden Methoden, mit den Abfällen der Menschheit fertig zu werden, stellen Daniel Fetzner, Medienwissenschaftler an der Offenburger Hochschule für Medien und Informationswesen, und Martin Dornberg, Philosoph und auf Psychosomatik spezialisierter Mediziner, in ihrem "medienökologischen" Projekt "48h Waste Land" vom 9. bis zum 11. Juni im Freiburger Kommunalen Kino gegenüber.

Konkret heißt das: die Müllverbrennungsanlage in Eschbach im Markgräflerland und das ausgeklügelte Recyclingsystem, das die Kopten in Kairo entwickelt haben. Die Angehörigen einer christlichen Minderheit leben seit Jahrzehnten in und mit dem Müll der Megacity in ihrer eigenen Müllstadt Mokkatam Village, die rund 50 000 Einwohner zählt. Die Kopten leben vom Müll. Sie erreichen unter anderem mit Hilfe von Schweinen, die die organischen Abfälle fressen, eine Wiederverwertungsquote von 90 Prozent. In Eschbach, wo aus Müll Strom gewonnen wird, liegt die Recyclingquote lediglich bei 30 Prozent. Aber wer in Westeuropa will schon im Müll wühlen?

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Daniel Fetzner ist nach Kairo gefahren und hat dort ein Video drehen lassen, das ihn im Gespräch mit dem Philosophen Graham Harman zeigt, einem Vertreter des zur Zeit angesagten "spekulativen Realismus". Denn "48h Waste Land" will naturgemäß nicht nur dokumentieren, sondern auch analysieren. Die Fragestellung lautet: "wie Materie, Organismen und Geographien im Zeitalter der Technosphäre als relationale Verbindung auf einer Ebene mit dem Menschen gedacht werden können". Wir leben, das scheint inzwischen common sense zu sein, im Zeitalter des Anthropozän: dem ersten Erdzeitalter, in dem der Mensch so starken Einfluss auf den Planeten ausübt, dass er die auf ihm vorhandenen Lebensbedingungen verändert. Der Klimawandel ist ein Stichwort, ein anderes der Müll. Die riesigen Plastikansammlungen in den Meeren müssten zu denken geben. Konsequenzen bleiben bis auf weiteres aus. Nur der Lebensmittelkonzern Rewe hat eben beschlossen, keine Plastiktüten mehr auszugeben. Immerhin.

"48h Waste Land" versucht, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Mensch nicht Herrscher über, sondern Teil seiner Umgebung ist, sein Körper sich im Verzehr von Nahrungsmitteln, im Einatmen von Partikeln aus der Luft, in der Besiedlung seiner Organe mit Mikroorganismen im ständigen Austausch mit Dingen, Lebewesen, Systemen befindet. Im Stoffwechsel eben. Das ist die andere Seite des Anthropozän. Diese Erkenntnis führt zur bewusstseinsphilosophischen Konsequenz, nicht mehr "auf die Dinge" zu blicken, sondern verwoben "aus den Dingen heraus" zu leben.

Auch deshalb dauert "Waste Land" tatsächlich nonstop 48 Stunden. Denn: "Daten, Gedanken und Bakterien schlafen nicht", wie es in der Ankündigung des Projekts heißt – auch der Mensch schläft nur im Bewusstsein, Körper und Unbewusstes arbeiten nachts. Stichwort Bakterien: Wesentlicher Bestandteil der Naturwissenschaft, Philosophie und Kunst verbindenden Aktion ist ein Mikrobenlabor. Schüler der Freiburger Merian-Schule untersuchen, wie sich Hefekulturen aus Kairo und aus Deutschland in diesem Zeitraum entwickeln und an ihre Umgebung adaptieren – immer unter der Prämisse, dass der Mensch im Anthropozän keine Sonderstellung mehr genießt.

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy, letzter noch lebender Vertreter der Postmoderne und einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart, wird ein Seminar halten und im Anschluss an den Kurzfilm "Vers Nancy" – Teil eines 2002 entstandenen Projekts mit 15 Kurzfilmen über die Zeit – zum Gespräch bereit sein. Nancy hat in der Nachfolge von Heideggers Denken eine Ontologie des Mit-Seins entworfen und plädiert in den Zeiten der Globalisierung für neue – nicht nationale – Formen von Gemeinschaft. In Herbst werden zwei neue Bücher von ihm erscheinen: "Die verleugnete Gemeinschaft" und, in Auseinandersetzung mit Heideggers Schwarzen Heften, "Banalität Heideggers".

Unter der Prämisse, nicht auf die Dinge zu blicken, sondern aus ihnen heraus, müsste eine Filmkamera ohne den lenkenden Blick eines Kameramanns eine Null-Personen-Perspektive einnehmen. Geht das? Kann das – im doppelten Sinn – richtende Auge des Menschen ausgeschaltet werden? Daniel Fetzner hat es in Kairo mit seinen Studierenden mit einer neuen 3-D-Videotechnik und 360-Grad-Schwenks versucht. Die Kinofilme, die im Rahmen von "Waste Land" – eine Anspielung auf das Epos von T. S. Eliot – gezeigt werden, setzen sich mit dem Stoffwechsel von Mensch, Technologie und Natur auseinander. "The Iron Ministry" begibt sich auf eine Eisenbahnfahrt durch China unter Ausschluss einer filmischen Zentralperspektive, "Spiral Jetty" von Robert Smithson dokumentiert die vergängliche Sandskulptur, der der Landart-Künstler vor 45 Jahren in die Wüste von Nevada gesetzt hat, in Michelangelo Antonionis Hippiehymne "Zabriskie Point" fangen Felsen an zu sprechen. Im Anschluss an Louis Hendersons Film "All that is solid" gibt es am Ende der 48 Stunden eine szenische Lesung mit Jürgen Reuss.

Und das hat es in Freiburg noch nicht gegeben: Mitten in der Nacht davor – genau um 3 Uhr – setzt Tomas Wald, der Leiter des Freiburger Roma-Büros, zu einer "Wutrede" mit dem kryptischen Titel "Dionysische Materien-Wandlungen" an.

Wie das alles miteinander zusammenhängt? Darauf haben Daniel Fetzner und Martin Dornberg, die ihr Verfahren "künstlerische Forschung" nennen, entwaffnender Weise selbst keine Antwort. Antworten auf ein richtungsweisendes Thema vorzuschreiben, wäre auf jeden Fall nicht im Sinne von "48h Waste Land". "Wir machen verrückte Sachen", sagt Daniel Fetzner. Man könnte es aktive Intervention nennen. Eine politische Botschaft ist nicht intendiert. Wie auch – wenn der Mensch künftig nur ein Ding unter vielen ist?

Weitere Informationen auf:    http://www.metaspace.de

INFO: das Programm


Eröffnung:
9. Juni, 20.30 Uhr: Live-Performance von Harald Kimmig und Ephraim Wegner.
10. Juni 14.30 –18 Uhr/11. Juni 10 -12 Uhr: Seminar mit Jean-Luc Nancy (Anmeldung erforderlich). 19 Uhr: "Vers Nancy" und Gespräch mit Nancy.
12. Juni: 19 Uhr: Film "All that is solid" und szenische Lesung mit Jürgen Reuß und Daniel Fetzner mit Videoaufnahmen aus Kairo und Eschbach.  

Autor: bs

Autor: Bettina Schulte