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03. Mai 2011

Der Mensch ist nicht auf der Höhe seiner Produkte

Günther Anders sollte der Philosoph der Stunde sein.

  1. G. Anders Foto: dpa

Es stirbt das Sterben. Es versiegt das Verseuchen. Es zerstrahlt das Verstrahlen: Paradoxien wie diese, die dem Werk des Atomphilosophen Günther Anders entlehnt sind, liegen nahe, wenn man zu erfassen versucht, was mit der Atomkatastrophe von Fukushima als Medienereignis passiert: Sie wandert in die entfernteren Regionen der "News" ab, während sich nichts an der Faktenlage ändert. Der Medienbetrieb ist nicht für die Wiederkehr der ewig gleichen katastrophalen Nachrichten gemacht. Segmente der informierteren Öffentlichkeit mögen es inzwischen gelernt haben, mit 24 110 Jahren Halbwertzeit für das hochgiftige Plutonium zu rechnen. Gleichzeitig nimmt die Halbwertzeit von Nachrichten immer mehr ab. Das ADS-Syndrom ist vorab ein mediales.

Aber es ist nicht nur das. Aus der Philosophie von Anders, der lange Zeit als Philosoph von Hiroshima und Tschernobyl, mit einer unzulässig personalisierenden Metapher als "das Gewissen des Atomzeitalters" galt, ist etwas über die Grenzen menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit, nicht nur der medialen, zu erfahren. Sie ist punktuell und auf mittlere Größenverhältnisse fixiert, nicht auf die Dauer von Katastrophen, die Monströsitäten sind. Deswegen scheitert an ihnen die Vorstellungskraft.

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Das Erdbeben von Lissabon 1755 mag man sich, auf den historischen Punkt gebracht, noch halbwegs vorstellen können, Hiroshima und Nagasaki unter dem Signet der Atompilze im Rahmen einer Ästhetik des Schrecklichen noch als Brennpunkte eines bisher ungekannten militärischen Terrors. Aber bei strahlenden Dauerereignissen im Supergau-Format versagt das Vorstellungsvermögen prinzipiell. Allerdings leitet sich daraus keinerlei Rechtfertigung des Humansubjekts ab.

Der Riss zwischen menschlichem Vorstellungsvermögen und den Großkatastrophen des technisch-militärischen Komplexes ist für Anders zum Ausgangspunkt seiner Philosophie der "Antiquiertheit des Menschen" geworden. Sie ist gegen die Identitätsmythen der Tradition ausdrücklich eine "Diskrepanzphilosophie": Menschliches Vorstellen und technisches Herstellen, Gewissen und Wissen, Fühlen und Machen klaffen im Zeitalter der Technokratie heillos auseinander. "Technokratie" meint nicht primär die Herrschaft einer Technikerkaste, sondern die Herrschaft der Technik über den in seinen humanen Kapazitäten antiquierten Menschen. Das autonome Subjekt von ehedem ist im Blick auf die Großtechniken unserer Epoche "ungleichzeitig": "Wir sind von gestern".

Der antiquierte Mensch ist nicht auf der Höhe seiner Produkte. Er lebt gleichsam immer "über seine Verhältnisse". Als "Homo faber" macht er mehr, als er sich klarmachen, geschweige denn verantworten kann. In eine unabsehbare Zukunft entwirft er seine fahrlässigen Projekte. Und so wird er, der avancierteste und zugleich retardierte Nachfahre des Feuerbringers Prometheus, zum Legastheniker, der herstellen, aber nicht vorstellen kann; zum emotionalen Analphabeten, der sich beim besten Willen in die Atomopfer der Jetztzeit nicht einfühlen kann; zum moralischen Idioten, der kläglich an den Aufgaben einer Fernsten-Ethik scheitert.

Die Philosophie von Günther Anders war imstande, den militärischen Terror von Hiroshima und Nagasaki, den "friedlichen" von Tschernobyl auf nicht antiquierte Begriffe zu bringen. Sie ist auch geeignet, der Katastrophe von Fukushima gerecht zu werden: als Philosophie unserer Zeit "in Gedanken erfasst". Dem Menschen stellt sie ein Armutszeugnis aus, das seinen technokratischen Narzissmus am tiefsten kränkt. Das "prometheische Gefälle" zwischen Vorstellen und Herstellen, das Unvermögen, der Größe seiner technischen Produkte gerecht zu werden, ist in Fukushima so brutal deutlich geworden wie zuvor nur in Tschernobyl. Dass sogenannte "Naturkatastrophen" in der durchtechnisierten Welt von heute unvermeidlich technische Katastrophen sind, die fatale Kettenreaktion sich in der Mutation von Natur- zu Technokatastrophen vollzieht, will dem antiquierten Menschen, wenn überhaupt, nur widerwillig und stets zu spät in seinen von Omnipotenzphantasien deformierten Kopf. Auf der nach oben offenen Richter-Skala hat er es nicht zu nur halbwegs zuverlässigen Einschätzungen gebracht. Nicht einmal richtig zu rechnen hat er gelernt. Die Betreiberfirma Tepco liefert jeden Tag aufs Neue mit ihren Fehlleistungen die Parodie des prometheischen Menschen. Wenn dieser weiter für seine "Endlager"-Stätten frohgemut die nächsten Zwischenheißzeiten zu garantieren vermag, tendiert das Gefälle zwischen Herstellung und Vorstellung seines Destruktivpotentials gegen unendlich.

Auf die Aussagekraft von antiquierten Begriffen wie "Sicherheit" oder "Risiko" darf man ihn schon gar nicht festlegen. Das sind Sandkastenbegriffe, verbale Entsorgung im Zwischenlager der Begriffe. Immer noch glaubt der Mensch an die Ausnahme und die Regel. Die Mysterien der Wahrscheinlichkeitsrechnung mit ihrer Gleichsetzung des statistisch Unwahrscheinlichen mit dem pragmatisch zu Vernachlässigenden sind seine Apologien der Fahrlässigkeit. Auf sie gründet er die "friedliche Nutzung der Atomenergie". Nach dem sarkastischen Wort von Günther Anders sind AKWs "Zeitbomben mit unfestgelegtem Explosionstermin".

In einem Punkt freilich bleibt Anders’ Antiquiertheitsphilosophie hinter der Lehre von Fukushima zurück. Denn es ist nicht nur die destruktive technische Produktivität, die den prometheischen Menschen veralten lässt. Es ist vielmehr die Technik selber, die hinter alternativen Möglichkeiten zurückbleibt. Das ist die Antiquiertheit der Technik von Fukushima. Von prometheischer Scham, vormals der Scham des Technotitanen vor der Perfektion seiner Produkte, kann schon gar keine Rede mehr sein, weit eher von prometheischem Hohn: "Ich euch ehren, wofür?"

Autor: Ludger Lütkehaus