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07. Dezember 2015

"Die Bedeutung seines Denkens steht nicht in Frage"

BZ-INTERVIEW mit Hermann und Arnulf Heidegger über die Debatte um Martin Heideggers "Schwarze Hefte" und den Fortgang der Gesamtausgabe.

  1. Kein leichtes Erbe: Hermann und Arnulf Heidegger mit einem Band der Heidegger-Gesamtausgabe Foto: seeger

Gleich zwei Tagungen werden sich an der Universität Freiburg in den kommenden Woche mit Martin Heideggers Schwarzen Heften auseinandersetzen. Bettina Schulte sprach im Vorfeld des doppelten Ereignisses mit dem Sohn und dem Enkel des Denkers.

BZ: Herr Heidegger, Sie haben mehr als 35 Jahre den Nachlass Ihres Vaters betreut. Sind Sie erleichtert, dass Ihr Sohn vor knapp zwei Jahren diese schwierige Aufgabe übernommen hat – besonders in diesen Tagen, da die Publikation der sogenannten "Schwarzen Hefte" für so viel Aufsehen gesorgt hat?
Hermann Heidegger: Ich hätte meinem Sohn gern diese zusätzliche Arbeit erspart. Aber natürlich bin ich froh, dass
ich mit meinem jüngsten Sohn einen in der Familie habe, der sich bereit erklärt hat, diese gewiss nicht leichte Aufgabe zu
übernehmen.

BZ:
Sie hätten die Verwaltung des Nachlasses ja auch auf einen Heidegger-Forscher übertragen können.
HH: Nein, es war der klare Wille meines Vaters, dass diese Aufgabe in der Familie bleiben sollte.

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BZ:
Auch wenn Sie – wie die Öffentlichkeit 2005 erfahren hat – , gar nicht der leibliche Sohn Martin Heideggers sind?
HH: Meine Mutter hat mich darüber informiert, als ich 14 Jahre alt war. Dieses Wissen hat mich sehr belastet, zumal sie mir das Versprechen abnahm, mit niemandem darüber zu sprechen. Über meinen Vater kann ich mich aber nicht beklagen. Wir hatten ein ausgezeichnetes Verhältnis – sogar ein besseres, als Martin Heidegger zu seinem leiblichen Sohn Jörg hatte, da meine Interessenlage der seinen näher war.

BZ:
Aber vorbereitet auf die Tätigkeit als
Nachlassverwalter waren Sie nicht.
HH: Als er auf mich zukam, sagte ich: du hast doch so viele gute Schüler: Ich habe Walter Biemel, Walter Bröcker und Hans-Georg Gadamer genannt. Aber er hielt an mir fest. "Ich will, dass du das machst", sagte er. Und ich war auch da ein gehorsamer Sohn und habe innerlich die Hände an die Hosennaht gelegt.
Arnulf Heidegger: Mein Vater ist kein Fachphilosoph. Als promovierter Historiker hatte er eine gründliche wissenschaftliche Ausbildung durchlaufen, als Soldat war er für seine Entscheidungsfreude und Durchsetzungskraft bekannt. Mein Großvater erkannte diese Stärken und wusste, sich auf ihn als Nachlassverwalter verlassen zu können. Zur Klärung fachphilosophischer Fragen stellte er ihm seinen Privatassistenten, Friedrich-Wilhelm von Herrmann zur Seite, den er als "Hauptmitarbeiter der Gesamtausgabe" bezeichnete.

BZ:
Welche Rolle spielte Ihre Mutter?
HH: Meine Mutter hatte es nicht leicht. Sie hat die vielen Amouren ihres Mannes toleriert, weil sie wusste, dass bedeutende Männer zu Liebschaften neigen, um Kraft für ihr Werk zu gewinnen.
AH:
Für meine Großmutter war es eine große Freude, dass Martin Heidegger ihr seine Gesamtausgabe gewidmet hat.
HH:
Das war sein Bekenntnis: Ohne diese Frau wäre meine Lebensleistung nicht möglich geworden. Von dieser Seite her habe ich vor meiner Mutter eine riesige Hochachtung.

BZ:
Kommen wir zurück zur Gesamtausgabe und zu den "Schwarzen Heften". Haben Sie mit einer derart heftigen Reaktion gerechnet?
HH: Nein.
AH: Als mir die kritischen Stellen bekannt wurden, war mir klar, dass die Veröffentlichung einen großen Wirbel auslösen würde.

BZ: Heidegger hatte die Hefte zur Veröffentlichung freigegeben. Es handelt sich nicht um ein klandestines Manuskript.
HH: Diese wenigen Stellen, 15 insgesamt
auf mehr als 600 Seiten verteilt, sind marginal. In seinem ganzen praktischen Leben ist Martin Heidegger freundschaftlich mit Juden umgegangen.

BZ: Nun kann und muss man ja vielleicht
das persönliche Leben vom denkerischen
Weg trennen.
AH: Persönliche Freundschaften und Antisemitismus müssen sich nicht ausschließen. Es gibt in den Schwarzen Heften auch heftige Urteile über das Christentum und den Klerikalismus, was meinen Großvater nicht daran gehindert hat, Freundschaften zu Theologen zu pflegen. Ich bedaure, dass die weit verstreuten Sätze häufig nicht im Kontext gelesen werden. Ich möchte die Problematik der Stellen nicht kleinreden, doch der Sinn verschiebt sich nicht selten, wenn sie im Zusammenhang gelesen werden. Mir bereitet der Umstand mehr Kopfzerbrechen, dass Heidegger in den Schwarzen Heften von 1945 bis 1948, obwohl er zuweilen vom Verbrecher Hitler spricht, keine Auseinandersetzung mit den Verbrechen des NS-Regimes vornimmt.
HH: In Vorträgen hat er doch etwas dazu gesagt.
AH: Das Bewusstsein für das Unrecht scheint durchaus vorhanden gewesen zu sein. Im Brief an Jaspers vom 8.April 1950 schreibt er, dass " je mehr das Bösartige herauskam, auch die Scham wuchs, jemals hier unmittelbar und mittelbar mitgewirkt zu haben". Er hat sich mit Hannah Arendt getroffen, sie sah sich in der Lage, die Freundschaft wieder aufzunehmen. Mein Großvater lernte Viktor Frankl, der Auschwitz überlebt hatte, kennen und ging mit ihm eine Freundschaft ein – ohne dass er Zeugnis davon abgelegt hat. Die Briefe von Arendt: weitgehend vernichtet. Die Briefe von Frankl: vernichtet.
"Ich bin an die Vorgaben

meines Großvaters gebunden."

Arnulf Heidegger
BZ: Warum hat er das getan?
AH: Ich weiß es nicht.
HH: Bei Husserl war es so, dass dieser ihm die Freundschaft aufgekündigt hat und nicht umgekehrt. Das können Sie im Band 16 der Gesamtausgabe nachlesen. Herr Jäger (der ehemalige Rektor der Freiburger Universität, die Red.)weigert sich bis heute, die in der Universitätsfestschrift verbreiteten Lügen zu korrigieren: Husserls Ehefrau ist nicht durch Freitod aus dem Leben geschieden, sondern hat noch Jahre nach dem Krieg in Freiburg gelebt.

BZ: Wie wird die Auseinandersetzung um
die "Schwarzen Hefte" weitergehen?
AH: Ich denke, nach der ersten Welle wird man feststellen, dass die Schwarzen
Hefte nicht nur aus den problematischen
Stellen bestehen. Ein chinesischer Professor sagte mir neulich eine gute Zukunft für Heideggers Denken und speziell für die Schwarzen Hefte in China voraus, zeige sich Heidegger darin doch als Antiamerikaner. 1700 Seiten sind veröffentlicht. Es folgen noch fünf Bände.

BZ:
Ist ein Zeitraum avisiert?
AH: Das kann ich nicht genau sagen.2016 werden voraussichtlich weitere Bände der Gesamtausgabe erscheinen, aber keine neuen Bände der Schwarzen Hefte.

BZ: Sie halten an Peter Trawny als Herausgeber der "Schwarzen Hefte fest?
AH: Ich schätze ihn als sorgfältig und zügig arbeitenden Editor. Seine Bewertung teile ich nicht. Ich sehe nicht, dass der von ihm so genannte "seinsgeschichtliche Antisemitismus" in den Vorlesungen und den in dieser Zeit entstandenen sogenannten seinsgeschichtlichen Abhandlungen eine Stütze fände.

BZ: Glauben Sie, dass das Ansehen des Denkers Martin Heideggers durch die Debatte Schaden genommen hat?
AH: Auf Dauer wird sie die Bedeutung seines Denkens nicht in Frage stellen. Dass sie den Namen Heidegger in eine Zwiespältigkeit geführt hat: Das ist so.

BZ: Der Freiburger Philosoph Günter Figal hat wegen der "Schwarzen Hefte" den Vorsitz der Heidegger-Gesellschaft niedergelegt. Wie stehen Sie dazu?
AH: Günter Figal hat zwölf Jahre lang die
Heidegger-Gesellschaft mit großem Erfolg
geführt. Noch im September 2014 hat er erklärt, die Gesellschaft sei kein Heldenverehrungsverein, sondern ermögliche eine sachliche und kritische Auseinandersetzung mit diesem Denken. Dies sieht der neue Vorsitzende Helmuth Vetter nicht anders.
BZ: Wie geht es mit der Gesamtausgabeweiter?
AH: Mein Großvater hat verfügt: Was in die Gesamtausgabe hereinkommt, wird der Forschung im Moment der Veröffentlichung zugänglich. Die Arbeit der Herausgeber kann an den Handschriften überprüft werden. Die zweite Vorgabe lautet, dass der andere Teil des Nachlasses bis 70 Jahre nach seinem Tod gesperrt bleibt. Für die vierte Abteilung "Aufzeichnungen und Hinweise" hat er keine ausführlichen Richtlinien vorgegeben. Sie wurde von Friedrich-Wilhelm von Herrmann und meinem Vater in einer zusammengerechnet halbjährigen Arbeit in Marbach zusammengestellt.

BZ: Welchen Spielraum hat Heidegger gelassen?
AH: Es gibt nur spärliche Vorgaben. Es muss ein satzfertiges Manuskript sein – und im Zweifel ist es nicht zu veröffentlichen. Einerseits verstehe ich das Begehren der Forschung, andererseits bin ich an die Vorgaben meines Großvaters gebunden und habe versucht, eine konstruktive Lösung zu finden: Klaus Held aus Wuppertal bekommt Einsicht in den gesperrten wissenschaftlich-literarischen Nachlassteil. Findet er Veröffentlichungswürdiges, ob nun heiklen Inhalts oder nicht, kann es veröffentlicht werden.

BZ: Um welches Konvolut geht es?
AH: Es sind handschriftliche Manuskripte, Fragmente und tausende von Notizzetteln. Held ist ein international hoch angesehener Philosoph und exzellenter Kenner des Denkens Heideggers, diesem zugeneigt, ohne Heideggerianer zu sein.

BZ: Ist ein Zeitrahmen vorgegeben?
AH: Die Arbeit geht gut voran, ich kann und will keinen Zeitdruck erzeugen.

BZ: Was halten sie von der Idee einer historisch-kritischen Ausgabe?
AH: Die Voraussetzungen sehe ich als nicht gegeben an. Die Frage wird sein, ob, wann, in welchem Umfang eine Digitalisierung des Nachlasses erfolgt. Das wäre ein Mammutprojekt. Vorrangig ist für mich die Fertigstellung der Gesamtausgabe und die Betreuung von Briefausgaben.

BZ: Der Vorwurf, dass Sie als Familie den
Zugang zu Heideggers Nachlass blockieren, trifft Sie nicht?
AH: Die meisten Materialien sind zugänglich. Im Übrigen gilt für mich der Wille meines Großvaters und der Auftrag seiner Söhne Jörg und Hermann.

BZ: Was ist mit dem Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und seinem Bruder Fritz?
AH: Der Briefwechsel liegt in Marbach zur Einsicht und ist zur Edition vorbereitet. Ich habe die Veröffentlichung gestoppt, weil das Persönlichkeitsrecht noch lebender Angehöriger berührt ist. Er wird vollständig erscheinen.

BZ: Nachdem in Freiburg lange geschwiegen wurde, gibt es innerhalb weniger Wochen gleich zwei Tagungen über die Schwarzen Hefte. Wie stehen Sie dazu?
AH: Es ist nichts gegen eine sachlich-kritische Auseinandersetzung einzuwenden. Ich sehe den Diskussionen mit Interesse entgegen.

ZUR PERSON: Herrmann Heidegger

Der Stiefsohn Martin Heideggers wurde 1920 in Freiburg geboren. Im Zweiten Weltkrieg war er Infanterieoffizier. Nach Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft studierte er Geschichte und Pädagogik, promovierte bei Gerhard Ritter in Freiburg. 1955 bis 1979 arbeitete im Bundesministerium für Verteidigung. Seit dem Tod Martin Heideggers 1976 etreute Hermann Heidegger als dessen Nachlassverwalter die auf über 100 Bände angelegte Gesamtausgabe.

Arnulf Heidegger

Das mit Jahrgang 1968 jüngste von sechs Kindern Hermann Heideggers wurde mit dem Besuch eines humanistischen Gymnasiums auf seine künftige Aufgabe vorbereitet. Er studierte in Freiburg und München Jura und praktiziert als Rechtsanwalt in einer Sozietät in Singen. Am 1. Januar 2014 übernahm er von seinem Vater die Verwaltung des Nachlasses von Martin Heidegger. Das Erbe des Freiburger Philosophen bleibt damit in zweiter Generation in der Familie.  

Autor: bs

TERMINE

Heidegger-Tagungen am FRIAS Freiburg

Ein Kuriosum, das nur mit internen Streitigkeiten am Fachbereich Philo-

sophie der Universität Freiburg zu erklären ist: Binnen fünf Wochen finden zwei Tagungen zu Martin Heidegger und seinen ",Schwarzen Heften" statt.

Die erste Tagung (9. – 11. Dezember) ist eine Gemeinschaftsveranstaltung des Freiburger Institute for Advanced Studies (FRIAS) mit den Freiburger Religionsgesprächen und dem Husserl-Archiv. Unter dem Titel
"Heideggers Schwarze Hefte – Ideologieanfälligkeit des Intellektuellen"
sprechen und diskutieren u.a. Rainer Marten, Marion Heinz, Axel Hutter, Peter Trawny, Jeff Malpas, Emil Angehrn, Claus Arnold und Dieter Thomä.

Die zweite Tagung (14. – 16. Januar) wird von dem am Lehrstuhl Figal angesiedelten Herausgeberkreis des Heidegger-Lexikons organisiert. Zu dem sehr ähnlichen Thema "Geschichte, Politik, Ideologie – Heideggers Schwarze Hefte im Kontext" werden als Referenten u. a. Sidonie Kellerer Gérard Bensussan, Maurizio Ferraris, Markus Gabriel, Peter E. Gordon, Sidonie Kellerer, Dennis McManus und – wieder – Dieter Thomä erwartet.  

Autor: BZ

Autor: bs