Die mächtige britische Exzentrikerin

Iris Mostegel

Von Iris Mostegel

Mi, 02. September 2015

Kultur

Gertrude Bell: Schlüsselfigur im Orient des Ersten Weltkriegs.

Ungekrönte Königin des Irak. Wüstentochter. Mutter der Gläubigen: Es gibt viele Beinamen für Gertrude Bell, die mächtige britische Exzentrikerin, die den Irak erfand. Ihre Geschichte beginnt in London 1889. Bell ist 21 und auf der Suche nach einem Mann. Das Geschichtsstudium in Oxford mit Auszeichnung abgeschlossen, tanzt sie jetzt durch Londons Ballsaison, dem Heiratsmarkt für die betuchte Jugend. Als sie niemanden findet, geht sie auf Reisen und ist unter anderem als Alpinistin in der Schweiz unterwegs – die 2633 Meter hohe Gertrudspitze im Berner Oberland trägt ihren Namen.

Doch noch mehr fesselt sie die Wüste. Sie beginnt Arabisch zu lernen, studiert Archäologie, unternimmt ihre erste Forschungsexpedition durch die Wüste Syriens. Fasziniert von der fremden Welt taucht die polyglotte Rothaarige mit ihren acht Sprachen immer tiefer in sie ein; über Jahre hinweg. Bis sie 1915 ein Telegramm erhält – das britische Empire braucht sie. Es ist der Erste Weltkrieg.

Eine Exotin mit grünen Augen

England steht im Kampf gegen das Osmanische Reich. Man will die arabischen Stämme als Verbündete für eine Revolte gegen die Türken gewinnen. Dazu benötigt man Informationen, die nur eine Handvoll Engländer besitzt – und Bell gehört dazu. Tausende Meilen war sie auf Kamelen durch Arabien gereist, hatte mit Beduinensheikhs Brot und Salz geteilt, ihren politischen Meinungen gelauscht. "Sie ist zwar nur eine Frau", meinte ein Stammesfürst, "aber eine mächtige und eine tapfere." Die Einheimischen vertrauten der Exotin mit den grünen Augen, sahen in ihr mehr Araberin als Britin.

Am 3. März 1916 läuft ein britischer Truppentransporter im Hafen von Basra in Südmesopotamien ein. Gertrude Bell, "die bemerkenswert kluge Frau mit dem Gehirn eines Mannes", war vom Vizekönig der britischen Kronkolonie Indien abkommandiert worden. Sie macht sich an die Arbeit: zeichnet Karten, die der Armee den Vormarsch nach Bagdad weisen sollen, erarbeitet Profile der Beduinenstämme und spielt ihre Beziehungen zu deren Führern aus, um sie von einer Allianz mit England zu überzeugen.

Bells steiler Aufstieg hat begonnen: Zunächst als erster weiblicher Geheimdienstoffizier des britischen Militärs ("Major Miss Bell"). Und ab 1917 als Orientsekretärin, wo sie das politische Gerüst des künftigen Staats Irak mitentwerfen wird. Neben ihrem Fachwissen sorgt vor allem ihre politische Scharfsinnigkeit für Aufsehen; wo andere nur das Detail sehen, sieht sie das große Ganze.

Nur: Gertrude Bell irritiert die Generäle vor Ort. Viele fühlen sich von ihrem Intellekt und dem Selbstbewusstsein in die Ecke gedrängt, etwa, wenn sie einen Offizier vor versammelter Runde mit "Du kleiner Wichtel!" herunterputzt. Ein Kollege spricht von "grenzenloser Selbstgefälligkeit", der Diplomat Mark Sykes schimpfte sie einen "doof herumschnatternden, eingebildeten Windbeutel".

Doch zur Eskalation führten Bells politische Ansichten: Sie hatte sich zu einer glühenden Verfechterin arabischer Selbstbestimmung entwickelt, dies zu einer Zeit, in der ihre britischen Kollegen die Einheimischen abfällig als Frocks ("Kittel") bezeichneten. Man beginnt gegen Bell zu intrigieren, doch längst haben ihre Visionen vom künftigen Irak Konturen angenommen. Einen toleranten, modernen Vorzeigestaat will sie schaffen – unter der Anleitung Englands. Letztendlich bleibt sie Britin, die den Interessen ihrer Heimat diente und in Mesopotamien hieß das vor allem Öl. Trotz der Querelen blüht Bell in Bagdad auf, wo sie seit 1917 lebt. Ihre zwei unglücklichen Beziehungen aus vergangenen Zeiten scheint sie in Mesopotamien zu vergessen.

Herbst 1920, Bagdad. Ausgelöst durch einen Aufstand der Iraker beschließt die britische Mandatsmacht, das Land in die Selbstverwaltung überzuführen. "Lang lebe die arabische Regierung!", jubiliert Bell. Eine einheimische Regierung wurde gebildet, der Premier ernannt, das Wahlrecht entwickelt. Nur noch ein Herrscher fehlte. In Bells Augen war Faisal, der 36-jährige Sohn des Scherifen von Mekka, der Fähigste, das fragile Land mit seinen Schiiten, Sunniten, Kurden, Christen und Juden zusammenzuhalten. Und sie setzte sich bei Churchill und den Irakern durch.

Bell war erschöpft, aber zufrieden, nicht ahnend, dass sie in all den Jahren bereits den Samen für blutige Konflikte der Jetzt-Zeit gesät hatte. Etwa die von Beginn an bewusst institutionalisierte politische Marginalisierung der Schiiten zugunsten der Sunniten, oder die (ölreiche) Provinz Mosul mit ihren Kurden in den Irak zu integrieren.

23. August 1921, sechs Uhr morgens. 21 Salutschüsse ertönten über Bagdad, die Kapelle spielte "God Save the King". Noch fehlten dem Staat eine Hymne und die endgültigen Grenzen. Es sollte eine von Bells letzten Aufgaben sein, die "südliche Wüstengrenze des Irak" zu ziehen. Dann schwand ihr Einfluss und Bell vereinsamte, sie wurde schwermütig.

Als 54-Jährige verliebte sich die grauhaarige Major Miss Bell ein letztes Mal, aber scheitert erneut. Am 12. Juli 1926, zwei Tage vor ihrem 58. Geburtstag, findet sie Zimmermädchen in ihrem Bett. Auf ihrem Nachttisch Schlaftabletten, sie hatte eine Zusatzdosis genommen. Absichtlich? Das wurde nie geklärt. Sie ruht bis heute dort, wo sie es sich gewünscht hatte: in irakischem Boden. Einem Land, für das sie so Großes vorgehabt hatte.