Ein Akt vollständiger Befreiung

Alexandra Wehrle

Von Alexandra Wehrle

Di, 16. Juni 2015

Kultur

Gisela Bury war einst wissenschaftlich-archäologische Zeichnerin / Ausstellung im Kunstforum.

TITISEE-NEUSTADT. "Gisela Bury ist eine Meisterin der Komposition. Mich fasziniert dieser fast traumwandlerisch sichere Wechsel von Linie und Fläche", sagte Antje Lechleiter, Kunsthistorikerin aus Freiburg, am Freitagabend bei der Eröffnung von Burys Ausstellung im Kunstforum in Neustadt. 44 neue Werke der Künstlerin aus Ihringen am Kaiserstuhl sind dort zu sehen. Sie arbeitet mit Pastellkreide und farbigen Scherenschnitten. Mit dieser Technik sind Zeichnen und Malen zugleich möglich.

Die Handschrift der Künstlerin sei beim Betrachten der Bilder sofort erkennbar, so Lechleiter. Seit 1995 arbeitet Gisela Bury freischaffend und konzentriert sich auf Pastellkreide. Berufsbedingt beherrscht sie auch andere künstlerische Techniken. Sie war Glasmalerin, Designberaterin für eine Goldschmiede und von 1979 bis 2002 wissenschaftlich-archäologische Zeichnerin am Institut für provinzialrömische Archäologie in Freiburg. Nach dem Beruf, in dem es galt, archäologische Funde akribisch genau mit schwarzer Tusche aufs weiße Papier zu zeichnen, "konnte nun endlich ein Akt der vollständigen Befreiung erfolgen", so Lechleiter.

Flächen und Linien, Farbe und Kontur bekommen gleichermaßen ihren Platz. Schon der Untergrund ist farbig: Meist verwendet Bury farbiges Velourpapier, auf das sie Farbflächen ohne Verwischen in Schichten übereinanderlegt. Dadurch entstehen Kompositionen, die aus mehreren, transparenten Schichten aufgebaut sind. "Konstruktiv verzahnte, ineinandergeschobene Farbbänder und -flächen schweben ruhig auf dem Papier", so Lechleiter. "Bei entsprechendem Licht ergibt sich eine fantastische Tiefenwirkung." Der Betrachter habe das Gefühl, durch mehrere zugezogene Schleier hindurchzublicken oder etwas wie die Bahnen eines Vorhangs zu erahnen, der sich partiell öffne und einen Blick auf das Dahinter freigebe. "Das Auge wandert in die Tiefe, passiert Durchgänge, gleitet über weite Felder, vollzieht eine Reise in die Farbe."

Neben Farbe sind auch feine, grafische Elemente zu entdecken, schwarze Linien, die die Farbgebilde unterbrechen, durchschneiden, gar stören. Manche Bilder bearbeitet Bury mit einem Kamm, so dass sie von feinen Schraffuren überzogen sind. Das erinnere an die jungsteinzeitliche Kamm-Keramik, so Lechleiter. Durch ihre Technik erzeuge die Künstlerin eine innere Bildharmonie. Sie gleiche Gegensätze wie Transparenz und Dichte, Offenheit und Geschlossenheit aus. Kühle Farben wechselten ab mit warmen, Zartes lehne sich an Kräftiges an.

Seit 2012 versieht Bury ihre Arbeiten teils mit Scherenschnitten, die sie über sie legt. "Diese ermöglichen es ihr, das Spiel mit den übereinanderliegenden Bildebenen noch weiter zu treiben und dem Bild einen anderen Rhythmus zu geben", erklärte die Kunsthistorikerin. Teile des Bildes werden abgedeckt, das Auge auf die Öffnungen und das Dahinter gelenkt. "Oftmals beruhigen diese Papiere die Komposition und stellen dem unruhigen Flirren der rauen Pastellkreidespur" klare Schnittkanten zur Seite. Auch das Papier, aus dem die Scherenschnitte bestehen, ist farbig.

Es ist schwierig, die vielschichtigen abstrakten Bilder von Bury einer Gattung zuzuordnen. Sie erinnern an Interieurs, manchmal an Stillleben. Lechleiter: "Beim Betrachten dieser Werke erahnt man ihr Bestreben, die äußere Realität zu durchdringen, um den Kern des Seins zu erfassen."

Info: Kunstforum Hochschwarzwald, Salzstraße 16, Neustadt. Die Ausstellung läuft bis 5. Juli und ist samstags von 16 bis 18 Uhr sowie sonntags von 11 bis 13 Uhr geöffnet. Frühere Werke der Künstlerin sind derzeit im Neustädter Rathaus ausgestellt.