Ein Fight im Altenheim

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Sa, 09. Oktober 2010

Kultur

"Das Herz eines Boxers": Kammerspiel im Freiburger Spielraum.

"Das Herz eines Boxers" – ein geradezu poetischer Titel, zählt doch im Kampf gemeinhin eine starke Linke mehr als jenes allzu verletzbare Organ. Da liegt die Assoziation von rauer Schale und weichem Kern nicht fern. Und genau darum geht es in Lutz Hübners 1996 im Berliner Grips- Theater uraufgeführten und mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichneten Stück: Wie sich dieses pulsierende Stück Menschlichkeit trotz Verrat und Niederlage verteidigen lässt, das macht den wahren Lebenskämpfer aus. Wer hätte damit mehr bittere Erfahrungen als zwei gesellschaftliche Außenseiter: der eine ein scheinbar seniler Alter, der andere ein chancenloser Jungkrimineller. Als Ring fungiert in diesem Generationen-Kammerspiel ein tristes Zimmer in der geschlossenen Abteilung eines Altersheimes.

In Bernd Bosses Inszenierung im Freiburger Spielraum liegen zwischen den beiden Hauptdarstellern auch real fast fünfzig Jahre Altersunterschied – und schon das hat in punkto Bühnenenergie einen ungeheuren Reiz: Wie ein sterbender Kranich schlurft Leo in grauen Pantoffeln seine Kreise, während ihn dieser laute Jungspund aufs Gröbste provoziert und verspottet. Allein, der Alte schweigt. Nach und nach puzzelt sich Jojos Geschichte von Mopedklau, Jugendrichter und Arbeitsstunden zusammen – jetzt muss er dem Opa die Bude streichen. Wie sich zwischen den beiden über sieben Tage und Szenen-Runden aus allerlei Tiefschlägen erst Sparring, dann Annäherung und zarte Männerfreundschaft entwickeln, das hat dank der Authentizität und Spielfreude der Akteure viel Herz, aber kein bisschen Rührseligkeit. Vielmehr lebt auf der kleinen Bühne von Anfang an eine pulsierende Spannung: Denn während der coole Jojo langsam zutraulich wird und dem Alten seine Sehnsüchte und Sorgen anvertraut, reift in dem ehemaligen Boxchampion ein tollkühner Fluchtplan. Bei einem filmreifen Showdown werden sie am Ende beide wagen und gewinnen ...

Umwerfend, wie Benedikt Baur als Jojo zwischen großer Klappe, verletzter Männerehre und Hosenscheißer changiert. Beeindruckend, wie der hochgewachsene Walther Meumann erst den granteligen Eigenbrödler gibt, dann den großväterlichen Freund und schließlich den furchtlosen Draufgänger. Berührend, wie dazwischen immer wieder kleine, tragische Momente aufblitzen. Manches wirkt noch etwas dick aufgetragen, aber schnelle Schnitte, starke Bilder, pointierte Dialoge und viel Situationskomik machen dieses Stück ausgesprochen unterhaltsam und jugendkompatibel – und bieten dabei nicht nur jede Menge Identifikationspotential, sondern auch Stoff zum Diskutieren.
– Weitere Aufführungen: Heute und am 14., 15. und 16.10., jeweils um 20.30 Uhr. Am 10. 10. um 16 Uhr.  Kostenlose Lehrer-Sichtveranstaltung am 13.10. um 19.30 Uhr im Spielraum, Brombergstraße 17 c, Freiburg.
– Karten und Infos zu Schulaufführungen mit pädagogischer Vor- und Nachbereitung unter Tel. 0761/28 63 05.