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07. Februar 2015

Ein Leben in der Täuschung

Diskussion über Widerstand gegen das "Dritte Reich".

Der Widerstand gegen das "Dritte Reich" war unter den Verschwörern des 20. Juli 1944 überwiegend politisch begründet. Doch es gab auch eine deutliche religiöse Grundierung, die in Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer oder Alfred Delp und in deren Bindung an die beiden großen christlichen Konfessionen deutlich hervortrat. In den professoralen Freiburger Widerstandskreisen, die eher am Rande mit den Verschwörern zu tun hatten, die von den Verhaftungswellen nach dem Hitler-Attentat aber ebenfalls erfasst wurden, bot der christliche Glaube für manchen der Teilnehmer die Basis für seine Kritik am NS-Regime. Dies war in einer kleinen Vorlesungsreihe der Universität Freiburg zur Sprache gekommen.

Deshalb passte als Abschluss dieser Reihe eine Diskussion zwischen einem evangelischen und einem katholischen Theologen über das Widerstandsrecht. Reiner Marquard, ehemaliger Rektor der Evangelischen Hochschule Freiburg, und der katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff von der Universität Freiburg lieferten sich freilich kein Streitgespräch. Doch in der Gegenüberstellung von Bonhoeffer und Delp verdeutlichten sie die Unterschiede zwischen den Konfessionen: Delp sah sich in der Tradition des katholischen Umgangs mit dem Tyrannenmord, der im Fall Hitlers durch den Massenmord an den Juden für ihn vollauf gerechtfertigt war. Auch wenn er in die Attentatspläne nicht eingeweiht war, hielt er sie danach für richtig – und wurde dafür von den Nationalsozialisten gehängt. Mit dem Ja zum politischen Mord sei für Delp kein Schuldgefühl verbunden gewesen, so Schockenhoff: Aus der klaren theologischen Begründung der Tat folgte für ihn die "optimistische" Annahme, der Mensch tue in dieser schwierigen Situation das Richtige.

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Ein Anstoß zur Ökumene

So klar lagen die Verhältnisse für Bonhoeffer nicht: Er stand zwar zum Attentat auf Hitler, dem sich Lutheraner 1934 mit dem "Ansbacher Ratschlag", einem Gegenentwurf zur "Barmer Erklärung" der Bekennenden Kirche, gleichsam unterworfen hatten als ihrem von Gott eingesetzten "Führer". Doch damit, so seine Sichtweise, lud er Schuld auf sich, zumal mit dem Widerstand ein "Leben in der Täuschung", so Marquard, verbunden war. Und weil der gut lutherisch gesonnene Christ dieser schuldbeladenen Verstrickung ins Zeitgeschehen nicht entkommt, müssen Tyrannenmörder – oder eben die Attentäter des 20. Juli – ihre Tat mit ihrem Gewissen ausmachen. Das gibt zwar, wie Schockenhoff meint, deren tatsächliche persönliche Belastung besser wieder als Delps Optimismus, aber in der moralischen Beurteilung des Attentats hilft dies nicht weiter.

Diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen haben aber nicht die christliche Erinnerung an das Hitler-Attentat geprägt – im Gegenteil sehen Marquard und Schockenhoff in der Zusammenarbeit von Widerstandskämpfern beider Konfessionen einen Anstoß zur Ökumene. Und so waren sie sich auch in der Anwendung des Widerstandsrechts einig: Der demokratische Rechtsstaat schließe im heutigen Deutschland das Recht auf gewaltsamen Widerstand aus.

Autor: Wulf Rüskamp