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17. Dezember 2011
Eine Rakete mit der Füllung Zeit
Der früh verstorbene Schwarzwälder Schriftsteller Thomas Strittmatter wäre morgen 50 geworden.
Wie wär’ die Zeit? Verzeihung. Ich bin aus der Zeit gefallen." So beginnt Thomas Strittmatters Monolog "Aus der Zeit, in der Zeit". Ein kurzer Text, geschrieben für eine Theaterperformance; ein Auftragswerk. Und dennoch charakteristisch: Wie häufig in Strittmatters Texten kommt ein Außenseiter zu Wort, in diesem Fall ein notorisch unpünktlicher Alkoholiker, der die Kontrolle über sein Leben mehr und mehr verliert. Noch rennt er als triumphierender Überlebender zu den Beerdigungen anderer – doch möglicherweise ist er selbst tatsächlich bereits "aus der Zeit gefallen". Wie dieser gespenstische Trauergast haben fast alle Figuren in Strittmatters Werk ein besonderes Verhältnis zum Sterben; der Tod ist sein großes Thema. Die Versuchung liegt nahe, diese Obsession aus seiner Biografie herzuleiten: Der am 18.Dezember 1961 in St. Georgen im Schwarzwald geborene Autor wusste bereits als Kind von dem Herzfehler, der letztlich auch zu seinem frühen Tod im August 1995 geführt hat.
"Ein Mann, der mit fünfunddreißig Jahren gestorben ist, wird dem Eingedenken an jedem Punkte seines Lebens als ein Mann erscheinen, der mit fünfunddreißig Jahren stirbt", schreibt Walter Benjamin in seinem berühmten Essay "Der Erzähler". Das Eingedenken verführt dazu, im Nachhinein Zwangsläufigkeiten zu konstruieren, den Mythos eines Vielbegabten und Frühvollendeten zu kultivieren. Thomas Strittmatter ist als Autor fulminant gestartet. Er hatte die Fähigkeit, mit beeindruckender Geschwindigkeit zu schreiben, wobei die erste oder zweite Textfassung meist schon die gültige war. Zeitdruck, Deadlines, Abgabetermine, Einsendeschlüsse scheinen ihn beflügelt zu haben. Seine höchst unterhaltsame Bearbeitung von Gozzis "Die Liebe zu den drei Orangen" fürs Jugendtheater etwa soll innerhalb von drei Tagen entstanden sein. Auf der anderen Seite konnte sich die Arbeit an einzelnen Projekten über Jahre hinziehen; oft betraf das gerade die Stoffe, die ihm besonders am Herzen lagen: wie seine Versuche, die Lebensgeschichte des Madrigalkomponisten und Mörders Gesualdo in einem Theaterstück und – soviel zumindest ist dem ersten kurzen Entwurf zu entnehmen – in einem Jahrhunderte überspannenden, im Erzählen die Zeit überwindenden Roman zu verarbeiten.
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Mehrere solcher Großprojekte hatten sich am Ende von Strittmatters Leben angestaut. Das vielstimmig angelegte Fragment "Milchmusik", 1986 nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl begonnen, protokolliert subtil die sich verändernde Wahrnehmung mehrerer Großstadtbewohner – inzwischen wohnte Strittmatter in München, später in Berlin –, ihre Entfremdung von einer greifbaren Wirklichkeit. Dieser Text ist postum erschienen, andere Entwürfe finden sich unveröffentlicht im Deutschen Literaturarchiv Marbach – so unabgeschlossen wie das Gesamtwerk.
Angefangen hat alles zu Beginn der 80er Jahre mit Strittmatters Mundartstück "Viehjud Levi", geschrieben noch während seiner Schulzeit. In wenigen Szenen, in knappen lebensnahen Dialogen führt der junge Autor vor, wie ein jüdischer Viehhändler Anfang der 30er Jahre im Schwarzwald um seine Existenz kämpfen muss und gegen die sich zuspitzende alltägliche Diskriminierung bald keine Chance mehr hat – unter wirtschaftlichem Druck schwinden Solidarität und Mitmenschlichkeit schnell dahin. Mit diesem Stück erregte Strittmatter weit über die Region hinaus Aufsehen. Auch "Polenweiher", ebenfalls in alemannischer Mundart verfasst, wurde ein großer Erfolg. Wieder spielt die Handlung im Schwarzwald zur Zeit des Nationalsozialismus, sie ist weniger parabelhaft, komplexer angelegt; eine Geschichte von vielfachem Verrat und stiller Grausamkeit, die in den Totschlag an einer schwangeren polnischen Zwangsarbeiterin mündet. Nur ein Mensch trauert um sie, ein Sonderling, der Korbflechter und Hausierer Rot, der seinen Kummer und seine Sehnsucht nach der jungen Frau im wahrsten Sinne des Wortes in sich hineinfrisst und nicht wieder los wird, bis er an Darmverschluss stirbt.
Mit Anfang zwanzig war Thomas Strittmatter, der daneben Malerei und Graphik an der Karlsruher Kunstakademie studierte, im Theater- und Literaturbetrieb angekommen. Seine Stücke wurden zu Festivals eingeladen, mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an seine weitere künstlerische Entwicklung. Und hier erwiesen sich die Lorbeeren für den jungen Dramatiker auch als Hypothek. Strittmatter galt als frühreifer Volkstheaterautor, der aber im Grunde bereits zu spät gekommen war: ein begabter Epigone des neuen Volksstücks von Autoren wie Franz Xaver Kroetz, Rainer Werner Fassbinder und Martin Sperr, dessen Zeit sich allmählich dem Ende zuneigte.
Seine Versuche, an andere Traditionen anzuknüpfen, wurden noch kritischer beäugt. In den folgenden Jahren mehrten sich Strittmatters Schwierigkeiten, Theatertexte zu produzieren, die zum Stil der Zeit passten. Ob er in "Brach", einer unbalancierten Etüde in absurdem Theater, ein ewiges Muttersöhnchen unter dem Vorwand eines Dissertationsprojekts das eigene Leben verpassen und sich in Todesfantasien hineinsteigern ließ, oder in "Kaiserwalzer" die fatalen Kontinuitäten in der deutschen Geschichte anhand der allzu symbolisch aufgeladenen Geschichte einer Kleinfamilie demonstrierte: Die Resonanz blieb bescheiden. Im Polizistendrama "Untertier" wie auch im verrätselt wirkenden "Irrlichter – Schrittmacher"-Stück, das einen Mord im Drückermilieu zum Ausgangspunkt nimmt, thematisierte Strittmatter wieder Gewalt gegen gesellschaftlich Schwächere, fand aber nicht zur Prägnanz seiner ersten Stücke zurück. Wichtiger wurden für ihn ohnehin die Drehbücher, die er unter anderem für Didi Danquart schrieb, der nach Strittmatters Tod auch "Viehjud Levi" verfilmte. Gemeinsam mit dem Regisseur Jan Schütte verfasste Strittmatter die Vorlagen zu "Drachenfutter", "Winckelmanns Reisen" und "Auf Wiedersehen, Amerika" – unprätentiöse Filme voll zarten Humors und melancholischer Sozialkritik, die sich durch ihre vielschichtig gestalteten Antihelden auszeichnen.
Der Durchbruch als Prosaautor gelang Strittmatter langsamer, auch wenn er bereits seit 1980 an einem umfangreichen Erzählprojekt arbeitete. Wie für "Viehjud Levi" waren Erzählungen aus seiner Familie und der Region Ausgangspunkt für den "Schwarzwursthammer": Geschichten vom Leben und Sterben auf den Schwarzwaldhöfen rund um St. Georgen, wo es im frühen zwanzigsten Jahrhundert trotz allmählicher Industrialisierung und gesellschaftlicher Modernisierung immer noch Hexenglauben, bittere Armut und Kinderarbeit gab. Der "Schwarzwursthammer" trägt sowohl Züge eines Schelmenromans als auch einer Familienchronik. Mehrere Typoskripte im Nachlass zeigen, wie intensiv Strittmatter nach einer schlüssigen Erzählperspektive gesucht hat, die der Dialektik von befremdlicher Heimat und vertrauter Fremde gerecht werden sollte. Doch kein Ansatz erwies sich als tragfähig für dieses reiche und doch sperrige Material, und so blieb "Der Schwarzwursthammer" ein – nie ganz aufgegebenes – Fragment.
Erst in seinem 1990 erschienenen Roman "Raabe Baikal" gelang es Strittmatter, eine überzeugende Form für die Darstellung von gesellschaftlichen Anachronismen und Ungleichzeitigkeiten zu finden. Und er traf damit den Nerv der Zeit. "Raabe Baikal" ist die ernüchternde Geschichte der Initiation einer Gruppe Jugendlicher in eine Welt voll Tod, Gewalt, Prostitution, Kleinkriminalität; eine Welt, in der patriarchale Strukturen fortbestehen, ohne dass Väter noch anwesend wären. Dennoch prägen komische bis zarte Töne diesen Roman. Strittmatter gelingt es, einen eigenwilligen Sozialrealismus, ironisch schwankend zwischen Pittoreskem und Groteskem, zu etablieren. Seine Figuren erscheinen durch die strikt unpsychologische Erzählhaltung archaisch typisiert, sie wirken wie aus der Zeit gefallen: Figuren wie der Hausmeister, der "allgemein das Unglück genannt" wird, "der Klavierstimmer", der mit dem Verlust seines Augenlichts das absolute Gehör erlangt, "der Fleischbeschauer", der seine Körperhaltung und damit seine gesamte Persönlichkeit seinem schlecht sitzenden Anzug angepasst hat, "der Bauer", der versucht, seinen Krebs mit dem Kauf eines neuen, hochmodernen Traktors zu kurieren, "der Taubmann", der trotz oder wegen seiner Gehörlosigkeit kommunikationsfähiger ist als alle anderen, und "der Steinmetz", der einer Hure bereits zu Lebzeiten ein monumentales Grabmal gestaltet und so Buchstabe für Buchstabe seine Bordellbesuche bezahlt und der schließlich über der besessenen – und zu langsamen – Arbeit an seinem eigenen Grabstein stirbt. Und dennoch sprühen diese Figuren vor Lebendigkeit.
Strittmatters welthaltige, sinnliche Sprache hat nach Erscheinen von "Raabe Baikal" nicht nur die überzeugt, die sich in diesen Jahren die "Wiederkehr des Erzählens" auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Er knüpft in seinem Roman an mündliche Erzählformen und Traditionen wie die Hebelsche Kalendergeschichte an, pflegt aber keinen historisierenden Stil. Stattdessen zielt seine lapidare Erzählweise, mit schnellen Schnitten, mit Verknappungen und Aussparungen, konsequent auf die große Leerstelle im Zentrum des Textes: Dem jugendlichen Protagonisten Raabe hält der Roman ein variantenreiches Curriculum an Erfahrungen mit dem Tod bereit.
Erwachsenwerden heißt für ihn, sich systematisch an den Tod als Teil des Lebens zu gewöhnen, vom Aufschlagen eines Eies übers Hasenschlachten bis zum Totschlag. Und Strittmatters Roman erscheint als ein Versuch, an das erfahrungsgesättigte, von Todesbewusstsein geprägte Erzählen anzuknüpfen, dessen Niedergang Walter Benjamin in seinem – von Strittmatter hoch geschätzten – Erzähler-Essay konstatiert. Trotz Skepsis und Geschichtspessimismus lebt bei ihm der Wunsch weiter, dass es doch noch möglich sein sollte, so zu erzählen. "Wenn ein Buch eine Bombe wäre mit dem Sprengstoff Stille und eine Rakete mit der Füllung Zeit. Dann wäre Ruhe zu erzählen und Zeit zuzuhören", sagt er 1991 in seiner Rede zum Bremer Literaturförderpreis.
Thomas Strittmatter
Es hat etwas Bitteres, jemandem, der mit 33 Jahren gestorben ist, zum 50. Geburtstag zu gratulieren. Auch mag das Ausmaß, in dem Geburts- und Sterbedaten die feuilletonistische Aufmerksamkeit lenken, zuweilen fragwürdig erscheinen. Dennoch haben diese Jubiläen ihre Funktion: Sie markieren, inwieweit die Zeit vergangen ist – und inwieweit doch wieder nicht; sie laden ein zur Überprüfung, wie zeitgemäß ein Künstler noch ist. Die politischen Themen, die Strittmatter so sehr umgetrieben haben, dass sie Niederschlag in seinem literarischen Werk gefunden haben, sind jedenfalls erschreckend aktuell: das Primat der Ökonomie, die Risiken der Kernkraft und das verheerende Erbe des Nationalsozialismus.
Einer von Strittmatters letzten Texten ist der Entwurf zu einem Stück: "Dunckels Notizen – und auch hier finden sich Ansätze zu einer Gespenstergeschichte: "Man hat die Leichen nicht gefunden. Sie haben sich in Luft aufgelöst. Nur etwas Geschriebenes blieb. Das Geschriebene zählt." Und so gibt es doch etwas zu feiern: Strittmatters Werk, seine Bilder, Zeichnungen und vor allem seine Texte, die nach wie vor – "Raabe Baikal" ist nie vergriffen gewesen – dazu einladen, gelesen, gesendet und inszeniert zu werden.
Autor: Almut Tina Schmidt
