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11. Juni 2010
Wenig Neues bei der Eggebrecht-Diskussion
"‚Der Fall‘ Hans Heinrich Eggebrecht": Eine Podiumsdiskussion in der Freiburger Universität galt dem umstrittenen Musikologen.
Den Wissenschaftler zeichnet das Fragen aus. Jene insistierende, bohrende Suche nach der Antwort auf das "Was ist das?". Der Freiburger Musikologe Hans Heinrich Eggebrecht war ein großer Frager. Dass es mal in einem eher unrühmlichen Kontext um ihn selber gehen würde – wer hätte das gedacht? Thema einer gut besuchten, von Studium generale und Musikwissenschaftlichem Seminar veranstalteten Podiumsdiskussion in der Freiburger Universität war "‚Der Fall‘ Hans Heinrich Eggebrecht" und damit die Frage einer möglichen Beteiligung an NS-Kriegsverbrechen. Der von Frank-Rutger Hausmann straff moderierte Abend mit Musikwissenschaftlern und Historikern sollte primär der Information dienen.
Für die, die ihn nicht kannten, stand der Mann im Mittelpunkt, der durch seine Veröffentlichungen den Kasus Egge-brecht zu einem "Fall" gemacht hatte: Boris von Haken. Ihn sah man in einer wenig komfortablen Rolle – eher schweigsam in der Defensive und doch unter Rechtfertigungsdruck vor allem gegenüber der Historikerzunft. Das entworfene Bild sei "möglich, aber nicht belegt", musste sich der Musikologe von Osteuropahistoriker Norbert Kunz sagen lassen. Problematisch seien die "Zuspitzungen", Vokabeln wie "Mörder" et cetera. Dem hatte von Haken kaum etwas entgegen zu setzen: "Es gibt kein Schlüsseldokument, das Eggebrecht belastet oder entlastet." Das Problem für Kunz ist die Verknüpfung einer Biografie mit einer militärischen Einheit. Für Letztere fand der Freiburger Historiker Ulrich Herbert gleichwohl sehr deutliche Worte: Eggebrecht habe "einer Einheit angehört, die zu den schrecklichsten Mörderbanden der Geschichte zählt", einer "Einheit mit Blutspur". Allein aufgrund der Zugehörigkeit zu dieser Einheit aber könne man kein Urteil fällen, konterte der Eggebrecht-Schüler Richard Klein. Laut von Haken lässt sich nicht mehr klären, wie Eggebrecht zur Feldgendarmerie kam.
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Vor allem Herbert ("Ich bin mir gar nicht sicher, worüber wir eigentlich diskutieren sollen") war es, der die Debatte auf eine allgemeinere, übergreifende Ebene hob. Hier die mögliche Verstrickung in Verbrechen, da der brillante Wissenschaftler: "Wie kriegen wir die beiden Teile der Biografie zusammen?", fragte Herbert zu Recht. Eggebrecht sei kein Einzelfall: "Der Fall Grass" müsse hier genannt werden. Dass Leben und Wissenschaft völlig getrennt sind: Herbert sieht da ein grundsätzliches Problem Deutschlands und seiner Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg – jenen Dreischritt, wie aus der akademischen Jugend führende Nazis werden konnten, die dann nach 1945 offenbar mühelos den Weg zum Rechtsstaat fanden. Herberts Postulat: "Unser Bild vom Nationalsozialismus muss präzisiert werden." Die akademische Elite sei besonders beteiligt gewesen. War sie auch besonders verführbar?
Nicht zuletzt im Hinblick auf Egge-brecht: Für dessen Fachkollegen Friedrich Geiger ist es unabdingbar, "bei dem ganz klar Nachweisbaren" zu bleiben. Nur so könne sich "Gesprächskultur" entwickeln. Doch just bei der Nachprüfbarkeit ist Boris von Haken bislang ja enorm in der Bringschuld. Das mehrfach angekündigte Buch liegt immer noch nicht vor – soll, so hieß es, aber erscheinen. Wir üben uns derweil in Geduld. Eines ist sicher: Von Haken war blauäugig und/oder schlecht beraten, bei derart prekärer Faktenlage in die Öffentlichkeit zu preschen. An einem Denkmal wie Eggebrecht kann man sich eben auch leicht verheben.
Eine Veranstaltung, die weder Adoration noch Demontage war und in summa wenig Neues bot. Ausgesprochen und latent kam die Kategorie Schuld ins Spiel. Um Kompetentes über den Umgang mit ihr zu erfahren, hätte man sich einen Psychologen oder Moraltheologen – gerade beim Pfarrerssohn Eggebrecht – auf dem Podium gewünscht. "Eggebrecht muss sehr viel gewusst haben", resümierte in der anschließenden Diskussion der Romanist Hans-Martin Gauger. Dem ist beizupflichten. Eggebrecht, der 1999 starb, ist ein Fall – und bleibt es. Womöglich ein für immer unlösbarer.
Autor: Johannes Adam
