Identitätssuche und Hypnose mit Hitler

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 10. Juni 2018

Kultur

Der Sonntag Jazz und Spoken Word: Bakkhos Puns in Lörrach.

Ein Piepston schwillt an wie von einem alten Fernsehgerät, eine Störung, dann grummelt ein Schlagzeug, ein Bass, bis das Klavier Töne tröpfelt und Sax und Trompete eine hübsche, kleine Melodie spielen, in die Dissonanzen eingestreut sind wie kleine Nägel. Dazu flüstert eine Stimme beruhigende Sätze aus dem Hypnose-Lehrbuch. Dann geht es um Landschaft, Blumen, Störche, Mäuse, doch dann wird es in diesem Idyll ein wenig seltsam: Der Fuchs bleibt ein Fuchs und die Katze wird sich nicht zur Maus legen?

Irritation ist Teil des Konzeptes von Bakkhos Puns, einer jungen und sehr internationalen Gruppe Musiker, Dichter und Schauspieler, die am kommenden Freitag im Lörracher Theaterhaus ihre erste CD vorstellen. Der Text des Hypnotiseurs stammt von Caspar Weimann, der mit dem Saxophonisten Johan Olsson das Konzept für die Gruppe entwickelt hat – wofür sie in Rostock gleich einen Preis bekamen. Die Sätze von Fuchs und Gans hat sich Weimann freilich nicht ausgedacht, sie stammen aus Adolf Hitlers "Mein Kampf" – gibt es einen Geisteszustand, der diese Sätze noch ungefiltert ins Unterbewusstsein ließe?

Der schwedische Saxophonist und Komponist Olsson lebt seit einem guten Jahr im Dreiländereck, er hat Jazz und Klassik zu Hause in Malmö studiert, in Berlin und schließlich in Rostock, von wo ihn das Leben ins Dreiländereck geführt hat. Hier profitiert er aktuell vom Caspar-David-Friedrich-Stipendium Mecklenburg-Vorpommern, hat gerade ein Tonstudio eingerichtet und macht zu bislang drei Produktionen des Freien Theater Tempus Fugit Musik geschrieben und aufgeführt.

Theatralisch ist auch das Konzept der vielköpfigen Gruppe Bakkhos Puns, wobei Musik und Text eine Balance finden sollen. Und anders als bei mancher Theatermusik ist die Rolle der Musiker hier nicht, das textliche Geschehen zu unterstützen und zu verstärken, "manchmal steht die Musik auch ganz bewusst im Gegensatz zum Text". Den liefert neben Caspar Weimann der britische Dichter Luke Kennard, mit 35 Jahren der Älteste der Truppe. Er schreibt gerne dialogische Formen, in denen es um das Zusammenfinden geht, die Entwicklung des Ich, das Suchen nach Richtungen und Orientierungen, den Ärger um Vorgaben und Zwänge und Anpassung. Irritierende Texte in klarer Bildsprache.

Bei Weimann, den Olsson noch aus Malmö kennt und der wie die meisten anderen Mitglieder von Bakkhos Puns in Amsterdam studiert hat, wird es gelegentlich handfester. "Interlude #1" ist ein effektvoller, provokanter Schrei nach Anerkennung, "Fear and Buggy Thoughts" eine etwas plakative Absage an Alltagsrassisten, musikalisch aber auffällig, weil Olsson den Text in eine Melodie gefasst hat, die erst wie ein harmonisch modernisierter alter Jazz-Standard klingt, sich dann in einem Blues-Abschnitt aggressiv steigert, bevor eine reflexive Passage die politische Botschaft verkündet: "Etikettiert eure Bücher, aber nicht die Menschen."raz
Bakkhos Puns CD-Release am Samstag, 16. Juni, 19.30 Uhr, im Theaterhaus von Tempus Fugit , Adlergässchen 13, Lörrach. Eintritt 13, ermäßigt 6 Euro.