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16. Mai 2015

Im Himmelreich der Renitenz

Ulf Stolterfohts langes Gedicht "neu-jerusalem".

Wenn ein ironischer Verskünstler wie der Dichter Ulf Stolterfoht seitenweise die Lutherbibel zitiert, ist nicht unbedingt ein ehrfürchtiger Bericht über ein religiöses Erweckungserlebnis zu erwarten. Und doch gerät man ins Staunen, wenn der derzeit bekannteste deutsche Exponent der experimentellen Poesie sein neues Gedichtbuch mit Reminiszenzen an die Offenbarung des Johannes eröffnet, das bizarrste Buch des Neuen Testaments.

Stolterfohts in neun Kapitel gegliedertes langes Poem "neu-jerusalem" behandelt ein großes Thema: die Auswanderungsbewegung radikaler Pietisten im 18. und 19. Jahrhundert nach Amerika und in den Kaukasus, wo sie ihr neues Himmelreich errichten wollten. Wie es Stolterfohts Art ist, hat er sich den historischen Stoff in sprachanarchistischer Manier angeeignet und in eine Geschichte religiöser, politischer und ästhetischer Dissidenz umgewandelt. Seine gottesfürchtigen Pilger nach "neu-jerusalem", die Wagenblast, Mutter Johanna, Herr Sebulon oder Mösenfinger-Ludwig heißen, wollen ihr frommes Utopia in Berlin-Schöneberg errichten. Sie hängen einer naturmystischen und libertinistischen Spielart des Pietismus an, die sich offenbar am Vorbild der sogenannten Buttlarschen Rotte orientiert, die um 1700 durch eine frühe Form der Libertinage und Sexbesessenheit öffentliche Aufmerksamkeit erregte. Bereits in seinem ethnologischen Gedicht "holzrauch über heslach" (2008) hatte der Schwabe und Wahl-Berliner Stolterfoht die nonkonformistischen Rituale einer antibürgerlichen Subkultur vergegenwärtigt. In seinem neuen Werk gilt seine Aufmerksamkeit pietistischen Freigeistern, die in einem Kapitel sogar mit dem Bundeskriminalamt in Konflikt geraten.

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"Dieser text

ist ein biest"

Wenn Stolterfoht vom großen Aufbruch der Erweckten ins neue Utopia berichtet, dann mobilisiert er die für ihn typische Sprachkomik, die er aus der Erforschung der regionalen Wurzeln der frommen Pilger ableitet. Hier zeigt er seine sprachakrobatische Meisterschaft: "sie alle waren damals gleichfalls auf der strasse...speckschweizer erweckte; ... / laupheimer mucker; ledige mütter; sodomiten; böhme-versöhnte; / radikale marien und freie susannen (zum teil mit gliedpfannen); / versprengte gerenkte; die gelinden bringer von singen; klempe-/ rer; schweinfurter künder der durft..."

Es gehört indes zu den großen Reizen dieses Buches, dass es auch so manche Prämisse der experimentellen Lyrik ins Wanken bringt. Bislang galt als ausgemacht, dass sich der Lyriker Stolterfoht vorwiegend für die instabilen Verhältnisse zwischen den Wörtern und ihren Bedeutungen interessiert und beharrlich an einer "Entsemantisierung der Kunst" arbeitet. Solche Überlegungen passen aber nicht so recht zu "neu-jerusalem". Denn hier entfaltet der Autor seine Geschichte pietistischer Renitenz in weiten erzählerischen Bögen, ohne diese narrativen Elemente sprachkritisch zu relativieren.

"Dieser text ist ein biest", heißt es am Ende des langen Gedichts. Und tatsächlich entfalten die ekstatischen Monologe der pietistischen "Mutter Johanna" eine eigene religiöse und poetische Energie, die durch keine ironische Konterbande auflösbar ist. "Religionen sind Gedichte", hat der australische Weltpoet Les Murray einmal gesagt. Das gilt auch für Ulf Stolterfohts "neu-jerusalem".
– Ulf Stolterfoht: neu-jerusalem. Gedicht. Kookbooks Verlag. Berlin 2015. 104 Seiten, 19,90 Euro.

Autor: Michael Braun