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18. Juli 2013

Interdisziplinäres Symposium im Freiburger E-Werk

Aus dem Nebel des Ungewissen: Das interdisziplinäre Symposion "Spuren. Körper, Medien, Sinnlichkeit" im Freiburger E-Werk.

  1. Wohin des Weges? Wanderer beim Nebelmeer – und am Rande des Abgrunds Foto: Sarah Nagel

Smartphone, Tablet-PC, Datenbrille – die Digitalisierung fügt immer neue Medienapparaturen zwischen uns und die Welt. Was heißt das für unser Menschsein, unsere Wahrnehmung von und Kommunikation mit der Welt? "Wir stochern alle noch im Nebel", fasst der Furtwanger Medienprofessor Daniel Fetzner den aktuellen Wissensstand zusammen. Motivation genug, als Mitglied der Forschungsgruppe mbody, einem interdisziplinären Zusammenschluss von Künstlern, Natur- und Geisteswissenschaftlern, Medizinern und Medienwissenschaftlern, gemeinsam mit seinen Mitstreitern unter dem Titel "Spuren. Körper, Medien, Sinnlichkeit" ein dreitägiges Symposion im Freiburger E-Werk zu veranstalten.

Mit dabei war auch der Freiburger Neurobiologe Joachim Bauer, der zur Einstimmung auf den zweiten Tagungstag in geradezu idealtypischer Weise vorführte, wie Wissenschaftler gewöhnlich vorgehen, um Nebulöses zu klären: systematisch und resultatorientiert. Zunächst verschafft man sich eine solide Basis. Bei Bauer sind das die Spiegelneuronen.

Resonanz als Schlüsselbegriff

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Spiegelneuronen sorgen beim Menschen dafür, dass allein durch Beobachtung einer Handlung die gleichen Hirnareale aktiviert werden wie beim Ausführenden der Handlung. Wie Stimmgabeln werden sie durch äußere Reize stimuliert, nehmen die Schwingungen auf und geben ihrerseits Schwingungen ab, die wiederum auf den Sender rückwirken. Schlüsselbegriff für den Zugang zur Welt und den Aufbau einer Identität ist für Bauer daher die Resonanz.

Für den zwischenmenschlichen Bereich sind diese Resonanzen gut beforscht. In diesem Bereich fühlt Bauer sich wohl und kann das Publikum aufs Angenehmste in das Wohlbehagen mit dieser Theorie einschwingen. Was aber, wenn mediale Zwischenschichten ins Spiel kommen? Welchen Unterschied macht es, ob Spiegelneuronen durch Videoeinspielungen oder reale Personen angeregt werden? Was, wenn ein Affe auch Resonanz zu einer Zange aufbauen kann? Wenn Resonanzen per Like-Buttons quantifizierbar werden? Bauers Antworten bleiben unterdessen vage. Medien scheinen sich ihm wie Störschichten in das schöne Theoriegebäude einzulagern. Der Nebel des Ungewissen wird wieder dichter.

Macht nichts. Im Nebel zu stolpern ist produktiv. Das hatte Psychiater Thomas Fuchs am Vorabend ausgeführt. Erst wenn man stolpert, betrachtet man den Boden, auf dem man sich bewegt, genauer. Allerdings rundete sich Fuchs’ Variante eines welterklärenden Zirkularmodells "kollektiver Körpergedächtnisse" in einer Weise, die Medien wenig erkenntnisfördernd jede Leiblichkeit absprach. Das brachte Fetzner in der sonntäglichen Diskussion der Forschungsergebnisse von mbody dazu, inzwischen bei jedem geschlossenen Kreismodell die Krise zu kriegen. Und was setzt mbody dagegen? Der Philosoph und Psychosomatiker Martin Dornberg erläutert es am Modell der zweihändigen Baumsäge. Während die herkömmliche Forschung möglichst viele störende Faktoren ausschließt, die Säge feststellt, eine Führung vorsägt et cetera, holt mbody Leute aus dem Publikum, gibt ihnen die wabbelige Säge und lässt sie am Stamm rumfuhrwerken, der durch darauf sitzende Forscher nur vage fixiert ist. Alles wackelt, hakt und rutscht, aber am Ende ist das Holz zersägt. Ein schönes Bild für die Arbeitsweise von mbody.

Wo Tagungsteilnehmer Bernhard Waldenfels als Phänomenologe höflich systematisierende Distanz anmahnt, verweigert mbody der Theorie jede höhere Warte. Sie wird als wilde Würzmischung von Anzieu bis Uexküll gleichberechtigt zu anderen Ingredienzien wie Tanz unter Sauerstoffmangel, Skypeschaltung, Gesichtselektroden, Geiger auf einem Pick-up-Truck, Kairoer Stadtlärm oder raschelnden Insekten in Bangalore zu einer Ursuppe der Erkenntnis zusammengerührt, die sich einem am besten vermittelt, wenn man sie auslöffelt. Konventionelle Ergebniserwartungen an ein Forschungssymposium kontert Dornberg mit dem Satz: "Theorie ist auch nur ein lebendiger Drittkörper."

Viele spüren da wieder den Nebel ganz dicht aufziehen. Für Wissenschaftler mag es der Nebel des Grauens sein. Wer Theorie wie mbody aber als Kunstform begreift, für den ist er eine sanft umhüllende Wolke, die vor grausam simplifizierenden Beschneidungen durch Ockhams Rasiermesser bewahrt: Steht man vor der Wahl mehrerer möglicher Erklärungen für dasselbe Phänomen, wählt man nicht die einfachste, sondern verwebt alle zu einer künstlerischen Praxis. Und dann? Mbody-Choreograph Graham Smith drückt es so aus: "Ich habe die Zwischenleiblichkeit gespürt." Wer diesen Satz ohne jede Ironie für sich sagen kann, hat den Ansatz von mbody verstanden.

Autor: Jürgen Reuß