Klassisch, aber nicht altbacken

Babette Staiger

Von Babette Staiger

Mo, 17. Dezember 2018

Kultur

Das Neue Globe Theater hat "Die Streiche des Scapin" von Molière im Lahrer Parktheater aufgeführt.

LAHR. Rokoko, französische Hof- und Bürgerkultur, gewürzt mit humorvoller Gesellschaftskritik: So könnte man Molières Komödien vom "Bürger als Edelmann" bis hin zum "Geizigen" verschlagworten. Im Lahrer Parktheater (ehemals Stadthalle) waren am Mittwochabend Molières "Streiche des Scapin" zu sehen. Zum Glück wurden sie nicht unter einer Lawine von langatmigen, schlecht übersetzten französischen Alexandrinern und unter überpudrigen Perücken begraben. Das wäre nicht nur hart an der Verständnisgrenze gewesen, sondern auch dem Klischee eines schulisch erzwungenen Theaterbesuchs sehr nahegekommen. Das Gegenteil war der Fall: Der Theaterabend war lustig und unterhaltsam, und zwar Dank des Ensembles.

Der inhaltliche Spaß in der Komödie ist schnell erzählt: Diener Scapin erreicht mit mal charmanter, mal ziemlich dreister List nicht nur, zwei jungen, galanten, aber etwas lebensuntüchtigen Bürgersöhnen (Léandre und Octave) zur ehelichen Verbindung mit ihren scheinbar unstandesgemäßen Liebschaften zu verhelfen. Es gelingt ihm auch, die beiden spießigen Väter, denen eher am finanziellen Renommee ihrer Geschäfte liegt als am Glück ihrer Kinder, das Geld für dieses Unterfangen regelrecht aus der Tasche zu ziehen. Französischer Esprit verträgt sich damit herrlich mit proletarischer Derbheit – was schon zu Molières Zeiten dem adeligen Publikum erlaubte, vom prätentiösen  "Hühühü" ins schenkelklopfende Gelächter zu wechseln – und was auch die Gewogenheit des damaligen Sonnenkönigs Ludwig XIV. garantierte. Gefahrlos karikieren ließen sich dabei vor allem die reichen Bürger, die es dem Adel an Stil und Kultur gleichtun wollten – der Begriff "Parvenü" ist eben in jener Zeit entstanden.

Das Neue Globe Theater hat seinen Firmensitz in Potsdam und seine Repräsentanz lediglich auf seiner Internetseite. Sein wahres Leben aber entfaltet es im anspruchsvollen Tingeltangel durch ganz Deutschland. Eben wie ein Wandertheater zu Molières Zeiten.

In eine glaubwürdige Inszenierung investiert

Das Bühnenbild ist klassisch. Die Einheit von Zeit und Raum wird eingehalten, die Kostüme versetzen den Zuschauer nicht auf den Mars, sondern ins Paris des Sonnenkönigs. Und dennoch: Das Spiel von der heutigen Realität, und damit vielleicht auch vom Publikum abzukoppeln, fällt dem Ensemble nicht ein. Doch statt in effektehaschenden Hokuspokus auf der Bühne haben die Schauspielerinnen und Schauspieler dazu lieber in ein gutes Programmheft und in eine glaubwürdige Inszenierung investiert.

Das Programmheft klärt auf über die sozialen, biografischen und theatertheoretischen Rahmenbedingungen für Molières Schaffen, ohne zur Unterrichtseinheit zu werden. Die Inszenierung webt geschickt Molières Kritik am damaligen Theaterschaffen, dem schwierigen Verhältnis zum Mäzenatentum und die tatsächlichen Aufführungsbedingungen mit der eigentlichen Komödie zusammen. Sie schaltet das Stück "Das Stegreifspiel von Versailles" vor, und gibt so Molière und seinem damaligen Ensemble die Chance, uns Heutigen zu zeigen, vor welchen Herausforderungen Theater damals wie heute steht. Damit steht eine Wanderbühne auf der Bühne des Lahrer Parktheaters. Dazu müssen die Schauspieler in zwei Rollen schlüpfen, die meisten hintereinander. Doch Dierk Prawdzik bleibt zumindest theoretisch in einer Doppelrolle: Er spielt zugleich den Mäzen, Marquis de la Thorillère und den Léandre in Molières Komödie. Mäzene haben eben Privilegien. Ob das auch heute noch so ist, bleibt im Raum stehen. Prawdzik jedenfalls hat das Fingerspitzengefühl, die Doppelpersönlichkeit Marquis-Leandre im passenden Moment hervorscheinen zu lassen. Dann nämlich, wenn Léandre dankbar vor Scapin knien soll – und der Marquis seine Knie schier nicht gebeugt kriegt, um das auch zu verkörpern.

Zum intellektuellen Gedankenspiel werden Scapins Streiche jedoch nie. Dank Molières Schreibweise, die der modernen Screwball-Comedy sicher Pate stand, wird das Publikum von einer Pointe zur nächsten mitgerissen und darf auch ein augenzwinkerndes Happy End erleben. Selten wird im Lahrer Parktheater so viel und herzhaft gelacht.