Mit Groove und Lesbentaille

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

So, 16. Dezember 2018

Kultur

Der Sonntag Martin Bergers großartiger Käfig voller Narren hat das Zeug zum Basler Kultabend.

Frei von Tuntenwitzen und Zoten verschafft Martin Berger mit dem Musical "Ein Käfig voller Narren" dem Basler Theater einen neuen Kultabend, der musikalisch wie szenisch eine Wucht ist.

Vor einer Dragqueen erschrickt 2018 niemand mehr. Falsche Wimpern, Strapse und Federboas an Männerkörpern sind keine Provokationen, sondern sorgen nur noch für gute Laune in der Partygesellschaft. Das war 1983 noch anders, als das Musical "La cage aux folles" ("Ein Käfig voller Narren") von Altmeister Jerry Herman und Harvey Fierstein am Broadway uraufgeführt wurde. Heute hört man den Welthit "I Am What I Am" in der Version von Gloria Gaynor vielleicht noch auf der Tanzfläche bei U-40-Partys.

Der junge Berliner Regisseur Martin G. Berger hat das Musical für das Theater Basel mit Dirigent Thomas Wise, der gemeinsam mit dem Freiburger Nikolaus Reinke die Songs für eine zehnköpfige Band neu arrangiert hat, zu prallem Leben erweckt. Am Ende klatscht, pfeift und schreit das Publikum und feiert mit stehenden Ovationen eine Produktion, die schon die Premiere zu einem echten Kultabend werden lässt.

Dabei setzt Berger mit seiner Kostümbildnerin Esther Bialas nicht nur auf einen hohen Glamourfaktor, sondern begibt sich auch auf die Suche nach den Schattenseiten der Figuren. Schon die erste Szene fasst beides ins Bild. Während im Hintergrund die Show im Club "La cage aux folles" läuft, liegt Albin vorne auf dem Bühnenboden. Eigentlich sollte der Lebensgefährte von Clubbetreiber Georges (mit Goldkette, Schnauzer und viel Präsenz: Burgschauspieler Roland Koch) als Travestiestar Zaza auftreten, aber er fühlt sich von seinem Partner zu wenig beachtet. Mit nacktem Oberkörper, Mieder und schütterem Haar präsentiert sich diese Zaza in der Midlife Crisis. Erst der Song "Ich leg’ ein bisschen mehr Mascara auf" verschafft ihr wieder ein bisschen Selbstvertrauen.

Stefan Kurts grandiose Interpretation dieser Rolle beginnt im Zerbrechlichen. Mit dem Kostüm verändert sich die Figur. Herrlich, wie er die Zuschauer, seine "Basler Leckerli", mit genüsslichen Zoten aus der Reserve lockt, bevor er dann in vollem Ornat und "Lesbentaille" ins Parkett geht und auf Schwyzerdütsch den direkten Kontakt sucht. Unterstützung bekommt er dabei von den schrillen "Les Cagelles", die zu den peitschenden Klängen der Band über die Sessel steigen.

"Ich bin, was ich bin" beginnt diese vielschichtige Zaza ganz ruhig und unbegleitet, ehe Akkordeon und Klarinette ein wenig Halt bieten. Die Cagelles-Band unter der Leitung des famosen Thomas Wise unterfüttert diesen Welthit allmählich mit Groove, beschleunigt das Tempo und dreht orchestral auf. Leichtigkeit trifft auf Pathos, Filigranes auf Wucht. Überhaupt beleben die neuen Arrangements selbst flache Schmalznummern wie "Denkst du noch an den kleinen Strand" (Song on the Sand). Die Stücke werden instrumental verlängert, variiert und auch immer wieder gehärtet. Vor allem wird nicht immer Streichersauce darübergekippt, was gerade die unbegleiteten Gesangspassagen in ihrer Schlichtheit besonders macht.

Aber auch die überarbeiteten, perfekt getimten Dialoge beleben die Geschichte und schaffen die Verbindung zwischen Tragik und Komik. Karl-Heinz Brandts Kammerzofe Jacob mit rheinischem Akzent ist der Knüller. Max Rothbart gibt den heiratswilligen Sohn Jean-Michel als sensiblen Draufgänger. Myriam Schröder ist eine nicht unsympathische leibliche Rabenmutter, Liliane Amuat als Anne Dindon eine quirlige Braut. Dass ihr Vater Edouard Dindon Funktionär der "Partei für Tradition, Familie und Moral" ist, erschwert die Lage und gibt Regisseur Berger die Gelegenheit, das Stück mit eingeschobenen Videosequenzen zu aktualisieren (Video: Jonas Alsleben) und ihm am Ende noch ein politisches Statement mitzugeben.

Die für das Kennenlernen der Eltern züchtig umgebaute Wohnung mit Holztäfelung und Kruzifix an der Wand ist nämlich selbst ein gläserner Käfig (Bühne: Sarah-Katharina Karl). Hier brilliert Stefan Kurt im Dirndl als Jean-Michels Mutter. Sie wird bei ihrem Lied wie im Musikantenstadl vom rechtspopulistischen Brautvater am Akkordeon begleitet, was seine Frau Marie (schön verklemmt: Nicola Kirsch) frustriert und ihre Handtasche abfeuern lässt. Als die Tunten das Abendessen sprengen, fallen auch die Glaswände.

Zum großen Finale tanzt Edouard Dindon selbst mit Perücke und rosa Glitzerkleid – als "Geste gegenüber den homosexuellen Wählern" –, um dann aber gegen homophobe Muslime zu hetzen. Für so jemanden ist nun wirklich kein Platz im Käfig der Narren, so dass Dindon schimpfend das Basler Theater verlässt. Das berührende Schlussbild gehört Georges und Albin im Rentnerlook. Roland Koch trägt Stefan Kurz auf den Händen und singt: "Wir sind alt und verliebt. La Da Da Da".
Ein Käfig voller Narren Theater Basel, Große Bühne. Tickets unter http://www.theater-basel.ch oder unter 0041/61/295 11 33.