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19. Juni 2015 00:00 Uhr

Freiburg

"Salü Walter": Abschiedsabend für Walter Mossmann

Mehr als 600 Menschen sind ins Freiburger E-Werk gekommen, um die Hommage an den verstorbenen Künstler und Liedermacher Walter Mossmann zu sehen. Wie war’s?

  1. Auch Gerd Schinkel trat beim Abschiedsabend für Walter Mossmann auf. Foto: Wolfgang Grabherr

So viele Menschen musste und durfte das Freiburger E-Werk selten aufnehmen. Vielleicht noch nie. Sie waren gekommen, um Walter Mossmann zu ehren, den Künstler, den Einmischer, den Anreger, den Menschen, der am 29. Mai gestorben ist. Sie standen an den Wänden des großen Saals, sie sammelten sich im Foyer. Es werden wohl mehr als 600 gewesen sein. Der neue Chef des E-Werks Jürgen Eick tat das Richtige. Er schickte niemanden aus dem Raum, in dem man das Gefühl einer belagerten politischen Veranstaltung gewinnen konnte: nicht unangemessen für einen Mann, der sein Leben lang den Glauben an den Sinn politischen Handelns jenseits von Ideologien und Parteien nicht aufgegeben hat.



Die Geschichte hat ihm recht gegeben. Man spürte ihn im E-Werk immer noch, den Geist des Widerstands gegen die "Obrigkeit", der in den 70er-Jahren zur Gründung von 21 Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen gegen das geplante Atomkraftwerk Wyhl führte – und die Initialzündung für die Entstehung der grünen Bewegung gewesen ist. Der Erfolg des Kampfes muss auch den Sänger Walter Mossmann beflügelt haben. Seine Brassens-Adaption "Lied für meine radikalen Freunde" gab dem Abend das vom Saxofonisten Mike Schweizer improvisatorisch aufgenommene und weitergesponnene Leitmotiv vor.

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Buki Burkhard spielte das Bruckelied

Und natürlich kam dann Mossmanns bänkelsängender Mitstreiter Roland "Buki" Burkhard auf die Bühne und griff für Mossmanns "Bruckelied" in die Saiten – wobei er daran erinnerte, dass der Liedermacher des Alemannischen gar nicht mächtig war, er selbst, als Jechtinger, umso mehr.

Auch Marie-Reine Haug ließ für die grenzüberschreitende Bürgerbewegung deren Ton noch einmal anklingen – doch schon der Liedermacher Gerd Schinkel, mit beeindruckender Altrockermähne, ließ in seiner kraftvollen Version von Mossmanns großartigem "Lied vom Lebensvogel" den Radius schon größer werden: bis nach Gorleben, wo Mossmann auch mit der heutigen Grünen-Europaabgeordneten Rebecca Harms zusammenkam, die ein Grußwort geschickt hatte.

Erlers Gedenkrede

Das Glanzlicht der Gedenkreden machte Gernot Erler niemand streitig. Der SPD-Politiker maß die Dimension von Walter Mossmanns Engagement in und für Freiburger Partnerstadt Lviv aus, dessen Initialzündung der GAU von Tschernobyl gewesen ist. Einer großartigen Fotoausstellung zum 25. Jahrestag der Katastrophe galt Mossmanns letzter öffentlicher Auftritt in Freiburg. In der Ukraine gewann er Freunde wie den Schriftsteller Juri Androchuwitsch. Mossmann setzte auf Dialog und Verständigung, er glaubte an Europa und verfolgte die Entwicklung nach dem Majdan mit Sorge, sagte Erler.

Der wache Zeitgenosse und der Musiker Walter Mossmann -sie waren gleichermaßen präsent an diesem beeindruckend vielgestaltigen Abend: ein schönes Echo auf sein reiches Leben. Den musikalischen Höhepunkt steuerten Heiner Goebbels (Klavier), der großartige Matthias Stich (Saxophon) und der Bariton Wolfgang Newerla mit einer Art Medley über Songs von Hanns Eisler bei. Bei George Brassens’ Chanson "La Pière" (Holger Höffgen, Mike Schweizer) kam helle Wehmut auf: Man kann und muss Walter Mossmanns unbestechliche Geradlinigkeit und nie ermüdende Menschenfreundlichkeit als Vermächtnis auffassen. In diesem Sinn: Salü, Walter.

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Autor: Bettina Schulte