Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
25. November 2011 00:02 Uhr
Zum 80. Geburtstag
Tom Ungerer: Der Zorn des Utopisten
Der Elsässer Zeichner, Autor und Provokateur Tomi Ungerer feiert bald seinen 80. Geburtstag. Getrieben vom Wunsch, nichts auszulassen und das Leben vollständig zu verstehen, ist er nie alt geworden.
Es gibt ausgesprochen produktive Künstler in der europäischen Kulturgeschichte, deren Schaffenskraft im Grunde unverständlich ist. Nicht ihr Arbeitseifer scheint die Begabung für sich zu verwenden, sondern die Begabung hat von den Künstlern Besitz ergriffen. Honoré de Balzac zum Beispiel schrieb an die hundert Romane, Rubens malte mit Hilfe von Gesellen eine sehr große Zahl großformatiger Bilder. Man käme aber nicht auf den Gedanken sich zu fragen, ob diese Künstler ihr Thema erschöpft hätten, die Comédie humaine oder den Anspruch des Barock auf mythologische und historische Überhöhung der eigenen Kultur.
Bei 40 000 Zeichnungen plus x ist das anders. Der Gedanke drängt sich auf, dass eine Welt sorgfältig kartographiert wurde. Weil der erkennbare Drang von Tomi Ungerer, der am 28. November 80 Jahre alt wird, nichts auszulassen und das Leben vollständig zu verstehen, eine inhaltliche Vollkommenheit hervorbringt, für die man, um ihr sprachlich und gedanklich gewachsen zu sein, sein Vokabular gründlich überprüfen muss. Denn man fängt an, sich zu fragen, was hat er ausgelassen und bleibt sprachlos. Er hat die Möglichkeiten der Dinge und der Menschen auf dem Zeichenpapier verwirklicht . Es ist alles Abbild, aber Abbild seines Inneren nach außen gewendet. Es ist alles pure, sichtbar gewordene Phantasie, die sich auch noch Konstrukte als Objekte selbst schafft.
Werbung
Sprachlich, so lässt sich sagen, waren die Chinesen in der Sackgasse, als sie anfingen, mit Bildern und Symbolen ihre Sprache aufzuschreiben. Jedes Zeichen musste ein Ideogramm sein, ein Bild für den Menschen, ein Bild für die Sonne, eins für den Baum. Es war uferlos. Ein Kampf gegen die Mitteilungslosigkeit, der Kultur genannt wird. Als sie 50 000 Zeichen erfunden hatten, hatten sie wohl den Eindruck, alles gesagt zu haben. Rien ne va plus, aber mit der Möglichkeit, zwei Bilder zu kombinieren, erschlossen sie sich schließlich doch noch die Ausdrucksdimension der Abstrakta. Damit konnten sie alles "bildlich" festhalten, was sie ausdrücken wollten.
In seinen Kinderbüchern kombiniert auch Tomi Ungerer die Bilder, bezieht sie aufeinander. Auf die Möglichkeit wollte er nicht verzichten, die seelischen Nuancen, die sich so darstellen lassen, "subliminal" in die Herzen der Kinder zu schmuggeln. Dieser Ausdruck der Psychologie bezeichnet den Vorgang, wenn die in jedem Alter mögliche Infiltration der ungeschützten Seele gelingt. In der Sprache seiner übrigen Zeichen- und Bilderwelt zeichnet er mit ausgesuchter Feinheit und geradezu liebevoll das Rohe der Welt, das Schreiende, das Zarte, das scheinbar Belanglose. Im Gegensatz zu einem chinesischen Schriftzeichen und Ideogramm, das selbstredend nur allgemein sein kann, ist jede Zeichnung ein individueller Text, ein Gedicht, eben eine eigene komplexe Aussage, nie gängige Münze. Wenn der Kater Probleme mit der Liebe hat, heißt es "Kein Kuss für Mutter". Es ist der verweigerte Kuss für die Mutter, der besonders dem verweigernden Schmusekater selbst weh tut. Wer die Zeichnung seelenkundlich sieht, deutet sie unter Umständen als Fallstudie für das Einfordern von noch mehr Liebe durch trotzig-strafendes Verhalten gegenüber dem Liebesobjekt. Der eigentliche Zauber der Zeichnung ist aber nur zu erfahren, solange man nicht den analytischen Begriff an sie anlegt und nicht den Fall als Archetyp sieht, sondern gerade das wahrnimmt, was ihn übersteigt, die Situation eines Katers, der um Haltung ringt. Man könnte auch geneigt sein, philosophisch zu argumentieren. Liebe, sehr viel mehr Liebe will immer der Mensch, der seine Welt für ihren kalten Liebesentzug straft, nicht mit Verachtung, aber mit dem utopischen Gegenentwurf, der sie blamiert. Das wäre der Schritt von der Ästhetik zur Erkenntnis.
Tomi Ungerer hat sich für viele Themen eine neue Sprache geschaffen, um seine Philosophie ohne systematischen und etwa glücklichen Abschluss als persönliche Sinndeutung des Lebens zu schreiben. Sie kreist immer wieder um ein "J’accuse" und endet nirgendwo, weil das Leben so bunt wie im Kinderland und so brutal wie in der Menschenwelt ist. Nur dass hier die Anklage nicht einer militärischen Seilschaft, einem Offizierscorps gilt, sondern gleich dem verirrten Menschen . Seine Philosophie erlaubt ihm einen moralischen Urzustand und das ist die Amoralität. "Die Gedanken sind frei", so sein der Kindheit gewidmetes Buch, so frei sind auch seine Gefühle und sein Verhalten. Es ist die Moralferne, die sich rechtfertigt aus der Enttäuschung über das Versagen jeder Moral. Der Mensch steht mit dem Rücken zur Wand, weil er in Notwehr den Verrat der Menschheit an Schönheit, Liebe, Friedfertigkeit und Mitleiden durchaus noch als sein eigenes Versagen begreift. Ihm bleibt nur der Möglichkeitsraum, an den ihn die Hoffnung anschließt. Tomi Ungerers Zeichnungen sind der Text dieser Philosophie der Eindringlichkeit, die wir auch Utopie nennen. Ihr Pathos ist der Zorn.
Der Mensch ist schlimm – Tomi Ungerer ist schlimmer. Es ist lächerlich, von der condition humaine zu sprechen, die Balzac mit knapp einhundert Romanen zwar nicht immer moralisch, aber stets inhaltlich vollkommen darstellen wollte. Was hat das zu tun mit dem Gruselkabinett eines Ungerer, in dem der Mensch nach Belieben eines grimmigen Künstlers durch die Wurstmaschine gedreht wird. Der aufmerksame Freundschaft und Liebe kennt und mit Großherzigkeit schmückt, seine Phantasie durch alle Stellungen eines Fucking-Automaten jagt, gefühllos und stereotyp, mit der Wut eines enttäuschten Anspruchsvollen, aber ohne Verlust an haargenauer Perspektive.
Der Seher ist blind, so stellt er sich selbst dar , weil er mit seiner Innerlichkeit die Dinge sieht, deutlicher als alle Realität, die er abschneidet. Es ist die Vollkommenheit, die der Mensch als Erfüllung sieht, wenn das Auge nicht sieht. Wer die Hölle verneint, erreicht den Himmel. Für den Künstler bedeutet das, er muss sie kennen und kenntlich machen, sonst weiß er nicht, wovon er träumt. Wer wie kein anderer vor ihm die Welt im Bild ausschöpft und der Salzsäure seines Urteils aussetzt, endet und beginnt bei dem Ideal, für das es kein Bild mehr gibt.
Tomi Ungerer hat alle Wörter, die es im Umkreis des "Genialen" gibt , auf sich gezogen, wie Orden und Preise. Doch haben ihn auch die erreicht, die zum Beispiel seine sexuellen Ausführlichkeiten für bedenklich halten. Und die seine Verhohnepipeleien und den ätzenden, bösen Blick auf den amerikanischen Kulturkreis kommentieren. Wenn er seine Obsessionen pflegt, ist es ein geliebtes und verhasstes Thema, das immer mit neuen Bildern umkreist wird. Worauf man sich verlassen kann. In der vergeblichen Hoffnung, es los zu werden, wenn er es objektiviert hat. Aber dieser Trick der Psychologen kann nicht funktionieren, wenn die Obsession dem Gedächtnis eingebrannt ist . Seine Obsessionen sind aber auch das Kinderbuch und Kinderliedbuch. Schalk und Übermut diktieren ihm eine Didaktik, die zu Recht in einem Bilderbuch und nicht in der Theorie der Pädagogik aufgehoben ist.
Es hätte weniger gebraucht, damit das eintritt, was er erreicht hat. Eindringlichkeit und Entschiedenheit, Ästhetik und fest daran gekoppelter Inhalt haben meist wohl widerstandslos osmotisch die Menschen infiltriert, manchmal auch gegen deren Willen. Tomi Ungerer ist frei genug, sich darüber, auch grimmig, zu freuen.
– Der Autor ist Romanist und Philosoph und lehrt an der Universität Freiburg.
– Ausstellung: Tomi Ungerer und seine Meister. Tomi Ungerer Museum, Avenue de la Marseillaise 2, Straßburg, bis 19. Februar. Ein Bericht folgt.
Autor: Gerd Breitenbürger
