Fall Wedel

Vorwürfe gegen Dieter Wedel sind ein Fall für die Justiz

Heidi Ossenberg, dpa

Von Heidi Ossenberg & dpa

Sa, 27. Januar 2018 um 13:50 Uhr

Kultur

Sieben Schauspielerinnen werfen Dieter Wedel vor, sie sexuell bedrängt oder gar vergewaltigt zu haben. Geschichten kursieren seit langem über den Regisseur. Nun ist er ein Fall für die Justiz.

Die USA haben den Fall Harvey Weinstein – in Deutschland steht Dieter Wedel am Pranger: Einerseits gibt es gegen den Regisseur bislang lediglich Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts auf eine mögliche Straftat. Keinen richterlichen Schuldspruch, kein Eingeständnis des Beschuldigten, der sich zuletzt am 22. Januar zu Wort meldete und unter anderem sagte: "Ich verabscheue jede Form von Gewalt, gegen Frauen ebenso wie gegen Männer."

Wedel wird des sexuellen Missbrauchs und der Vergewaltigung beschuldigt

Anderseits wird der 75-Jährige, derzeit wegen Herzbeschwerden im Krankenhaus, seit Anfang Januar öffentlich des sexuellen Missbrauchs und der mehrfachen Vergewaltigung beschuldigt. Schauspielerinnen, die gegenüber der Wochenzeitung Die Zeit eidesstattliche Versicherungen abgegeben haben, erzählen von Erlebnissen aus den 80er und 90er Jahren. 18 Fälle, so die Zeitung, die am Donnerstag mit dem Dossier "Der Schattenmann" auf den Markt kam, gebe es bislang. Die Zeit hat akribisch recherchiert und veröffentlichte neben erschütternden Aussagen der Frauen auch Zeugenbekundungen – und Dokumente.

Infolge dessen hat der Saarländische Rundfunk (SR) eine Untersuchung angekündigt. Denn in den Senderarchiven lagern Akten, aus denen die Zeit zitiert. Sie zeigen, dass die Vorwürfe der Schauspielerin Esther Gemsch, die Ende 1980 die TV-Serie "Bretter, die die Welt bedeuten" mit Wedel drehte, der Produktionsfirma Telefilm Saar, einer 100-prozentigen Tochter des SR, bekannt waren. Nach einer schweren Verletzung, die der damals 24-Jährigen nach eigenen Aussagen von Wedel in einem Hotelbett zugefügt worden waren, stieg sie aus der Arbeit aus. Weil dies die Produktion vorübergehend stilllegte und somit die Kosten für die Serie nach oben trieb, kannte vermutlich sogar der damalige SR-Intendant die Akten, so der Branchendienst Meedia.

Weil damals niemand reagierte, musste womöglich auch die für Gemsch einspringende Schauspielerin Ute Christensen unter Wedel leiden – die ihre Vorgängerin und deren Geschichte nach Bekunden der Zeit nicht kannte. Sie habe, erzählt Christensen dort, den Avancen des Regisseurs widerstanden, daher habe er sie am Set über Wochen so massiv gemobbt, dass sie einen Nervenzusammenbruch sowie eine Fehlgeburt erlitt. Auch diese Schilderungen sind in den Akten des SR, der Telefilm Saar und Wedels Produktionsfirma Active Film nachzulesen, so die Zeit.

Intendanten der ARD wollen sich mit dem Thema befassen

Die Intendanten der ARD wollen sich bei ihrer Sitzung Anfang Februar mit dem Thema sexuelle Belästigung befassen, hieß es am Freitag. Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm sagte: "Unsere Mitarbeitenden müssen vor Übergriffen und Sexismus geschützt sein; sexuelle Belästigung und Ausnutzung von Machtpositionen können wir nicht dulden." Nur eine Kultur des Vertrauens führe dazu, dass Betroffene sich öffnen – ohne Sorge vor Nachteilen. Das ZDF, das die erfolgreichen TV-Mehrteiler von Wedel, "Der große Bellheim" und "Der Schattenmann" in den 1990er Jahren ausstrahlte, habe keine Hinweise darauf, dass Vorwürfe gegen den Regisseur wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe schon früher senderintern bekannt waren.

Dieter Wedel – was ist er für ein Mensch? Einer, der polarisiert, das ist seit langem klar. Anlässlich seines 75. Geburtstags am 12. November 2017 beschrieb epd-Korrespondent Thomas Gehringer Wedel als "Regie-Berserker", als "gefürchteten Pedanten, der Produzenten und Redakteure in den Wahnsinn treiben konnte, als Schauspieler-Fresser".

Es gibt Männer und Frauen, die Wedel in Schutz nehmen

Es gibt Männer und Frauen, die Wedel, der sechs Kinder mit sechs Frauen hat und überdies nach eigenen Angaben seit fast fünfzig Jahren mit Uschi Wolters zusammen ist, gegen die Vorwürfe in Schutz nehmen. Für Ingrid Steeger etwa ist Dieter Wedel der einzige Mann, der sie nie schlecht behandelt hat. Die Schauspielerin Brigitte Grothum sagte, sie halte es für ausgeschlossen, dass an den Vorwürfen der sexuellen Belästigung und Vergewaltigung etwas dran sei. Viele bewundern seine Arbeit, etwa Wedels Nachfolger als Intendant der Festspiele in Worms, Nico Hofmann, der die "unglaublich kreative Energie" Wedels lobt.

Andere fühlen sich von dem Machtmenschen, der seit den 1970er Jahren fürs Fernsehen arbeitet, eingeschüchtert. In den 90er Jahren hatten seine Mehrteiler die größten Budgets – "Der König von St. Pauli" mit Starbesetzung kostete 27,5 Millionen Mark.

Die Schauspielerin Corinna Harfouch gibt an, "viele haben gewusst, dass Wedel Schauspielerinnen schlecht behandelt und demütigt. Das war ein von allen gestütztes System". Schauspieler und Regisseur Til Schweiger sagte, "natürlich habe ich Geschichten darüber gehört, was er am Set für ein Schreckensregime führt".

Wedel hat seinen Jähzorn öffentlich zugegeben; er kann auch sehr dünnhäutig sein, wie er etwa 1999 bewies. Da verließ er zornig die SWR-Talkrunde "Nachtcafé" zum Thema "Treue", als ihm eine Mitdiskutantin auf den Kopf zu sagte, er lege Mädchen am Strand von Mallorca flach. Auch Wedel selbst hat schon zu seiner Arbeitsweise Stellung genommen. Einem Radiosender sagte er Ende 2017: "Schauspielerinnen sind unter einem großen Druck. Sie können die Julia nicht mit 30 spielen, die müssen sie mit 25 spielen. Und plötzlich ist da einer, der kann ihnen die Julia geben. Aber sie müssen ein bisschen lieb sein. Furchtbar, widerlich, schrecklich."
Hintergrund

Im Zeit-Magazin vom 4. Januar 2018 erscheint die Geschichte von Jany Tempel, Patricia Thielemann und einer anonym bleibenden Schauspielerin, die schwere Vorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel erheben. Jany Tempel wirft Wedel vor, er habe sie 1996 in einem Münchner Hotel zum Sex gezwungen. Patricia Thielemann berichtet, 1991 von Wedel in einem Bremer Hotel sexuell massiv bedrängt worden zu sein. Beide geben gegenüber der Zeit eine eidesstattliche Versicherung ab. Wedel wird von der Zeitung zu den Übergriffen befragt. Er dementiert schriftlich und gibt auch eine eidesstattliche Versicherung ab.

Am Donnerstag, 25. Januar, erscheint in der neuen Ausgabe der Zeit das Dossier "Der Schattenmann". Hier wird geschildert, dass die Schweizer Schauspielerin Ester Gemsch sich aufgrund der Schilderungen der drei Frauen dazu entschlossen hat, von ihren Erfahrungen mit Wedel zu erzählen, die sich ab Dezember 1980 bei Dreharbeiten zu der TV-Serie "Bretter, die die Welt bedeuten" zugetragen hätten. Sie wirft Wedel versuchte Vergewaltigung und schwere Körperverletzung im Jahr 1980 vor. Eine Frau, die Zeitung nennt sie Luise Keller, berichtet davon, dass Wedel sie nach einem Drehtag zu "Der König von St. Pauli" im Jahr 1997 aufgefordert habe, in sein Zimmer zu kommen. Sie habe sich geweigert und sei daraufhin von ihm am Set gedemütigt, mit nächtlichen Telefonanrufen gequält und bedroht worden. Zu diesen – und weiteren – Vorwürfen befragt, meldete sich Wedels Anwalt bei der Zeit: Sein Mandant sei erkrankt und könne sich nicht äußern.

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