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11. Juli 2011 13:06 Uhr

Premiere

Wie war’s bei … der Orchesterkaraoke im Theater Freiburg?

Auch wenn bei der Premiere im Großen Haus noch ordentlich Platz war. Die Orchesterkaraoke im Stadttheater hat Potenzial, zur dauerhaften Einrichtung und Publikumsfavorit zu werden.

  1. Grande Finale bei der ersten Orchesterkaraoke im Theater Freiburg mit den Sängern und Sängerinnen aus dem Publikum. Foto: Maurice Korbel

Der erste Eindruck: Lieber gut importiert als schlecht selbst konzipiert. Der Hamburger Jan Angermüller hat das Format Orchesterkaraoke erfunden. Die Idee ist so simpel wie überzeugend: Einmal mit einem Sinfonieorchester im Rücken Klassiker quer durch den Garten der Popmusik zum Besten geben – genau das richtige für wagemutige Freiwillige aus dem Publikum, die 3 Minuten 15 im Rampenlicht stehen wollen oder einfach Spaß am Singen haben.

Was seit 2007 selbst zurückhaltende Menschen wie die Zürcher oder die als unterkühlt verschrienen Hanseaten aus der Reserve lockt, stößt auch im angeblich beschaulichen Freiburg auf Begeisterung. Der Premierensänger ist schnell gefunden, im Laufe des Abends bewerben sich so viele für den Platz am Mikro, das manche Songs im Duett und Trio gesungen werden, damit alle drankommen.

Der Karaokefinger: Ohne den Karaokefinger von Michael Dühn geht nichts. Zusammen mit Katharina Mohr sitzt er an einem Tisch am Bühnenrand. Vor ihm liegen die Textblätter der 14 vorbereiteten Songs, darüber ist eine Kamera installiert, die die Texte auf zwei Leinwände am Kopf- und am Stirnende des Großen Hauses wirft. Sobald einer der Songs gespielt wird, flitzt Dühns Zeigefinger die Zeilen entlang. So zeigt er den Sängern, wo sie gerade sind – oder sein sollten. Manchmal kommt er nicht hinterher, manchmal ist er den Singenden voraus – und andersrum. Das sorgt für zusätzliches Amüsement an einem sowieso lustigen Abend.

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Die Sänger und Sängerinnen: 220 Menschen zieht die Freiburger Premiere an, darunter einige, die aus dem Umfeld der Orchestermusiker auf der Bühne stammen. Da alle Mitwirkenden zum Dank eine Sonnenblumen bekommen, lässt sich der Eindruck später sehr schön verifizieren, als sich einige Sänger an der Seite von Orchestermusiker auf der Rennstrecke Bertoldstraße auf den Weg nach Hause machen.

Dementsprechend souverän geraten die meisten Interpretationen der nachnamenlosen Akteure. Oliver gibt intonationssicher "Angels" von Robbie Williams. Florian bringt sogar den Falsettpart bei Michael Jacksons "Billie Jean", Miriam wechselt mühelos die Tonlage bei "Denkmal" von Wir sind Helden. Es gibt aber auch freiere Interpretation wie "Always on my Mind" von Wolfgang. Souverän tonlos verschleppt er das Tempo, sodass sich ein unfreiwilliger Kanon mit dem mitsingenden Publikum ergibt, das ihm immer eine halbe Textzeile voraus ist. Das Auditorium nimmt aber an diesem Abend nichts krumm, feiert die Sänger und sich selbst, feuert mit Zwischenbeifall an und gibt auch denen ein gutes Gefühl, die ihren Auftritt, nach professionellen Kriterien bewertet, versemmeln. Der Song ist das Ziel – und nicht der erste Schritt auf dem Weg zum nächsten Elvis.

Das Orchester: Philharmonisches und Publikumsorchester füllen die komplette Bühne. 60 Musiker sind es, sie werden aber nie zu laut oder spielen die Sänger an die Wand. Hübsch arrangierte Intros und Zwischenspiele sorgen für interpretatorische Freiheiten.

Der Dirigent: Norbert Kleinschmidt bringt Profis und Hobbymusiker auf der Bühne mit sparsamer, aber zackiger Gestik zusammen. Federnd in den Knien geht er bei den Songs mit. Gibt mit dem Zeigefinger den Sängern ihren Einsatz. Wird öfters übersehen. Nicht geflissentlich. Sondern wegen des Karaoke-typischen stieren Blicks, mit dem die Augen der Sänger und Sängerinnen an den projizierten Texten hängen.

Der Hit des Abends: "Hey Jude" von den Beatles. Wird gleich dreimal gegeben. Zum Beginn als instrumentale Einstimmung und direkt danach zum gemeinsamen Einsingen. Später wird der Klassiker vom Publikum selbst nochmal auf den Programmzettel gesetzt.

Der Ladenhüter des Abends: "Ein Lied kann eine Brücke", im Original von Joy Fleming ist den meisten unbekannt. Als sich zunächst keiner findet, nötigt das Publikum Moderator Sebastian23 und das Karaokefinger-Team ans Mikro.

Spruch des Abends: "Ich hatte zwischendrin einen Texthänger, aber ich bin wieder reingekommen" (Moderator Sebastian23 über die "Nanananananana"-Passage von "Hey Jude").

Fazit: Good Clean Fun, wie der Angelsachse sagt. 90 Minuten Gemeinschaftsgefühl ohne Reue. Gerne wieder, dann vielleicht mit noch mehr schnelleren Nummern und weniger Oldies But Goldies.

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Autor: Peter Disch