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20. März 2010
Kino
Wo Pandora zur Welt kam
Filme wie "Avatar" leben von den Special Effects: ein Besuch in den Animationswerkstätten von Weta in Neuseeland , in denen unter anderem auch Legolas, Sauron, Boromir oder Gollum entstanden.
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Made inWellywood: ein Geschöpf vom Planeten Pandora Foto: Fox
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Vorort-Charme: das Weta-Firmenmuseum in Wellington Foto: Ludger Kreilos-Erichsen
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Spezialist für Special Effects: Weta in Wellington, Neuseeland Foto: fox/AFP
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Und hinten naht der Thanator: Jake Sully als Avatar (Filmszene) Foto: Promo/Fox
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Holte in Los Angeles den Oscar ab: Joe Letterie Foto: AFP
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Firmengründer und Weta-Chef Richard Taylor Foto: Promo
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Die schöne Na’ vi: Zoe Saldana als Neytiri Foto: Promo
Richard Taylor, der Chef, sitzt in ziemlich schmutziger Arbeitskleidung in einem großzügigen Konferenzraum. In den Glasvitrinen, die eine komplette Wand einnehmen, stehen unzählige Filmpreise, darunter British Film Awards und Oscars. Daneben unzählige Miniaturfiguren aus der Produktion von Weta: Alle Haupt- und Nebendarsteller aus "Herr der Ringe" und "King Kong", Filmcharaktere wie Legolas, Sauron, Boromir oder Gollum. Demnächst wird sicher ein Na’vi aus "Avatar" dazukommen.
Gänzlich uneitel erzählt Taylor über Wetas Arbeitswelt und die spezielle Herangehensweise der Firma an Filmproduktionen. "Sie müssen wissen", sagt er, "meine Inspiration, wenn es um Modelle oder Miniaturen geht, beruht im Wesentlichen auf meiner kindlichen Liebe zu Modelleisenbahnen.”
Nicht etwa in Los Angeles, im Stadtteil Hollywood, liegt das Mekka der Firmen, die Special Effects für die Filmindustrie herstellen. Sondern in Neuseeland, in einem kleinen Vorort der Hauptstadt Wellington, im Stadtteil Mirarmar mit 8334 Einwohnern, genannt Wellywood. Weta ist heute das weltweit erfolgreichste Unternehmen der Branche. Richard Taylor und Tania Rodger haben die Firma 1987 in einem Ein-Zimmer-Appartment in Wellington gegründet.
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Anfangs noch als Zulieferer für die aufstrebende Filmindustrie Wellingtons gedacht, vergrößerte und vervielfältigte sich das Spektrum der Dienstleistungen rapide. Als 1994 Richard Taylor und Tania Rodger dann noch Peter Jackson kennenlernten, den späteren Regisseur von "Herr der Ringe", "King Kong" und anderen Film-Großprojekten, waren die entscheidenden Komponenten beisammen. Jackson befreite sich dank Taylor und Rodger aus der Splatter-Film-Ecke, Weta wurde in der Zusammenarbeit eine über alle Grenzen hinweg bekannte Filmfirma. Ihre visuellen Hintergründe, ihre digitalen Charaktere und Massenszenen machten aus Jacksons Filmen Meilensteine in der Filmgeschichte.Fünf Oscars bekam Weta für seine Arbeit mit Peter Jackson: den für "Best Visual Effects" für alle Teile der "Herr der Ringe"-Trilogie, einen "Technical Achievement Award" für die Figur des Gollum im dritten "Herr der Ringe"-Film, und wiederum den für "Best Visual Effects" in "King Kong".
Jetzt ist derselbe Oscar für "Avatar" dazugekommen. Joe Letteri, Leiter von Weta Digital, nahm ihn in Los Angeles in Empfang. Das neuseeländische Unternehmen ist heute in zwei Firmen aufgeteilt: Weta Workshop vereint die verschiedensten Werkstätten unter einem Dach, es scheint als hätten hier die kreativsten Modellbauer, Fahrzeugentwickler, Rüstungs- und Waffendesigner, Make-up- und Kostümdesigner aus aller Welt eine neue Heimat gefunden. Bei Weta Digital arbeiten Spezialisten von Systemadministratoren über Hard- und Softwareentwickler bis hin zu Animationsdesignern.
Weta liebt offenbar das Understatement. Anders als die Hollywood-Filmstudios sind die Firmen nicht auf einem eigenen riesigen Gelände untergebracht. Sondern in zwei Gebäudekomplexen inmitten einer Wohnsiedlung, auf einer Fläche von maximal drei Hektar. Die Filmfirma ist von den typischen kleinen, schlichten neuseeländischen Einfamilienhäusern umgeben. So zurückhaltend gibt sich Weta, dass man ohne weiteres daran vorbeilaufen würde, stünde nicht auf der Hauptstraße von Mirarmar ein Wegweiser, der die Richtung anzeigt zum hauseigenen Mini-Museum Weta Cave, das sich in die Ecke des Weta-Gebäudekomplexes einfügt.
Wenn ein neues Filmprojekt ansteht, wird das Konzept zunächst von allen Abteilungen des Hauses zusammen mit dem Regisseur bearbeitet. Dann erst beginnt man mit der Anfertigung oder der digitalen Visualisierung von Gegenständen und Figuren. Erst entsteht eine komplette Kultur und Gesellschaft, bei "Avatar" sogar mit einer eigenen Sprache. Alltagsgegenstände und Fahrzeuge, Waffen und der Look der Umwelt werden dann dem ästhetischen Konzept angepasst.
Für den Film "Avatar" wurden Tiere digital zum Leben erweckt, die nach den Vorgaben von Regisseur James Cameron und seiner Spezialisten in Hollywood erfunden worden waren. Die Animation Directors von Weta Digital bekamen zum Beispiel Zeichnungen des Hammerkopfs, jenem Wesen, dem zu Beginn des Films der Avatar des Soldaten Jake Sully im Urwald auf dem Planeten Pandora begegnet. Die Weta-Leute mussten dann am Computer die Bewegungen des bedrohlichen Tiers erschaffen.
Die Kleidung der Na’vi, der Ureinwohner von Pandora, stammt aus dem Haus Weta Workshop. Der Art Director für Kostüme ließ echte Requisiten bauen, als Vorarbeit für die Digitalabteilung. Deren Mitarbeiter sollten echte Stoffe anfassen können, um eine Vorstellung von dem zu bekommen, was sie am Bildschirm gestalten sollten. Es wurde darüber diskutiert, wie schwer etwa einzelne Teile der Kleidung sind, wie sie sich verändern, wenn die Na’vi sich bewegen.
Die Artefakte der Na’vi-Kultur wurden zusammen mit James Camerons Art Director Rick Carter, der auch mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, erarbeitet. Man beschloss, eine Art natürlicher Mathematik in das Na’vi-Design einzubringen. Zum Beispiel die Form der Spirale zu verwenden. Den einzelnen Stämmen der Na’vi wurden unterschiedliche Formen von Religion, der Verehrung von Eywa, des Selbstbewusstseins von Pandora, verliehen. All dies ging in eine "Pandora-pedia" ein, die Weta Workshop für die Produktion von "Avatar" festlegte.
Die Anfangsphase einer Filmproduktion wird von allen Kreativen mitgestaltet, so dass sich deren Ideen nahtlos in die Logistik des Produktionsprozesses einfügen. In dieser ganzheitlichen Arbeitsweise sieht Richard Taylor, der Chef, eine Besonderheit von Weta. Die Firma begreift sich eben nicht nur als bloßer Dienstleister für Effekte.
Der umfassende Ansatz führt bei der neuseeländischen Firma zu einer Basis-Wochenarbeitszeit von 50 Stunden, die je nach Projektgröße und Abgabetermin auch weit höher liegen kann. Aber das ist im Arbeitsprofil eines Weta-Mitarbeiters eher eine Nebensächlichkeit. Die scheinbar unendlichen Möglichkeiten, in dieser Firma seine Kreativität auf höchstem Niveau auszuleben, führt dazu, dass momentan jede Woche mehr als 500 Bewerbungen aus aller Welt bei Weta eingehen. Festangestellte Mitarbeiter gibt es bei Weta Workshop nur wenige, auch Weta Digital vergibt ausschließlich projektbezogene Zeitverträge.
Der Frauenanteil unter den Mitarbeitern liegt zwischen 25 und 50 Prozent – was für diese klassisch von Männern dominierte Arbeitswelt sehr hohe Zahlen sind. Auch Multikulti wird großgeschrieben: An "Avatar" waren allein bei Weta Digital 900 Mitarbeiter aus 46 Ländern an der Produktion beteiligt.
Um die Fähigkeiten von so vielen unterschiedlichen kreativen Köpfen zu bündeln und über einen Projektzeitraum von meist zwei Jahren – bei "Avatar" waren es sogar vier Jahre – zu organisieren, brauchen die Abteilungsleiter echte teambildende Fähigkeiten. Dies gilt vor allem für Joe Letteri, als Special Effects Supervisor Leiter der Kreativabteilung. Daran ändert es auch nichts, dass Chef Richard Taylor mit lockerem Understatement vom kreativen und eigenverantwortlichen Selbstmanagement der Mitarbeiter spricht.
Was er meint, dafür bekommt man ein Gefühl, wenn man die Werkstätten besucht. Überall wirken die Mitarbeiter hochkonzentriert, regelrecht versunken in das, was sie gerade tun. Die Werkstätten sind Museum und Labor zugleich.
Roter-Teppich-Ding in LA."
Weta-Chef Richard Taylor
Für "Avatar" zum Beispiel wurden in Originalgröße die durchsichtigen Tanks gebaut, in denen die Avatare anfangs schwimmen. Eine US-Firma stellte die Einzelteile aus Plastik und Metall her, die dann nach Neuseeland verschifft und bei Weta zusammengebaut wurden.
Bei Weta erregen all diese Artefakte keine sonderlich große Aufmerksamkeit mehr. Auch nicht mehr bei den Nachbarn in den Häusern neben der Firma. Nur in den Anfangsjahren kamen sie noch angelaufen, um die überlebensgroßen Figuren oder Modelle zu bewundern, die durch ihre Straßen zu den Filmstudios gefahren wurden.
Wenn er solche Geschichten erzählt, blitzt immer wieder der anti-bürgerliche Humor des Special-Effects-Mannes Richard Taylor auf, dessen erste Werke noch sehr dem Splatter- und Horrorfilmgenre verbunden waren. Ein Low-Budget-Verständnis vom Filmemachen durchzieht fast alle seine Äußerungen. "Hier bei Weta", sagt er im Hinblick auf die Oscar-Verleihung, "geht es uns um den Look, die perfekte Vision eines Films, nicht um das Roter-Teppich-Ding in LA.”
Taylors Prinzipien klingen aus vielen Äußerungen seiner Mitarbeiter heraus, sie zeigen sich auch in ihrem lockeren Umgang untereinander. Dabei sind alle stolz auf die erreichten Erfolge. Richard Taylor zeigt auf die Oscars in den Glasvitrinen hinter ihm. Er hat darauf bestanden, dass sie keine Gravur bekommen. Er will keinen Personenkult in der Firma, alle Mitarbeiter von Weta sollen sich mit den Auszeichnungen identifizieren können.
Weta Digital konnte in diesem Jahr gleich zwei Oscar-Nominierungen einheimsen: für die Effekte in "Avatar" und in "District 9". Auf die Frage, ob das nicht überraschend gekommen sei, folgt die lapidare Antwort: "Nein, wir sind nicht überrascht – aber erfreut!" Solch ein abgeklärtes Verhältnis zum eigenen Schaffen zu bekommen, dabei hilft vermutlich die große Distanz von mehr als 10 000 Kilometern Luftlinie zu den US-Filmmetropolen Los Angeles und San Francisco. Der Kreativität, die bei Weta herrscht, scheint auch der enorme Lokalpatriotismus von Richard Taylor gut zu tun. Die Verbundenheit mit dem Produktionsstandort Wellington äußert sich in großzügigen Spenden an eine Polytechnische Schule. Sie bekam den gesamten alten Rechnerpark geschenkt, den Weta Digital zur Produktion von "Herr der Ringe" und "King Kong" benutzt hatte.
Diese Firmenhälfte mit ihrem technischen Mastermind Paul Gunn braucht sich hinter all der kreativen Leistung von Weta Workshop nicht zu verstecken. Gerade im Rechner-Management setzt Gunn Maßstäbe. Um ein Gefühl für die zu verwaltenden Datenmengen zu bekommen: Für "Avatar" wurden 18 Gigabytes pro Minute Film gebraucht. Und der Film ist 166 Minuten lang!
Ein paar Informationen für die Spezialisten: Für die grandiosen Effekte in "Avatar" bedurfte es eines Ubuntu-Systems aus mehr als 35 000 Prozessorkernen mit 104 Terabyte RAM und zwei Petabyte Festplattenplatz. Auch hier setzt Weta auf Unabhängigkeit: Wie der Ubuntu-Entwickler Dustin Kirkland in seinem Blog berichtet, wird nicht nur auf der per 10-GBit-Netzwerk verbundenen Serverfarm von Weta Digital mit Ubuntu gearbeitet. Auch 90 Prozent aller Desktop-Rechner der Firma setzten das freie Betriebssystem ein. Die Hardware stammt von HP, die Zahl der Kerne liegt zwischen 35 000 und 40 000. Selbst bei dieser Rechenpower benötigen einzelne Filmszenen mehr als 48 Stunden Rendering-Zeit.
Für solche Rechnerleistungen bedarf es großer Mengen an Strom. Aber auch im Energiemanagement sucht Weta kreative Lösungen: Man verzichtet auf teure Klimaanlagen zur Kühlung des Serverparks und setzt auf Wasserkühlung. 2009 gewann Weta Digital dafür den Energy Excellence Award Neuseelands. Noch ein Preis für die Glasvitrinen hinter Richard Taylor.
Autor: Ludger Kreilos-Erichsen


