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07. November 2009
Zeitung gegen Internet – OB gegen Philosoph
Eröffnung der Deutsch-Französischen Kulturgespräche Freiburg
Das dürfte ein seltener Fall sein. Dass ein gastgebender Kommunalpolitiker eine Tagung eröffnet – und so provokante Thesen in sein Grußwort packt, dass er gleich gebeten wird, mitzudiskutieren. So geschehen am Donnerstag bei der Eröffnung der 7. Deutsch-Französischen Kulturgespräche in der Freiburger Universität. Stargast des Abends war eigentlich Peter Weibel, Leiter des Karlsruher ZKM und ausgewiesener Kunst- und Medientheoretiker. Sein Vortrag aber geriet zum Dialog mit einem Vorredner: Oberbürgermeister Dieter Salomon hatte sein Grußwort für ein Plädoyer für die Zeitung und gegen das Internet genutzt. Weibel als Apologet des Netzes hielt dagegen.
Eigentlich lautet das Thema der diesjährigen Kulturgespräche "Politisierte Medien – Medialisierte Politik". In drei Foren wurde gestern und wird noch heute der Frage nachgegangen, wie Medien und Politik sich gegenseitig bestimmen. Mit schwingt bei dieser Frage immer eine simple Kritik: Die Medien würden Politik reduzieren – auf Informationshäppchen. OB Salomon bezeichnete sich als Täter und Opfer zugleich: Zwar verlangten die Medien von der Politik eben Häppchen, aber die Politiker böten diese auch von sich aus an.
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Im Widerspruch dazu allerdings fand der promovierte Politologe doch das Gute an den Medien: Er lese gerne ausführlich Zeitung, ein Leitartikel in der SZ oder der FAZ sei etwas Fundiertes. Im Gegensatz zu dem, was ihm im Internet begegne: vor allem Exhibitionismus. Man sehe sich nur, sagte er, den Internetauftritt "unserer BZ" an: Wenn da Artikel kommentiert würden, beschimpften sich die Kommentatoren mehr gegenseitig, als dass sie den Inhalt des Artikels diskutierten. Dem konnte Peter Weibel nur widersprechen. "Europa – ein Umschreibprogramm?" war sein Vortrag betitelt. Dass Europa aus dem Wandel entstanden sei, aus Migration und Pluralität, aus dem steten Umschreiben eben, war seine Grundthese. Wofür er erheiternde Beispiele gab – das spanische Wort "olé", welches das umgeschriebene arabische Wort Allah sei –, was er aber auch auf Politik und Demokratie münzte: Die müssten immer wieder neu mit Inhalten ausgefüllt werden. Eben das passiere im Netz. Dieses sei eine seismographische Maschine, ein Massenmedium des Wandels, eine elektronische Agora der Meinungsbildung. Die Politik müsse sich diesem Medium stellen, sonst gehe sie unter – wie die Versandhändler untergegangen seien, die sich dem Netz nicht gestellt hätten.
Die klassischen Medien gehörten der Vergangenheit an, so Weibel. Ihren Höhepunkt habe die vom Bürgertum finanzierte Presse mit der Dreyfus-Affäre gehabt, seither sei ein steter Abstieg zu verzeichnen. Weil die klassischen Medien es nicht mehr schafften, die Meinungen der Menschen zu artikulieren, käme das Netz.
Solche abstrakte Theorie der "social media" ging bei Weibel einher mit konkreter User-Apologetik: Nicht nur sei das Netz schneller und umfassender. Er finde auch, sprach Weibel OB Salomon direkt an, die fundierten Artikel nicht in den Zeitungen, sondern im Netz. In Blättern wie SZ und FAZ stehe nur "Geplauder".
Das Netz als Ort für Exhibitionisten – oder als Ort für den kompetenten Bürger? Die Frage war so zugespitzt, dass Moderator Joachim Fritz Vannahme – früher BZ-Redakteur, heute bei der Bertelsmann-Stiftung – für die Diskussion nach Weibels Vortrag einen zusätzlichen Sessel aufs Podium stellen ließ und den Oberbürgermeister nach oben bat.
Dass die Positionen doch nicht so weit auseinander lagen, machte zuerst der dritte Diskutant deutlich: Daniel Vernet, früherer Chefredakteur von Le Monde, setzte die klassischen Medien mit repräsentativer Demokratie, das Netz mit direkter Demokratie gleich. Die journalistische Arbeit verlange im Übrigen in beiden Medien dieselbe Sorgfalt. Und auch wenn Salomon seine Netzskepsis am Beispiel der Kinderpornographie nochmal erneuerte – er und Weibel erwiesen sich einig darin, dass es auch im Netz ums Wissen gehen müsse, auf dass die Kompetenz des mündigen Bürgers gesteigert werde.
– Deutsch-französische Kulturgespräche, Forum 3: Politik als Effekt medialer Strategien, heute, Konzerthaus Freiburg, Runder Saal, 10 Uhr.
Autor: Thomas Steiner
