Die Eigensinnige

Ludger Lütkehaus

Von Ludger Lütkehaus

Sa, 20. Oktober 2018

Kunst

Weltreisende, Feministin, Buddhistin – das lange, ungewöhnliche Leben der Alexandra David-Néel /.

Das Leben von Alexandra David-Néel "abenteuerlich" zu nennen, kommt einer Untertreibung gleich. Ein Vierteljahrhundert ist sie, meist zu Fuß, in den Wüsten und Steppen, den Gebirgen Zentralasiens und Chinas unterwegs. Das Erstaunlichste aber war ihr langes Leben. Denn nur zu oft war sie dem Tode nah. Aber aus dem wilden Nordosten Tibets schreibt die 52-Jährige 1920: "Ich könnte 90 Jahre alt werden wie mein Vater, 87 wie meine Mutter oder sogar die hundert überschreiten wie zwei meiner Urgroßväter. Ich könnte bis dahin auch durchaus bei klarem Verstand bleiben, Bücher schreiben." Und sie hat recht behalten: Auf fast 101 Lebensjahre "bei klarem Verstand" hat sie es gebracht. Noch als Hundertjährige ließ sie sich ihren Reisepass verlängern, um einem Anfall von Reiselust nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Am 24. Oktober 1868, vor 150 Jahren, wird Alexandra David in St. Mandé bei Paris geboren. Ihre Mutter ist eine katholisch bigotte Frau. Sie hat sich einen Sohn erhofft, der es zum Bischof bringen würde. Doch so falsch liegt sie nicht: Nur wird aus dem Kind mit jener Ironie, die sich höhere Gewalten manchmal erlauben, eine Buddhistin, eine auf höchstem Niveau reinkarnierte Göttin, "Unsere liebe Frau von Tibet". Der sehr viel mehr geliebte Vater ist weniger konventionell, ein linker Demokrat, Sozialist, mit Kontakten zum Anarchismus. 1873 zieht die Familie ins liberalere Brüssel um. Alexandra wird an einer Klosterschule erzogen – die sicherste Methode, wie man Rebellinnen schafft. Sie distanziert sich prompt von Kirche und Christentum.

Im Westen haben östliche Weisheitslehren schon damals Hochkonjunktur. Die 20-Jährige macht sich nach London auf, wird dort mit allerlei Esoterikern bekannt. Und Alexandra ist durchaus neugierig auf Okkultes. Das wird ein Impuls ihres Interesses zumal am tibetischen Buddhismus. Aber sie ist noch mehr ein wacher, kritisch-nüchterner Geist, der durch die Schule der Aufklärung gegangen ist. Der einen Kirche ist sie nicht entlaufen, um flugs in der nächsten unterzugehen. Sie beobachtet gnadenlos genau. Und amüsiert sich über die westlichen Mystagogen und ihre Jünger.

Hier kann Alexandra ihren Hafen jedenfalls nicht finden. Sie gerät in eine existentielle Krise, aus der sie erst in einem Akt der Selbstbefreiung herausfindet: einem Sanskrit-Studium an der Sorbonne und vor allem ihren Buddhismus-Studien. In ihnen findet sie das, was sie als rationale Mystikerin braucht: eine Philosophie der Selbstbefreiung.

Von 1891 bis 1893 reist Alexandra erstmals nach Ceylon und Indien. Auf Ceylon ist der ursprüngliche Buddhismus noch anzutreffen. Nach der – vorläufigen – Heimkehr folgt sie ihrer früh entwickelten Neigung zur Musik, zum Klavierspiel, vor allem zum Gesang. Der christliche Gott singt nicht. Und auch der Buddha ist weniger als Sänger hervorgetreten. Aber die indischen Götter können tanzen und singen.

Der Beruf einer Sängerin ist um diese Zeit noch mit erotischen Assoziationen verbunden. Die meisten Sängerinnen werden von hochmögenden Aristokraten oder Großbourgeois ausgehalten. Und Alexandra ist trotz ihrer kleinen Statur von 156 Zentimetern attraktiv und begehrt, ein hübsches Gesicht, ein "interessanter" Charakter. Sie scheint auch keineswegs prüde. Jedenfalls lassen die Schriften, mit denen sie sich nun als Anarchistin, Sozialistin und Feministin profiliert, nicht darauf schließen. Aber eine Mätresse im Harem eines Patriarchen gedenkt sie nicht zu spielen.

In Tunis begegnet sie dem französischen Eisenbahningenieur Philippe Néel, einem gutaussehenden, charmanten Mann in wohldotierter Position, ein Verführer. Selbst Alexandra erliegt seinem Charme. Und stellt fest, sie ist die Erste nicht. Tief verletzt wird sie Philippe immer wieder die Rechnung präsentieren. Dennoch heiraten die beiden 1904. Sie lieben sich. Noch mehr zanken sie sich. Und doch harren sie 37 Ehejahre aus. Philippe erweist sich trotz gelegentlicher Proteste gegen den eigenwilligen Lebenslauf seiner Frau als loyaler, ja großzügiger Gatte. Und die weiß im Laufe der Jahre immer besser, was sie an ihm hat.

Allerdings ist wohl auch selten eine so eigentümliche Ehe geführt worden. In der Umkehrung üblicher Rollenverhältnisse setzt Alexandra ihre Reisewünsche durch – und Philippe fügt sich. Nur in den ersten sieben Ehejahren sind die beiden mehr oder minder beisammen. Zwanzig weitere Jahre wird Alexandra fern von Philippe in Asien verbringen. Und auch, als sie wieder in Europa ist, werden beide weiterhin für sich leben, in diesem Fall freilich auf Philippes Wunsch.

Es ist eine Korrespondenz-Ehe: An Philippe gehen jene zahllosen Reisebriefe, die unter allen Büchern Alexandras wohl ihr Hauptwerk sind, brillant geschrieben, witzig, ironisch, drastisch, geistreich, tiefsinnig, voll von Abenteuern, Beobachtungen, Reflexionen, Porträts, Geschichten von Göttern und Menschen.

1911 bricht sie wieder auf, vielleicht für ein Jahr, wie das Ehepaar glaubt. Fünfzehn sind es geworden, fast eine Reise ohne Wiederkehr. Alexandras eigentliches Leben beginnt mit 43. Sie ist vom nomadischen Trieb förmlich besessen. "Das Abenteuer ist mein einziger Daseinszweck."

In Indien stößt sie sich am Kastensystem und flieht in den Himalaya, nach Sikkim. Von dort liegt Tibet, das verbotene Lhasa, in Reichweite, ihr eigentliches Lebensziel. Im Rückblick gibt sie sich betont cool: "Mein Hauptansporn war ganz einfach das strenge, unsinnige Verbot, Zentraltibet zu betreten." Aber schon die Träume von 1912 sprechen eine andere Sprache: "O ja, ich werde noch lange davon träumen und ein geheimnisvolles Band wird mich immer mit diesem schneebedeckten Land hinter den Wolken verbinden."

Zweimal stößt sie nach Tibet vor. Doch der englische Resident in Sikkim weist sie wegen unerlaubten Grenzübertritts nach Darjeeling aus. Zuvor hat Alexandra den Thronfolger von Sikkim, Prinz Sidkeong, kennengelernt. Er lässt der weißen Buddhistin einen märchenhaften Empfang bereiten. Und Alexandra wird dem aus Tibet geflohenen Dalai Lama vorgestellt. Aber auf die Knie geht Alexandra für niemanden, wie es das Protokoll eigentlich verlangt. Nur den Kopf hat sie vor ihm geneigt.

Die wichtigste Begegnung ist indessen die mit dem Abt des Klosters Lachen. Dieser Mönch, Asket und Lehrer, unterweist sie zwei Jahre in den esoterischen Lehren des tibetischen Buddhismus. Er gibt ihr den tibetischen Namen "Leuchte der Weisheit". So lernt sie eine Meditation kennen, die es gestattet, selbst in extremer Kälte eine körpereigene Hitze autosuggestiv zu erzeugen. "Ich weiß nicht, ob der ehrwürdige Lama nur nachgab, weil er sich so meiner endgültig zu entledigen hoffte: Er forderte mich auf, in einem eiskalten Fluss zu baden und dann unbekleidet und ohne mich abzutrocknen die Nacht unbeweglich meditierend zu verbringen. Es war zu Beginn des Winters, ungefähr auf 3000 Meter Höhe. Ich war unsäglich stolz, mir dabei keine Erkältung geholt zu haben."

Aber selbst sie würde die Strapazen dieser anderthalb Jahrzehnte nicht überstanden haben, wenn sie nicht einen unersetzlichen Begleiter gehabt hätte, den 30 Jahre jüngeren Lama Yongden. Er ist klein und zäh wie sie. In Sikkim lernt sie ihn kennen. Und er wird ihr bis zu seinem Lebensende zur Seite stehen, als Diener, Koch, Wäscher, Schneider, Träger, als Experte für Lamaismus, als Übersetzer und als Sekretär. Kein erotisches Verhältnis verbirgt sich hinter der Beziehung, sondern es ist das von Meisterin, Herrin und Jünger, schließlich das von "Mutter und Sohn": Yongden wird von Alexandra nach tibetischem Recht adoptiert.

Aber das zwingt auch zu einem Blick auf die Schattenseiten dieser großen Frau. Sie ist eine strenge Herrin. Sie kommandiert Yongden rigoros herum. Manchmal schlägt sie ihn. "Ich bin mir meines Egoismus bewusst. Ich wollte jemanden haben, der mir nützlich ist und der sich meinen Wünschen unterordnet. Das war der Entwicklung des Jungen nicht förderlich. Das ist nicht eben schön von mir. Nun, es ist geschehen."

Einstweilen wandert das Paar durch Zentralasien, an die 8000 Meilen legen sie in diesen Jahren zurück. Nach einer missglückten Reise nach Burma, Japan und Korea verbringt Alexandra drei Jahre mit Yongden im Nordosten Tibets. Das eigentliche Ziel wird anvisiert, das heilige, verbotene Lhasa. Ein erster Versuch scheitert. "Wir hatten den Salwen beinahe erreicht, als wir verhaftet wurden." Gegenstände wie ein Fotoapparat und ein Badezuber "weckten das Missvertrauen eines Grenzbeamten, und das war das Ende des Abenteuers." Aber sie "dachte nicht im Traum daran, aufzugeben. Ich akzeptiere prinzipiell keine Niederlage."

Alexandra nähert sich mit Yongden schließlich über Südwestchina von neuem der Grenzregion. 1923 versuchen sie Lhasa auf einer bisher von Weißen nicht begangenen Route durch das sagenhafte Land Po zu erreichen. Sie reisen wie schon zuvor als Pilgerpaar, Alexandra die Mutter, Yongden der Sohn. Und jetzt ist es nichts mehr mit Badezubern: Auch Alexandra, rußverschmiert das Gesicht, geschwärzt die Haare, lebt nun im Dreck. Manchmal scheint die Lage aussichtslos, wenn sie im letzten Licht auf einem Fünftausenderpass umherirren oder sich im Schneesturm verlieren.

Im Januar 1924 wird Lhasa erreicht, jenes Ziel, das Sven Hedin immer verschlossen blieb. Diese triumphale Pointe kann sich die nun als Forschungsreisende praktizierende Feministin nicht entgehen lassen: "Wo sind die großen Verkünder weiblicher Zerbrechlichkeit! Mir ist auf so vollkommene Weise eine Reise gelungen, wie sie sich der kühnste Träumer nicht ausmalen konnte."

Gefahr droht von anderer Seite: War Lhasa nun wirklich die Erfüllung – oder war nur der Weg das Ziel? Auf dem Gipfel ihres Wanderlebens macht Alexandra die Erfahrung, dass Erfüllungen auch Desillusionierungen sind. "Ich bin der Lamaklöster inzwischen überdrüssig." Nach nur zwei Monaten brechen Alexandra und Yongden wieder auf und reisen 1925 nach Europa. Aber: "Meine Rückkehr in die sogenannte zivilisierte Welt war keine Freude für mich, ganz im Gegenteil. Ich fühle mich so verschieden von all diesen Menschen, so fremd in ihrer Mitte, dass ich beim Abendessen fast geweint hätte"

Und was soll das "Heim" sein, wenn die Verbundenheit mit Philippe zwar die Fortführung einer bewährten Freundschaft, aber kein Zusammenleben mehr gestattet? Vor allem Yongden, den er mit einem Liebhaber verwechselt, will er anfangs nicht sehen. Versöhnlich ist nur der triumphale Empfang, den die französische Öffentlichkeit der Heimkehrerin bereitet. Nach einigem Suchen findet sie 1928 in Digne in der Hochprovence ein Anwesen, das zu ihr und Yongden passt.

Alexandra wertet ihre Reise als Wissenschaftlerin, Tibetologin von Weltrang und Reiseschriftstellerin in etlichen Büchern und Artikeln aus. Die "Reise einer Pariserin nach Lhasa" wird zum vielfach übersetzten Welterfolg. Als "Frau auf dem Dach der Welt" und "Bezwingerin der verbotenen Stadt" wird sie von den Zeitungen, Akademien, sogar vom Staatspräsidenten und dem Collège de France gefeiert. Tibet wird durch sie eine Mode.

1937 meldet sich der nomadische Trieb wieder zurück. Die nun 68-Jährige bricht mit Yongden noch einmal auf. "Ich glaube, es gibt keinen wirksameren Jungbrunnen als diese beiden Dinge in Kombination: Reisen und geistige Aktivität." Und es ist wie beim ersten Mal: Eine große, aber nicht zu lange Reise soll es werden – und es werden neun Jahre daraus.

1941 erhält sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes, der nicht ihr Lebensgefährte, aber ihr verlässlicher Lebensfreund war: "Ich habe den besten aller Ehemänner und meinen einzigen Freund verloren." 1946 kehren Alexandra und Yongden nach Digne zurück. Wieder liegt ein Weltkrieg zwischen Abreise und Rückkehr. Wieder ist die Welt friedloser, hässlicher, inhumaner, technischer, kommerzieller, widernatürlicher geworden. Dann aber spielt der Körper immer weniger mit. Eine Arthritis wird schlimmer. Die größte Wanderin zwischen den Welten wird gehunfähig. Sie muss getragen werden. Yongden steht ihr wie eh und je bei. Aber auch er stirbt vor ihr.

1959 findet Alexandra in Marie-Madeleine Peyronnet die Helferin, Gesellschafterin und Freundin ihres letzten Lebensjahrzehnts. Mit 90 macht Alexandra den Führerschein, mit 100 lässt sie ihren Pass verlängern. Und schreibt weiterhin unterhaltsame, geistreiche, witzige und gelehrte Bücher. Sie gibt Interviews, empfängt Besucher, die einen weiblichen Guru suchen und auf eine "Grand Old Dame" treffen, die sie unbarmherzig auf ihre Selbstständigkeit stößt.

Der 100. Geburtstag wird gebührend gefeiert. Sie hält besser durch als ihre Besucher. Im Juli 1969, bei der Mondlandung, mokiert sie sich über die "Moon Boots", die jede unmittelbare Berührung mit dem Boden unmöglich machen. "Sie haben den Mond nicht richtig erforscht. Ein Land erforschen heißt, es mit nackten Füßen zu durchwandern". Im September 1969 erkrankt sie. Ein schweigsamer Todeskampf – und dann ist der unglaubliche Traum ihres Lebens zu Ende geträumt.