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12. Oktober 2017

Erniedrigung und Balance

KUNST IN KÜRZE: Drei Freiburger Ausstellungen.

  1. Karl Vollmer: „Konfrontation“, Mischtechnik (2001) Foto: Galerie

Karl Vollmer
Der Maler Karl Vollmer lebt in Gondelsheim bei Karlsruhe. Wie aus anderen Städten Badens wurden aus Karlsruhe 1940 Juden in das Lager Gurs in Südfrankreich deportiert. 2001 arbeitete Vollmer an einer Serie von Mischtechniken, die das einstige Internierungslager am Fuß der Pyrenäen zum Gegenstand haben. In der Ausstellung "Gurs – Bilder des Unvorstellbaren" in der Katholischen Akademie Freiburg ist sie jetzt zu sehen.

Diese Bilder sind nur ein Teil der Ausstellung und nicht einmal der größere, doch taucht das bloße Wissen um ihre Präsenz die Schau in ein besonderes Licht. Gurs war kein Vernichtungslager. Nicht hier, vielmehr in Konzentrationslagern wie Auschwitz wurden die Internierten ermordet. Dennoch steht der Name für die absolute Entrechtung und Erniedrigung von Menschen, für ein menschenunwürdiges Dasein unter unbeschreiblichen Bedingungen.

Bemerkenswert an den Bildern ist, dass ein abstrakter Künstler sie malte. Lässt sich mit abstrakten Mitteln auch nur im Entferntesten eine Vorstellung der Unmenschlichkeit des Lagerdaseins vermitteln? Man muss sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass dies – und auf welche Weise – möglich ist. Die Farbpalette beschränkt sich weitgehend auf Gelb und Schwarz. Sie färbt auf einen Großteil auch der anderen Arbeiten derselben Zeit ab, selbst solche, in denen sich im Titel gänzlich Konträres dazu andeutet – "Partitur" etwa oder "Lichtmelange". Lediglich der Zyklus "Island" wird von Grün dominiert. In "Dialog" oder "Werden die Zeiten besser" mischt sich zaghaft Rot unter die Farben.

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Yang Gang
Die Galerie 4e im Freiburger Industriegebiet stellt ausschließlich gegenständliche und figürliche Kunst aus. Figürlich, in der Tat, sind die teils farbigen Tuschezeichnungen auf Reispapier des in Peking lebenden Chinesen Yang Gang. Doch balanciert mehr als eine Zeichnung am Rande der Abstraktion. Blättert man in den ausliegenden Katalogen, wird eine künstlerische Entwicklung sichtbar, allein schon anhand der motivischen Palette, die sich zunehmend von der traditionellen Landschaftsdarstellung und stilllebenartigen Pflanzenzeichnungen oder Vogelmotiven zu zeitgenössischen Sujets hinbewegt. Parallel zu dieser Entwicklung im Motivischen verläuft die Hinwendung zu einer modernen, expressiven Bildsprache. Bis auf drei Blätter sind alle Zeichnungen seit 2010 entstanden, einige in diesem Jahr.

Yang Gang hat einen starken emotionalen Bezug zur Mongolei. 1969 lebte er ein Jahr lang in einem Zelt in der mongolischen Steppenlandschaft – ein Kindheitstraum. Eine Reihe von Tuschen zeigt Reiter mit Fangleinen, teils in vollem Trab. Fast jede einzelne dieser mongolischen Reminiszenzen hat am oberen oder unteren beziehungsweise seitlichen Rand kalligraphische Elemente; in einem Fall füllen sie, gleichsam bildliche Mitakteure des im gestreckten Galopp dahinbrausenden Reiters, das Blattweiß mit aus. Auch lässt sich bei Yang Gang im Lauf der Zeit ein Zug zur Vereinfachung, Verkürzung erkennen. Zumal in den jüngsten Blättern verwandelt sich die menschliche Figur in kühner Reduktion fast ins Zeichenhafte. Der Mensch selbst wird bei dem Künstler zum Schriftzeichen in der Weite der Landschaft, der Welt.

JustCobe
Die menschliche Figur ist das Thema des jungen Freiburger Malers und Zeichners Fred Naujoks, der sich den Künstlernamen JustCobe gab. "Tanz des Lebens" heißt eine ausdrucksstarke Acrylmalerei mit einer barbusigen Tänzerin, die sich im Kulturaggregat in Freiburg zu einer Reihe von Ballerinendarstellungen gesellt; eine Tänzerin hat JustCobe annähernd lebensgroß direkt auf die Wand gemalt. Zur Inszenierung gehören Ballettschuhe, die hier und da neben den Bildern an einem Nagel hängen oder ausdrucksvoll in der Ecke lehnen.

Die Frauengestalten sind meist als Torso dargestellt. Etliche Arbeiten zeigen Körperteile, die symbolisch für die ganze Person stehen – für eine Empfindung oder Seelenlage, eine existentielle Situation. Der Kopf einer nachdenklichen Frau, in einen abstrakten Schleier aus Farbe gehüllt, meint "Reflexion"; eine nackte kauernde Frauengestalt, umfangen von einem ungegenständlichen Farbraum: Einsamkeit; ein kubistisch zerlegtes Gesicht schließlich die Fragmentierung, Parzellierung des modernen Lebens. Die groß ins Bild gesetzten Ballerinenfüße wiederum können die Mühsal des Lebens bedeuten ("Härte 2") – oder in Form einer Pirouette innere "Balance". Eine Hand vergegenwärtigt als gestische Ausdrucksfigur "Stärke", eine andere die Bitte um Beistand: "Halte mich".

Kath. Akademie, Wintererstr. 1. Bis 27. Nov., Mo bis Fr 8.30–18.15 Uhr; Galerie 4e, Riegeler Str. 4e. Bis 26. Januar, Do 9–12 Uhr, 15–19 Uhr, Fr 9–12 Uhr, 15-17 Uhr; Kulturaggregat, Hildastr. 5. Bis 25. Okt., Mo, Mi, Sa 13–18 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz