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19. Januar 2017

Inneres Erleben, äußere Wirkung

Die Ausstellung "Die ungerahmte Welt" im Basler Haus der elektronischen Künste.

Ab sofort gibt das Basler Haus der elektronischen Künste (HeK) unter dem Titel "Die ungerahmte Welt" einen Einblick in den Stand der künstlerischer Auseinandersetzung mit dem kunstgeschichtlich gesehen noch jungen Medium der sogenannten "Virtuellen Realität" (VR). Technisch gesehen geht es also um Kunst, für die man eine VR-Brille aufsetzen muss, entweder in Form eines Head-Mounted Displays wie HTC Vive und Oculus Rift oder als Pappbrille, in die man vorn sein Smartphone einwirft wie beim Google Cardboard. "Ungerahmt" ist diese Welt, weil man mit so einem Gerät vor den Augen keinen Rahmen mehr sieht, sondern den Blick im 360-Grad-Winkel wandern lassen und auf manche Dinge interaktiv einwirken kann.

Was machen die Künstlerinnen aus solchen technischen Vorgaben? Gleich die erste Arbeit, "HanaHana" von Mélodie Mousset und Naëm Baron, offenbart eine gewichtige Tücke elektronischer Arbeiten: Zum Vorführtermin funktionieren die baumartig wachsenden Hände nicht. So bleibt nur der nicht-virtuelle (reale?) Eindruck. Der ist nicht so uninteressant, denn neben dem VR-Brillen-Erlebnis wird, über den Boden wandernd, ein sich selbst umstülpender Körper projiziert. Fast ein Sinnbild dafür, wie wir unsere inneren Vorgänge und das Nervenkostüm über smarte Geräte ins weltweite Netz nach außen stülpen, während wir Augen, Ohren, Arme und Hände immer mehr in technische Apparate einstülpen.

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Das Kollektiv Fragment.In findet eine schöne Choreographie dafür, in welche Art von Zusammenhängen man sich in diesen umgestülpten Verhältnissen begibt: Auf drei Hocker verteilt sitzen drei Menschen mit VR-Brillen, die sich in einer gemeinsamen VR gegenseitig wahrnehmen und sich scheinbar selbstbestimmt zu Bewegungsmustern verabreden können. Scheinbar deshalb, weil die Bewegungen tatsächlich vom Computer gesteuert werden. Während jeder einzelne die Illusion der Kontrolle über seine Apparate hat, wird er tatsächlich nach Belieben hin und her gedreht.

Diese Diskrepanz von innerem Erleben und der Wirkung nach außen wird durch die gute Idee der Aussteller, das, was die VR-Brillenträger sehen, auf einem Monitor zu spiegeln, auch für die meisten übrigen Arbeiten dem Publikum sichtbar gemacht. Während also jemand in den schlichten virtuellen Räumen von Banz & Bowinkel herumreist, sieht das übrige Publikum die seltsame Choreographie eines Menschen, der mit schwarzem Kasten vor den Augen zwischen technischen Gerätschaften herumtapst. Diese Arbeit, wie dann auch Alfredo Salazar-Caros dschungelartiger Stammeskultort, der ein bisschen wirkt, als hätte einen der Thailänder um die Ecke in seinen Hausaltar gehext, sind von den Bildwelten her erstaunlich konventionell, so als wolle man bescheiden darauf verweisen, dass diese Kunstform noch in den Kinderschuhen stecke.

Deshalb vielleicht auch Slazar-Caros Eingeständnis an die Didaktik, eine der programmierten Skulpturen auf dem 3-D-Drucker auszudrucken, um das Augenerlebnis mit dem taktilen vergleichen zu können. Wer sich, vielleicht durch versierte Gamer angefixt, von virtuellen Kunstwelten sonst was für Schrecken oder Wunder erwartet, wird nach dem Besuch der von Tina Sauerländer kuratierten Ausstellung relaxt, aber neugierig nach Hause gehen. Stoff für Diskussionen bietet die Ausstellung in jedem Fall, umso mehr, wenn dann auch die Technik bei allen Werken mitspielt.

HeK – Haus der elektronischen
Künste,
Freilager-Platz 9, Basel. Bis 5. März, Mi bis So 12–18 Uhr. http://www.hek.ch

Autor: Jürgen Reuß