Ausstellungsprojekt

Lenzkirch: Gedankenflug im Haus Waldfrieden

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Mi, 25. Juli 2018 um 19:25 Uhr

Kunst

Im Haus Waldfrieden brennt wieder Licht: Das Freiburger Künstlerpaar Hösl & Mihaljevic hat Kunstschaffende zu einem Ausstellungsprojekt nach Lenzkirch eingeladen.

Am Ortsausgang von Lenzkirch legt sich die Bonndorfer Straße wie ein Lasso um das Haus Waldfrieden, als gelte es den Bau einzufangen zwischen den umgestürzten Bäumen, die der letzte Sturm über den Bach fallen ließ. Motorräder knattern die Strecke hinter dem Haus entlang, nachts streifen die Lichter der Scheinwerfer über die Wände im Wohnzimmer, wo derzeit schwere Gemälde in weißen Hussen verpackt auf der alten Streifentapete dösen. Die 87-jährige Vera Hösl hat sie mit den Ziffern der Jahre bestickt, in denen ihre Mutter Melitta und ihr Vater Wilhelm sie gemalt hatten. 1936, 1941, 1942.

Das waren eigenartige Jahre damals. Melitta und ihr Mann Wilhelm Schnarrenberger, kurz: Schna, einflussreicher Maler der Neuen Sachlichkeit und 1933 von den Nazis als Professor an der Kunstakademie Karlsruhe fristlos entlassen, waren daraufhin erst nach Berlin gezogen und hatten sich dann kurz vor dem Krieg 1938 in diesen entlegenen Winkel des Schwarzwalds zurückgezogen und eine Pension für Feriengäste eröffnet: Das Haus Waldfrieden, 14 Zimmer, knarrende Holzböden, grün-gelb leuchtende Fensterläden, im Keller die Überreste einer alten Löffelschmiede.

Zwischen den Zeitebenen

Das Freiburger Künstlerpaar Stefan Hösl und Andrea Mihaljevic hat das kleine Anwesen jetzt wiederbelebt. Über Jahre war das Haus von der Familie als Wochenenddomizil genutzt worden. Zuletzt brannte dann immer seltener Licht. Und während Bilder von Schnarrenberger in der New Yorker Neuen Galerie gezeigt wurden oder in Themenschauen zur "New Objectivity" im Europa der Zwanziger durch internationale Museen touren, dämmert in Lenzkirch über dem Bett ohne Publikum nach wie vor eine nächtliche Palmenansicht von Schnas Aufenthalt 1935 in der Villa Massimo in Rom, und im Flur versteckt sitzen sich in einem anrührenden Doppelporträt von 1940 Frau Melitta und Tochter Vera gegenüber, tief versunken ins Mühlespiel.

Die Idee zur Wiederbelebung dieses Hauses, in dem Kunst und Alltag so selbstverständlich Hand in Hand gingen, hatten Hösl & Mihaljevic schon vor längerer Zeit. Während eines sechsmonatigen Stipendeniums in der Cité Internationale des Arts Paris, von dem sie im April zurückkehrten, nahm das Projekt dann Kontur an. Die beiden verschickten an Menschen, mit denen sie privat oder künstlerisch verbunden waren, die Abschrift eines Briefes, im den Wilhelm Schnarrenberger im Juni 1938 einer Freundin der Familie vom seltsamen Glück des zurückgezogenen Lebens in Haus Waldfrieden berichtete: "Es ist wunderschön!" Auf derart intime Weise eingeführt in dieses Stück Familiengeschichte, baten Hösl & Mihaljevic Kunstschaffende, Freunde und Verwandte, einen Gruß, ein Bild oder anderes an das eigens zu diesem Zweck gegründete Black Forest Institute of Art, kurz: BIA, in der ehemaligen Pension zu schicken.

Tatsächlich musste der Postbote die verwaiste Adresse zuletzt immer öfter ansteuern, der Briefkasten füllte sich mit Einsendungen aus aller Welt. Seit dem letzten Juni-Wochenende sind die eingegangenen Beiträge nun in einer atmosphärischen, beziehungsreichen Ausstellung im einstigen Haus der Schnarrenbergers zu sehen. Rund 70 Arbeiten und Briefe arrangierten Hösl & Mihaljevic in den behutsam geklärten Zimmern, ausgehend von der konzeptuellen Hängung der weiß verpackten Bilder im Wohnzimmer sowie von einem raumgreifenden Mobile aus gerahmten Fragmenten eines Filmstills aus Fritz Langs "Das Testament des Dr. Mabuse". Eine Tabletversion dieses Thrillers von 1933 flackert nebenan im Ofen und gibt Einblicke in seine vielfältigen Bezüge zu angesagten Kunstströmungen der Zeit, vom Surrealismus bis zum Neuen Sehen.

Dazu hängen von den niedrigen Decken an dünnen Fäden wie frei umherschwirrende Gedanken die Umschläge, in denen die Beteiligten ihre Beiträge schickten – darunter eine Serie von Installationsshots des Basler Künstlerduos Silvia Bächli und Eric Hattan, Fotoarbeiten von Daniel Gustav Cramer, Katalin Déer, Stefan Burger und der Documenta-Künstlerin Moyra Davey, Zeichnungen von Jacob Ott, Klaus Merkel und der New Yorker Malerin Sofi Brazzeal, konzeptuelle Poesie von Cissi Hultman aus Schweden und eine anrührende Soundarbeit von Claudia de la Torre. Die in Mexiko geborene Künstlerin rezitiert darin eine auf die Sprachfetzen subjektiver Wahrnehmung reduzierte Version von Scharrenbergers Brief: "Mein (...), mein (...), jeder (...), ich (...), uns (...), er (...), und dann ich" tönt es aus einem Bett im Schlafzimmer ersten Stock, während draußen der Verkehr vorbeirauscht – und plötzlich ist man mittendrin in den Ritzen dieses bemerkenswerten Hauses, zwischen den unterschiedlichen Zeitebenen, die das Zusammentreffen von Kunst und Leben, Gegenwart und Geschichte, Erinnerung und Imagination erzeugt.

Ausstellung: "Klosettpapier, Honig, Gurken und Wein (mit Dr. Mabuse)", BIA c/o Schnarrenberger, Lenzkirch. Bis 17. Aug., nur nach Vereinbarung unter Tel. 0151/ 25108420.