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16. März 2015

Vitra Design Museum

"Making Afrika": Vorreiter der zweiten Moderne

Das Vitra Design Museum regt mit "Making Afrika" eine neue Sicht auf den Kontinent an.

Am Eingang des Vitra Design Museum sticht ein großes Graffiti am Gehry-Bau ins Auge. Farben und Figuren schaffen einen Kontrast zum blendenden Weiß der Fassade. Das irritiert, justiert den Blick auf das Gebäude neu. Dahinter steckt der senegalesische Künstler Docta, der in seiner Heimat die Gruppe "Graff et Santé" initiiert hat. Mit der Spraydose sensibilisiert diese die breite Masse für Gesundheitsthemen. Schon die ersten Eindrücke von "Making Afrika. A Continent auf Contemporary Design", der maßgeblich von der Kulturstiftung des Bundes geförderten neuen Ausstellung im Weiler Museum, konterkarieren Konventionen und Klischees, regen neue Sichtweisen an.

Diese Linie entwickeln Kuratorin Amelie Klein und Okwui Enwezor, Direktor des Hauses für Kunst in München und der 56. Biennale in Venedig dieses Jahr, als Berater an verschiedenen Genres – von Kunst, Architektur und Fotografie über Filme, Videoclips, Computerspiele und Zeitschriften bis zu Mode, Möbel- und Persönlichkeitsdesign; punktuell wird das Patchwork ergänzt mit Impressionen des postkolonialen Afrika der 60er-Jahre. Wobei schon die Subsumtion von 54 Staaten und weit mehr Ethnien unter den Begriff Afrika als koloniale Attitüde erscheint, die dem Kontinent nicht gerecht wird; passen in dessen Landmasse doch die USA, China, Indien, West- und Osteuropa und Japan, wie Kai Kruses Digitaldruck "The True Size of Africa" zeigt. "Ich würde niemals sagen, ich bin aus Afrika", erklärt denn auch eine Sprecherin in einem begleitenden Videointerview.

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Es geht also vor allem um neue, andere Perspektiven. Das unterstreichen zum Auftakt des "Prolog" überschriebenen Einstiegs auch Arbeiten der C-Stunners- Serie des Kenianers Cyrus Kabiru: Brillenskulpturen, die nicht nur für neues Sehen stehen, sondern die aus Weggeworfenem – von Schrauben bis zu Kronenkorken – komponiert sind. Das kulminiert zu der Botschaft, dass Müll Material sein kann – ein Ansatz, der in Afrika Alltag ist. Das verdeutlichen weitere Arbeiten – etwa "Nane", ein aus Aluminiumdeckeln und -ringen gefertigter Wandteppich des ghanaischen Künstlers El Anatsui, der mit "armem Material" reiche Geschichten erzählt, und Amadou Fatoumata Ba (Senegal) formt alte Autoreifen zu Kanapees und Sitzkissen und kultiviert so auch ein unkonventionelles Materialverständnis.

Aber es geht nicht nur um Transformation von Müll in Kunst oder Alltagsdesign. Unter der Überschrift "Ich und Wir" beleuchtet die Ausstellung unter anderem die Rolle des Designs bei der Identitätsbildung, zeigt dieses sowohl in abgrenzenden wie auch in integrativen Varianten. Da illustrieren Fotos des malischen Fotografen Malick Sidibé das erwachende Selbstbewusstsein nach der Kolonialzeit. Und Arbeiten des italienischen Fotografen Daniele Tamagani beleuchten, wie die Heavy-Metal-Szene in Botswana globale Insignien der Szene mit Versatzstücken der traditionellen Lebensweise verknüpft und so etwas Eigenes schafft.

Der Einfallsreichtum aus den Slums

Ebenfalls ins Blickfeld rückt das Verhältnis zwischen Milieu und Design, und zwar vor allem anhand der Städte und der Verstädterung. Eindrucksvoll ist da die skulpturale Installation "Jua Kali City" des in New York lebenden Kenianers Tahir Carl Karmali und seines Landsmanns Dennis Muraguri – zwei Zahnräder, von denen das viel größere zwar die glitzernde Hülle der Stadt symbolisiert; deren Motor aber – das kleinere Zahnrad – ist der Einfallsreichtum aus den Slums. Die Kraft kommt also von da, wo sie niemand vermutet. Überhaupt erstaunt, dass afrikanische Städte funktionieren – ohne Bau- und Verkehrsplanung zum Beispiel. Dafür aber gibt’s riesige Minibusflotten, die Mobilität sichern – selbstorganisiert, individualisiert und doch funktional. "Informelles Design" nennt Amelie Klein das und sieht darin ein globales Modell. Dafür steht auch M-Pesa, ein mobiles Überweisungssystem, das der kenianische Mobilfunker Safaricom entwickelte als Alternative zur fehlenden Bankeninfrastruktur, um Kleinverdienern Geldtransfers zu ermöglichen. Inzwischen wird das System von Vodafone global vermarktet.

Afrika ist hierzulande noch immer assoziiert mit dem Dreiklang aus Krieg, Katastrophen und Korruption; positiv besetzt ist es allenfalls als Landschafts- und Safarikulisse. Entsprechend erscheint afrikanisches Design meist als Folklore und pittoreskes Kunsthandwerk. Dabei sind die Akteure oft innovativ unterwegs. Das gilt nicht zuletzt im Umgang mit der globalen Massenproduktion und damit verbundenen Billigimporten, eine Wirtschaftsform, die nicht nur Volkswirtschaften in Afrika wanken lässt, sondern auch in Europa massenhaft Arbeitsplätze kostet. Vor dem Hintergrund gewinnt das oft der Not geschuldete "Making", das Selbermachen, auf das der Ausstellungstitel anspielt, gar politische Qualitäten.

"Making Afrika" hinterfragt so nicht nur das übliche Afrikabild; die Ausstellung definiert auch Design neu. Das muss dieser Tage komplexe Realitäten antizipieren, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und dennoch alltagstaugliche Lösungen anbieten. In Afrika gelingt dies exemplarisch mit interdisziplinären Ansätzen jenseits klassischen Produktdesigns. Das ist die Kernthese und das macht Afrika für Kuratorin Klein und Museumsleiter Mateo Kries zur Avantgarde der "zweiten Moderne", wie der Soziologe Ulrich Beck den Wandel, den die Digitalisierung anstößt, nannte. Afrika aber erscheint so für einmal nicht als permanenter Notfall, sondern als Zukunftslabor. Das verdeutlicht die Ausstellung mit rund 280 Exponaten.
– Bis 13. September, täglich 10 bis 18 Uhr, Führungen Sa/So und feiertags, 11 Uhr, Weil am Rhein, Charles-Eames-Str. 2

Autor: Michael Baas