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25. Mai 2016 00:00 Uhr

Karlsruhe

Philosoph Latour kuratiert Ausstellung im ZKM

Das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe inszeniert die Großveranstaltung "Globale" und wartet mit einer von Bruno Latour kuratierten Ausstellung auf.

Der Mensch ganz groß – der Mensch ganz klein. Nur eine Frage des Maßstabs. Damit experimentiert auch die filmische Zoom-Reise "Powers of Ten". In Einzelschritten, deren Maßstab sich jeweils um eine Zehnerpotenz verändert, switcht die Perspektive aus dem Universum zur Erde, auf eine Stadt, in einen Park, auf einen Menschen, zuletzt durch die Haut bis in den atomaren Mikrokosmos. Die Manipulation von Größenverhältnissen ist eine genuine Technik der Moderne. Praktisch alles, was technisch zu realisieren ist, beginnt im Kleinen als maßstabsgetreues Modell.

Seit 40 Jahren untersucht der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften der Moderne. Zum Abschluss der zum 300-jährigen Jubiläum der Stadt Karlsruhe vom ZKM inszenierten Großveranstaltung "Globale" wartet das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie mit einer von Latour kuratierten Ausstellung auf, die unter dem appellativen Titel "Reset Modernity!" aufzuzeigen versucht, wie es denn wäre, wenn man die Moderne wie ein technisches Gerät noch einmal auf null setzte.

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Auf Dürers Holzschnitt von der Erfindung des Perspektographen beginnt die Moderne bereits im Jahr 1525. Auf dem Bild analysiert ein Zeichner sein Modell durch einen Rasterrahmen, um es perspektivisch exakt auf die Malfläche zu übertragen. Unter den Kupferstichen, Fotografien, Videos und Installationen von mehr als 50 Kunstproduzierenden wird das Dürer-Motiv zu Latours frühestem Beleg. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Großeinsatz von Kunstwerken in der Ausstellung in erster Linie Demonstrationszwecken unterliegt und, wenn überhaupt, erst dann ästhetischen Kriterien. Somit kommt einer studentischen Videoinstallation derselbe Informationsgehalt zu wie den Bildern eines Thomas Struth, Jeff Wall oder Armin Linke.

Die Kunstbeispiele sind danach ausgewählt, dass sie sich als visuelle "Prozeduren" eignen, um die Detektoren und Werkzeuge der Moderne neu zu kalibrieren. In der digitalisierten und globalisierten Welt, so Latours Grundthese, versagen die Orientierungstools der Moderne. Vergangenheit und Zukunft, Nord und Süd, Fortschritt und Rückschritt sind als Richtwerte in einer Zeit tiefgreifender ökologischer Veränderungen unbrauchbar geworden. Stattdessen gilt es, mit zeitgemäßen Instrumenten Signale aufzuzeichnen und die Moderne neu zu vermessen.

Es überrascht nicht, wenn eine zur "Gedankenausstellung" deklarierte Schau zu einem intellektuellen Parcours gerät, den zu verstehen allein das "Fieldbook" gewährleistet, das als handlicher Katalog jedes Ausstellungsstück kommentiert, erklärt und kontextualisiert. In alphabetischer Abfolge thematisieren die einzelnen Stationen die Globalisierung, das Erhabene, Länder und Territorien, Religiosität und die Ambivalenz der Technik. Während der Trickfilm "Powers of Ten" zur Dekonstruktion der globalen Sicht herangezogen wird, bebildert die "Procedure" mit dem Titel "Außerhalb oder innerhalb der Welt" die philosophische und anthropologische Endlosschleife der Trennung von Mensch und Natur.

Die Kunst hat den Menschen von der Natur entfernt

Für diesen Ablösungsprozess macht Latour die Kunst verantwortlich. Der Dürer-Holzschnitt soll bezeugen, dass sich in diesem Dispositiv das entscheidende Medium entwickelt hat, das die Welt in ein vom Betrachter getrenntes Szenario transformiert. Diese imaginäre Trennwand verdoppelt sich auf Thomas Struths "Louvre"-Foto. Es zeigt die Rückenansichten von Museumstouristen, die Théodore Géricaults Monumentalgemälde "Das Floß der Medusa" anschauen, und markiert den unsichtbaren Fotografen als eine Beobachtungsinstanz zweiten Grades.

Im Gegensatz zu Betrachtenden sind Wissenschaftler mitten im Geschehen. Wie das zu verstehen ist, illustrieren zwei von Jeff Wall festgehaltene Szenen: Hier der Künstler mit Malblock und Distanz zum Gegenstand, in diesem Fall ein mumifzierter Arm, dort der Archäologe, der diesen Arm an Ort und Stelle birgt. Das nächste Thema des Parcours nimmt die dramatische Szene auf Géricaults Floß vorweg. Erinnert wird an die Epoche der "Erhabenheit der Seele", als sich der Mensch der Natur noch ausgeliefert fühlte. John Martins pathetischer Kupferstich "Die Sintflut" von 1828 war dazu angetan, den Menschen gegenüber den unbeherrschten Naturgewalten als eine schutzlose Marginalie der Schöpfung vorzuführen.

Nun hat die Moderne den Menschen so groß gemacht, dass er selbst zur Ursache einer entfesselten Natur wurde. Der Neologismus "Anthropozän" bezeichnet diesen Paradigmenwechsel, demzufolge die Menschheit zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Die Erde aber schweigt nicht, sondern kommt mit Feedbacks wie Extremwetter und ansteigendem Meeresspiegel.

Aus diesem Bewusstsein heraus fordert Latour die Reharmonisierung von Mensch und Natur, ohne zu ignorieren, dass ein plattes Zurück zur Natur in reaktionäres Denken mündet. Vom Bild einer reaktiven Erde zur Vorstellung einer belebten Entität ist es jedoch nicht allzu weit, und in der Tat macht der Soziologe und Philosoph keinen Hehl aus seiner Sympathie für die Gaia-These. In der griechischen Mythologie personifizierte die Urmutter Gaia die Erde, gebar allerdings Schreckensgestalten wie den Uranus, der seine Söhne hasste und in die Tiefe der Erde verbannte. Solche Konnotationen dürfen zumindest nachdenklich stimmen, wenn alles wieder auf Anfang gestellt werden soll.

ZKM Karlsruhe. Bis 21. August, Mi−Fr 10−18, Sa−So 11−18 Uhr.

Autor: Herbert M. Hurka