Radikal avantgardistisch

Das Augustinermuseum Freiburg zeigt "Im Laboratorium der Moderne. Hölzel und sein Kreis"

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Sa, 25. November 2017

Kunst

Das Augustinermuseum Freiburg zeigt "Im Laboratorium der Moderne. Hölzel und sein Kreis".

Herbst 1916. Auf den Schlachtfeldern Europas tobt der Erste Weltkrieg, bringen Bomben und Granaten Tod und Verderben. In Freiburg, wo an manchen Tagen der Kanonendonner von den Vogesen herüberhallt, wird zur selben Zeit im neuen Gebäude des Kunstvereins am Friedrichring die Ausstellung "Hölzel und sein Kreis" gezeigt. Der avantgardistische Kunstprofessor Adolf Hölzel von der Königlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart, im Schwäbischen wenig geliebt, hat mit seinem Schülerkreis Asyl im Badischen gefunden.

Das beschauliche, katholisch-konservative Freiburg als Mittelpunkt der Moderne? Die revolutionäre Schau löste zumindest hitzige Diskussionen aus. Auf eine wohlwollende Besprechung in der Frankfurter Zeitung folgten wütende Verrisse. Tilmann von Stockhausen, Chef der Freiburger Städtischen Museen und Leiter des Augustinermuseums, bezeichnet die Schau als "Meilenstein in der Entwicklung der Moderne in Deutschland" und ihre schöne Reprise in der unterirdischen Ausstellungshalle sowie im Dachstuhl des Augustinermuseums als aufwändigste und "spektakulärste Ausstellung" der vergangenen zehn Jahre in Freiburg. Ein Stück weit müsse die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts nun umgeschrieben werden.

Nach Freiburg gastierte die Schau in Frankfurt; eine Bahnblockade verhinderte, dass sie andernorts zu sehen war. Ob sich unter günstigeren Umständen Hölzels Wirkungsstätte Stuttgart als drittes Zentrum der Klassischen Moderne in Deutschland neben Dresden und München etabliert hätte, bleibt Spekulation. Eine Wiederentdeckung ist die Schau allemal, für die Ulrich Röthke, Kunsthistoriker an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, Idee und Konzept entwickelte.

Ihre jetzige Rekonstruktion freilich ist keine schlichte Wiederholung. Waren nicht alle seinerzeitigen Exponate greifbar, kamen dafür andere hinzu; mit einigen Ausreißern deckt die Schau den Zeitraum von 1912 bis 1918 ab. Weil die klimatechnischen Voraussetzungen fehlen, konnte die Ausstellung nicht in den Räumen des Museums für Neue Kunst gezeigt werden, das federführend bei ihrer Realisierung war. Christine Litz, Leiterin des Museums, ist dennoch glücklich, dass der Parcours sich dank zweier Werke von Hölzel sowie Arbeiten von Schülern in ihr Museum gewissermaßen verlängert.

Landschaften wie
aus dem Baukasten

"Im Laboratorium der Moderne" – der Ausstellungstitel ist mit Bedacht gewählt. So wie Hölzel die Genieästhetik verwarf, war Kunst für ihn Wissenschaft und das Atelier ein Labor. Es galt, die Gesetzmäßigkeiten des Bildes entlang dem Leitfaden seiner Grundelemente Linie, Form und Farbe experimentell zu ergründen; Verena Faber, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum für Neue Kunst und Projektleiterin, spricht von einer "Grundlagenforschung des Bildes". Hölzel experimentiert mit Bildern direkt aus der Tube ohne Pinsel oder – wie sein Schüler Albert Mueller – mit der Collage. Bei der Arbeit oder im Unterricht verwendet er Hilfsmittel wie Motivsucher, Farbmischer und Farbenkreisel.

In der Anspielung auf Hölzels Farbkreise wird der White Cube der Ausstellungshalle im ebenso gewagten wie geglückten Ausstellungsdesign selbst zum "Farbenrausch", wie in Tilmann von Stockhausen an Hölzels Werk gewahrt. Das Kapitel "Farbe" zeigt ein vom Kubismus und gleichzeitig von Robert Delaunays Orphismus inspiriertes Gemälde Johannes Ittens. Ganz im Geiste Hölzels spricht Itten vom "Bauen aus harmonischen Formen und Farben". In der Tat wirken dörfliche Szenen Oskar Schlemmers wie konstruiert respektive gebaut, Hermann Stenners "Eifellandschaft (Alte Fabrik)" förmlich wie aus dem Baukasten zusammengesetzt. Noch in Blättern mit dem Weltkriegsmotiv Bomben- oder Granatenexplosion wird – so bei Heinrich Eberhardt oder Hermann Stemmler – die gleichsam zerberstende Szenerie durch Konstruktion zusammengehalten.

Vor Werken der großen Expressionisten müsste sich Ittens ausdrucksstarker "Raucher" so wenig verstecken wie August Ludwig Schmitts "Frauenkopf". Zwei Badeszenen Luise Deichers erinnern an einen geometrisch radikalisierten Otto Mueller: Hölzels künstlerische (Reform-)Pädagogik schloss Frauen keineswegs aus, Ida Kerkovius machte er, ungewöhnlich für die Zeit, zu seiner Assistentin. Die Beispiele belegen allesamt, dass der Hölzel-Kreis über aktuelle Entwicklungen in der Kunst der Zeit bestens informiert war. 1912 hatte man geschlossen die Sonderbund-Ausstellung in Köln mit mehr als 600 Werken von Cézanne und van Gogh bis Picasso und den Rheinischen Expressionisten besucht.

Zwar ist in Gemälden William Straubes, ja selbst in Hölzels "Akt vor gelber Wand" (um 1910) noch ein Restflimmern des Impressionismus zu bemerken. Doch in der Summe erweisen sich Hölzel und sein Kreis als radikal avantgardistisch – bis hin zur letzten Konsequenz der Abstraktion, wie sie vor allem der Meister selbst und einer seiner Schüler – Willi Baumeister – zogen.

Augustinermuseum, Augustinerplatz, Freiburg. Bis 18. März, Di bis So 10-17 Uhr.