Kunst

Städtische Museen Freiburg präsentieren Werke von Wegbereitern der modernen Kunst

Tilmann von Stockhausen

Von Tilmann von Stockhausen

Sa, 18. November 2017

Kunst

Adolf Hölzel und sein Kreis: Die Städtischen Museen Freiburg präsentieren in einer großen Ausstellung Werke von Wegbereitern der modernen Kunst.

Freiburg ein Ort der Avantgarde in der Kunst? Diesen Zusammenhang mag zunächst kaum jemand herstellen. Den Beginn der Moderne lokalisiert die Kunstwissenschaft in München mit dem Blauen Reiter und in Berlin und Dresden, wo die Künstler der Brücke mit neuen Formen der Malerei experimentierten. Aber die Geschichte muss wohl korrigiert werden. Denn in Freiburg fand im Jahr 1916 eine Ausstellung im Kunstverein statt, die als Meilenstein in der Kunstgeschichte angesehen werden muss. Mitten im Ersten Weltkrieg, als sich im nahen Frankreich die Soldaten in den Schützengräben verbissen bekämpften und Freiburg als Frontstadt unter den Folgen des Krieges litt, wurde vom 2. September bis zum 5. Oktober in dem damals gerade neu fertiggestellten Kunstvereinsgebäude am Friedrichsring eine Ausstellung gezeigt, die die Moderne in der Kunst in Deutschland vorbereitete.

In dieser spektakulären Schau präsentierten der Stuttgarter Akademieprofessor Adolf Hölzel und seine Schülerinnen und Schüler Kunstwerke, die Grenzen überschritten: Beginnende Abstraktion, Ablösen des Realen, Ausdruck des Expressiven – die dort gezeigten Werke lieferten ein solches Feuerwerk an neuen Formen und Farben, dass manchem Freiburger der Atem gestockt haben muss.

Die Ausstellung im Freiburger Kunstverein vor rund 100 Jahren ist Anlass für ein großes Kunstereignis. Das Museum für Neue Kunst hat die historische Werkschau zum Ausgangspunkt für eine Ausstellung gemacht und zahlreiche Werke, die 1916 gezeigt wurden, nochmals nach Freiburg geholt. Dieses größte und aufwändigste Projekt der Städtischen Museen Freiburg in den letzten Jahren wird einen neuen Blick auf die Kunstentwicklung dieser Stadt werfen.

Adolf Hölzel stammte aus Olmütz in Mähren, war lange Zeit Mitglied der Dachauer Malerkolonie und wurde 1905 zum Professor an der Stuttgarter Akademie berufen. Schon seit 1904 experimentierte er mit abstrakten Formen und beschäftigte sich mit der Wirkung von Farbe und Form. Hölzel war nicht nur Künstler, sondern vor allem leidenschaftlicher Lehrer. Die Werke seiner Schülerinnen und Schüler waren Teil der Ausstellung im Freiburger Kunstverein. Zu seinen Schülern gehörten Willi Baumeister, Johannes Itten, Oskar Schlemmer und Hermann Stenner.

Hölzel war in vielerlei Hinsicht fortschrittlich, er unterrichte eine "Damen-Klasse", noch bevor Frauen eine Zulassung an der Stuttgarter Akademie erhielten. Deswegen brachte er zur Freiburger Ausstellung auch seine hochtalentierten Schülerinnen Luise Deicher, Maria Foell, Lily Hildebrandt und Ida Kerkovius mit, deren Werke Teil der Ausstellung waren. Mit seinen unkonventionellen Lehrmethoden war Hölzel der geistige Vater des Bauhauses, an dem in den 1920er Jahren neue Formen und Möglichkeiten der Kunst ausprobiert und gelehrt wurden.

Dass eine solche Ausstellung 1916 für Furore sorgte, ist nicht überraschend. Neben begeisterter Zustimmung gab es vernichtende Ablehnung. So schrieb die Süddeutsche Conservative Correspondenz aus Karlsruhe: "Schon seit Jahren ist ein geistig und ästhetisch von den Schlagzeilen der Großstadtpresse abhängiger, in der Hauptsache jüdisch und feministisch beeinflusster Kreis tätig, um alle Ausgeburten sezessionistischer Sezession zu begönnern und den Freiburgern als das ,Sublime‘ der Kunst aufzuhalsen und aufzuschwatzen." Dieses Maß an Unverständnis verdeutlicht, wie sehr die Ausstellung einige Zeitgenossen schockiert haben muss. Reales löste sich auf, Körper wurden dekonstruiert, Farben bekamen eine neue Bedeutung. Das Spektrum der Kunstwerke zeigt aus heutiger Sicht vor allem eines: wie die Künstlerinnen und Künstler nach neuen Ausdrucksformen und innovativen Möglichkeiten der Vermittlung suchten.

Es geht hier um
Klassiker der Kunst

Die Ausstellung von 1916 ist ein Meilenstein auf dem Weg der Kunst in die Moderne. Einzelne Fachleute waren sich ihrer Bedeutung durchaus bewusst. Dennoch sind die Freiburger Ausstellung und ihre enorme Auswirkung auf die Entwicklung der Kunst heute weitgehend vergessen.

Auch die Freiburger Museen hatten zunächst nicht an dieses Jubiläum gedacht, aber der Kunsthistoriker Ulrich Röthke kam 2015 auf das Museum für Neue Kunst zu und machte den Vorschlag, die Ausstellung von 1916 zum Thema einer neuen Präsentation zu machen. Von der Direktorin des Museums für Neue Kunst, Christine Litz, wurde die Idee aufgegriffen. Da die Werke von Hölzel und seinen Schülern heute zu den Klassikern der Kunst zählen, konnte dieses Projekt jedoch nur in der klimatisierten Ausstellungshalle des Augustinermuseums stattfinden.

Da Hölzel als Künstler auf der Schwelle zur Moderne stand und das Augustinermuseum über ein bedeutendes Frühwerk von Hölzel verfügt, mag die Ausstellungshalle der ideale Ort sein, um der Geschichte und der Ausstellung nachzuspüren. Zudem hat sich Hölzel sehr für Vorbilder in der Gotik interessiert.

Ein Rätsel bleibt jedoch: Warum hat diese die Kunst verändernde Ausstellung ausgerechnet in Freiburg stattgefunden? Ursprünglich waren weitere Stationen geplant, das Kriegsgeschehen machte jedoch nur noch eine kurze Präsentation in Frankfurt am Main möglich. Wahrscheinlich hat das damals neu errichtete Gebäude des Kunstvereins den Ausschlag gegeben, die Schau nicht in Stuttgart, sondern in Freiburg zu präsentieren. Ende 1915 wurde am Friedrichring das neue Kunstvereinsgebäude feierlich eröffnet.

Der elegante Ausstellungspavillon zählte zu den eindrucksvollsten und schönsten Kunstgebäuden des Deutschen Reiches. Konzipiert nach den Plänen von Rudolf Schmid, hatte bürgerschaftliches Engagement den Kunsttempel möglich gemacht, der trotz Krieg und Elend 1915 eröffnet werden konnte. Auch einige Persönlichkeiten der damaligen Zeit spielten eine wichtige Rolle – der Gründungsdirektor des Augustinermuseums Max Wingenroth (1872– 1922), der neben seiner Funktion als Leiter der Städtischen Sammlungen auch für das Ausstellungsprogramm des Kunstvereins verantwortlich zeichnete. Ebenfalls wichtig war der langjährige Vorsitzende des Kunstvereins, der Zoologe August Gruber (1853–1938), der sich jahrelang für den Neubau eingesetzt und den Mut hatte, das Gebäude als Bühne für eine neue Welt der Kunst zu öffnen.

Avantgarde in Freiburg – die gab es. 100 Jahre nach der außergewöhnlichen Ausstellung im Kunstverein versuchen die Städtischen Museen, dieses für die Entwicklung der Kunst in Deutschland bedeutungsvolle Ereignis in Erinnerung zu bringen.

Im Laboratorium der Moderne. Hölzel und sein Kreis. Eine Ausstellung des Museums für Neue Kunst in der Ausstellungshalle und im Dachgeschoss des Augustinermuseums, 25.11.2017 bis 18.3.2018, Di bis So, 10–17 Uhr, Fr 10–19 Uhr.

Der Autor ist Kunsthistoriker und seit 2008 Leitender Direktor der Städtischen Museen Freiburg und Direktor des Augustinermuseums.