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01. November 2008 08:25 Uhr

Baden-Baden

Kuscheln mit dem Roboter

In einem Baden-Badener Altenheim lebt seit zwei Jahren Babyrobbe Paro. Paro fiept, wackelt mit den Flossen, hat einen herzzerreißenden Augenaufschlag – und die Senioren lieben ihn. Ein Besuch beim Kuschelroboter.

  1. Streicheleinheiten für den Kuschelroboter Foto: Silke Kohlmann

  2. Diesem Augenaufschlag kann kaum jemand widerstehen. Foto: Silke Kohlmann

  3. Paro verbindet: „Wenn er da ist, ist keine Zeit zum streiten“, sagt Therapeutin Wilma Falk. Foto: dpa

  4. Ein richtiger Gesprächspartner … Foto: Silke Kohlmann

  5. … ist die elektronische Babyrobbe für Frau Meyer Foto: Silke Kohlmann

  6. „Mein Allerärgster“ – so nennt Frau Burghard den Kuschelroboter Foto: Silke Kohlmann

Martha Meyer fährt sanft mit der Bürste über das weiße Fell. "Du hast es schwer", murmelt sie der flauschigen Babyrobbe zu, die in ihrem Schoß liegt. "Niemand hört auf dich." Sie krault den Hals des Tieres. Das schlägt die schwarzen Kulleraugen auf, schmiegt den Kopf in die Hand von Frau Meyer und gibt ein Quieken von sich. Paro, der Kuschelroboter, lebt seit zwei Jahren auf der Demenzstation des Christinenstift in Baden-Baden. Das Alten- und Pflegeheim, das der privaten Maternus Kliniken AG angehört, testet Paro für den deutschen Markt. Noch ist der Kuschelroboter in Deutschland nicht zugelassen. In Japan hat er bereits großen Erfolg in Altenheimen und Krankenhäusern. Und immer mehr – oft alleinlebende – Menschen haben das elektronische Kuscheltier zu Hause.

"Was er heute wieder für Augen macht."

Hubert Kühn ist ganz begeistert von Paro
Frau Meyer legt jetzt ihre Nase auf die von Paro. Die Robbe quäkt und räkelt sich. "Was er heute wieder für Augen macht", sagt Hubert Kühn, der neben Frau Meyer sitzt. Der Plüschroboter wendet den Kopf zu ihm – ganz als hätte er ihn gehört. Und das hat er tatsächlich: Seine Audio-Sensoren haben die Stimme wahrgenommen. Paro ist so programmiert, dass er auf Geräusche, Berührung, Licht und Wärme reagiert. 15 Jahre hat Paros Erfinder, der Japaner Takanori Shibata, an seinem Kuschelroboter gearbeitet. Zunächst baute er einen Kuschelhund und eine Kuschelkatze – und scheiterte. Die Testpersonen verglichen den Roboter mit dem echten Tier und waren enttäuscht. Von einem Robbenbaby aber weiß kaum jemand, wie es sich verhält.

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Die Maternus-Kliniken traten 2006 mit Shibata in Kontakt und vereinbarten mit ihm eine Testphase für den Therapieroboter. Zwei Exemplare sind seit mittlerweile seit zwei Jahren in Baden-Baden im Einsatz. Und die Erfahrungen sind positiv: Die Senioren kümmern sich um das Robbenbaby und haben dadurch das Gefühl, gebraucht zu werden. Bei manchen Patienten kann dadurch die Medikamentengabe stark reduziert werden. Therapeutin Wilma Falk nutzt Paro außerdem, um Konflikte unter den Bewohnern zu schlichten. "Wenn er da ist, ist keine Zeit zum Streiten", sagt die 52-Jährige.

Wilma Falk ist die Ziehmama von Paro. Sie kümmert sich um seine Pflege und sie ist es, die Paro in die Wohngruppe eins bringt, das Zuhause von 19 demenzkranken Senioren. Treffpunkt ist die "Gute Stube" mit Blümchentapeten, grünem Samtsofa und Ölgemälden an der Wand. Ein Wohnzimmer, wie es sich die Senioren selbst einrichten würden. Das Fenster gibt den Blick auf den kleinen Garten frei. Ein Wartehäuschen steht dort, ein Bushaltestelle-Schild. Im Christinenstift hat man viele Jahre Erfahrung mit Demenz. "Wir holen die Bewohner da ab, wo sie sind", erklärt Pflegedienstleiter Bernd Keller. Und das bedeutet manchmal auch, dass die Pflegerin sich mit dem Patienten an die Bushaltestelle setzt, weil er dringend zu seiner Mutter nach Hause muss. "Wenn wir ihm erklären würden, dass seine Eltern lange tot sind, würden wir ihn nicht erreichen", sagt Keller.

"Durch Paro erfahren wir sehr viel über unsere Bewohner."Therapeutin Wilma Falk
Die demenzkranken Senioren erreichen – das schafft die Babyrobbe Paro. "Warum ist er denn jetzt so still", fragt Frau Meyer, die immer noch mit der Bürste über das Fell kämmt. "Vielleicht genießt er", antwortet Therapeutin Wilma Falk. "Könnt sein", sagt Herr Kühn, der früher einen Hund hatte und sich mit Tieren auskennt. Und jetzt erzählt er, wie schon oft, von seinem Dackel Purzel – "ein ganz giftiges Tier". Falk kennt die Geschichte von Purzel schon. Aber sie hört auch dieses Mal zu. Denn das ist eine der Eigenschaften von Paro: Über ihn entwickeln sich Gespräche – unter den Senioren und mit den Pflegekräften. "Wir erfahren so sehr viel über unsere Bewohner", sagt Falk. Vom Dackel Purzel, dass Herr Kühn einmal Bäcker war, wer früher auf einem Bauernhof lebte und wer ein Kind der Großstadt ist. Dieses Wissen hilft den Pflegekräften für die Senioren ein Heim zu schaffen, das wirklich ein Zuhause ist.

"Natürlich kann Paro die Arbeit der Pflegekräfte nicht ersetzen", sagt Keller. "Aber er ist ein Mittel in unserem Pflegekonzept." In den zwei Jahren, die Paro in der Wohngruppe lebt, haben die Pflegerinnen und Pfleger viele Veränderungen beobachtet. "Die Weglauf-Tendenz hat bei einigen Bewohnern abgenommen", sagt Wilma Falk. Und Paro hilft ihr, wenn es ihr nicht gelingt, zu den Senioren vorzudringen.

Manchmal, erzählt Wilma Falk, sitzt eine der Patientinnen auf der Bank im Flur und weint still vor sich hin. "Wenn ich sie anspreche, reagiert sie nicht", sagt Falk. "Wenn ich mich aber mit Paro neben sie setze, guckt sie irgendwann herüber, streichelt ihn, vergisst ihren Kummer oder noch besser: spricht über ihn."

Herr Kühn hat Paro inzwischen zu sich herüber gezogen. Mit einer Hand streichelt er das Kinn der Robbe, nickt dem Roboter zu und ist ganz in ein stummes Gespräch mit dem Tier vertieft. Frau Meyers Stirn hat sich in tiefe Falten gelegt. "Jetzt bin ich böse mit dir", sagt sie zu Paros Schwanzflosse. Herr Kühn schiebt das Kuscheltier gutmütig zu Frau Meyer zurück. "Du Strolch", schimpft sie mit Paro. "Immer willst du zu den jungen Frauen." Mit dem Stiel der Bürste gibt sie dem Kuschelroboter einen Klaps. Der macht die Augen zu und senkt den Kopf.

Autor: Silke Kohlmann