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17. August 2013

Alte Kleider machen Leute reich

Altkleider-Container von gewerblichen Sammlern verärgern Wohlfahrtsverbände / Die Behörden sind hilflos.

  1. Den Wohlfahrtsverbänden ein Ärgernis: Container eines gewerblichen Altkleider-Sammlers an der Lahrer Schwarzwaldstraße Foto: Bastian Henning

  2. Djahan Salar in der Kleiderkammer der Neuen Arbeit. Hier wird inzwischen weniger umgesetzt. Foto: Preker

LAHR. Mit Altkleidern lässt sich viel Geld verdienen. Längst nicht mehr nur gemeinnützige Sammler machen davon auch in Lahr Gebrauch. Auch jede Menge Container von gewerblichen Sammlern stehen an den Straßen – zum Leidwesen der karitativen Organisationen wie dem Deutschen Rotem Kreuz oderder Neuen Arbeit Lahr (NAL). Die Behörden wiederum sind oft machtlos gegen die gewerbliche Konkurrenz, die auf den ersten Blick häufig ganz und gar wohltätig daherkommt.

An der Offenburger Straße stehen mehrere von ihnen, an der Schwarzwaldstraße und in Sulz auch. Gewerbliche Altkleider-Container, von denen häufig niemand genau weiß, wer dahinter steckt und wie viele es von ihnen gibt. Djahan Salar, Geschäftsführer der Neuen Arbeit Lahr, ärgert sich über jeden einzelnen von ihnen. Denn seine Organisation, die gemeinnützig Arbeitslose auf das Berufsleben vorbereitet, sammelt selbst Altkleider. In rund 150 Containern in der Ortenau. Salar beschäftigt neun Mitarbeiter, die Kleidung abholen und sortieren und, vom Verein Fair-Wertung kontrolliert, an eine Recycling-Firma weiterverkaufen.

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"Wir wollen, dass mit

Altkleidern nicht der
afrikanische Markt
überschwemmt und
spekuliert wird".

Djahan Salar, Neue Arbeit Lahr
Bei den 40 bis 50 Tonnen Altkleidern, die allein die NAL jeden Monat sammelt, erhält sie rund 10 Cent pro Kilogramm – mehr als 4000 Euro. Normalerweise. In den vergangenen Monaten seien jeweils rund 10 Tonnen weniger Altkleider in den Containern gelandet, berichtet Salar. Wegen immer mehr Containern von gewerblichen Sammlern, ist er sich sicher. Aber auch Modeketten wie H&M tauschen inzwischen Altkleider gegen Gutscheine. Djahan Salar weiß von Containern, die auf Flächen wie dem schmalen Grünstreifen an der Offenburger Straße abgestellt werden, deren Eigentümer nur schwer erkennbar ist. Und solange der sich nicht wehrt, bleiben die Container stehen. Auch ist es bei vielen gewerblichen Containern schwierig, herauszufinden, wer sie aufgestellt hat. Denn oft ist nur eine Handynummer angegeben, hinter der ein Anrufbeantworter läuft oder man bloß einen Subunternehmer erreicht, wie in einem Fall an der Schwarzwaldstraße.

Es ist die große Ausnahme, wenn – wie an der Offenburger Straße – an einem Container ein Zettel hängt, der den Aufsteller auffordert, ihn abzubauen. Das liegt auch daran, dass Altkleiderspenden im Verständnis von Bürgern und Eigentümern stets wohltätig wahrgenommen werden. Doch tatsächlich verbirgt sich dahinter ein knallhartes Geschäft. Auf dem freien Markt, ohne den Dachverband Fair-Wertung, könnte etwa auch Djahan Salar bis zu 30 Cent fürs Kilo nehmen – eine durchaus lukrative Einnahmequelle. Für ihn und die NAL kommt das nicht infrage. "Wir wollen, dass mit den Altkleidern nicht einfach der afrikanische Markt überschwemmt und spekuliert wird". Fair-Wertung kümmert sich darum, dass auch im Zielland ethische Standards eingehalten werden.

Unter den Wohlfahrtsverbänden in der Region, die Altkleider sammeln, hat sich bislang nur die NAL Fair-Wertung angeschlossen. Die anderen sammeln auf herkömmlichem Wege für den guten Zweck. Aber auch ihre Container sind längst nicht mehr so voll wie früher. Das bestätigt beispielsweise Jan Seeger, Kreisgeschäftsführer beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Ihn ärgert es, dass an einigen kommerziellen Containern Herzen prangen, die einen wohltätigen Zweck vorgegeben, den es nicht gibt. "Der Bürger muss den Unterschied erkennen können".

Ob das hilft? Anton Tadic, 40, ist Bürgerarbeiter bei der NAL. Er leert täglich die NAL-Container im Kreis. Selbst er kann oft nicht mehr unterscheiden, ob es sich bei den anderen Containern nun um gewerbliche oder gemeinnützige Sammler handelt. Aber aus Erfahrung weiß er auch: "Den Leuten ist es völlig egal, wo sie ihre Altkleider hinbringen".

In der Kleiderkammer der NAL stapeln sich Winterjacken neben Bermudas, aber auch Töpfe, Bücher, Gießkannen oder ein Schlauchboot lagern hier. "Wir machen aus allem etwas", sagt Djahan Salar stolz. Doch nur ein Bruchteil der eingesammelten Altkleider bleibt tatsächlich hier und wird in Second Hand-Läden, wie dem Fundus, verkauft. Das Gros der Altkleider landet auch bei der Neuen Arbeit in einer von vier Lastwagen-Auflieger, die regelmäßig von einer Ulmer Verwertungsfirma abgeholt werden, wenn auch nach den Prinzipien von Fair-Wertung.

Dass es in und rund um Lahr auch gewerbliche Sammler gibt, findet Jan Seeger vom DRK erst einmal nicht schlimm. "Solange sich auch sie an die Spielregeln halten." So sollten sie klar erkennbar sein, findet er, und sie sollten die Sammlungen beim Landratsamt anzeigen. Seit rund einem Jahr sind die Sammler zu solch einer Anzeige rechtlich auch verpflichtet. Seitdem gilt das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz (siehe Infobox) und seitdem wurden im Kreis 313 Sammlungen angezeigt, davon 53 gewerbliche. Als karitativ wertet das Landratsamt dabei Sammlungen von Organisationen, die laut Finanzamt gemeinnützig sind.

Doch längst nicht alle Sammler im Kreis zeigen ihre Sammlungen ordnungsgemäß an. Gegen derlei Wildsammler sollte konsequenter vorgegangen werden, fordern Seeger und Salar. Darüber und über die aus seiner Sicht zu vielen gewerblichen Sammler in Lahr, berichtet Djahan Salar, habe er etwa bereits mit Lahrs Erstem Bürgermeister Guido Schöneboom gesprochen.

"Wir dürfen nicht zwischen privaten und gewerblichen Sammlern priorisieren."

Julia Morelle, Landratsamt
Der Stadt indes, sagt Alexander Ell vom städtischen Rechts- und Ordnungsamt, sind derzeit keine Probleme mit gewerblich aufgestellten Containern auf öffentlichen Flächen bekannt. Zuletzt habe es 2012 einen Fall gegeben, bei dem die Stadt die Beseitigung eines Containers im öffentlichen Raum angeordnet hatte. Und für gewerbliche Container auf privatem Grund ist man bei der Stadt nicht zuständig.

Für Djahan Salar ist das frustrierend. Er wünscht sich, dass die Gemeinden im Kreis Containerstellplätze stärker als sozialpolitisches Instrument nutzen. Er weiß aus anderen Städten, dass es bei jährlich mehreren hundert Euro Miete pro Container-Stellplatz durchaus attraktiv für Kommunen sei, Standorte zu vermieten. Und andere, wild aufgestellte Container, würde Djahan Salar sogar selbst abholen. Doch ohne das Okay des Grundstückseigentümers kann er nichts tun.

Beim Landratsamt, das die Sammelanzeigen entgegennimmt, kann Salar auch nicht auf Hilfe gegen die gewerbliche Konkurrenz hoffen: "Zwischen privaten und gewerblichen Sammlern dürfen wir keine Priorisierung vornehmen", konstatiert Julia Morelle, Leiterin des Amts für Gewerbeaufsicht, Immissionsschutz und Abfallrecht. Und für flächendeckende Kontrollen gegen Wildsammler fehlt dem Amt schlicht das Personal.

Anders als zahlreiche andere Kreise und Gemeinden, verzichten Stadt und Kreis derzeit jedoch auf eigene Sammlungen, um etwa die Müllgebühren niedrig zu halten. Zumindest aus dieser Richtung ist Anton Tadics Job noch nicht gefährdet. Doch Salar fragt sich angesichts der gewerblichen Konkurrenz durchaus: Wie lange noch? Schon bald will er über die Probleme mit den anderen wohltätigen Sammlern im Kreis sprechen. "Vielleicht haben wir ja gemeinsam eine Idee."

Altkleiderrecht

Eine Erlaubnispflicht für Kleidersammlungen gibt es seit rund 15 Jahren nicht mehr. Mit dem seit Juni 2012 geltenden Kreislaufwirtschaftsgesetz jedoch müssen Sammlungen beim jeweiligen Kreis wieder angezeigt werden und zwar drei Monate im Voraus. Gewerbliche und gemeinnützige Sammlungen werden dabei grundsätzlich gleichbehandelt. Das Gesetz räumt kommunalen Abfallentsorgern Vorrang bei der Sammlung ein, wovon in Lahr jedoch kein Gebrauch gemacht wird. Nur bei überwiegendem öffentlichen Interesse können die Ämter gewerbliche oder gemeinnützige Sammlungen verbieten oder Auflagen erteilen. Was das heißt, ist umstritten. Container auf öffentlichen Flächen müssen von den Kommunen genehmigt werden.  

Autor: apr

Autor: Alexander Preker