Brecht und die Gutmenschen

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Do, 04. Mai 2017

Lahr

"Theaterbühne im Keller" probt weitgehend unbekannte Version von "Der gute Mensch von Sezuan" / Premiere im Juli.

LAHR. Es ist ein Klassiker von Bertolt Brecht, den die Theaterbühne des Kulturkreises Anfang Juli im Stiftsschaffneikeller aufführen wird: "Der gute Mensch von Sezuan" wird jedoch nicht in der bekannten Version gezeigt, sondern in der – noch weitgehend unbekannten – im US-Exil entstandenen Santa-Monica-Version von 1943.

Theaterleiter Christopher Kern war selbst erstaunt, dass es von dieser kürzeren und prägnanteren Fassung des Stückes nicht einmal einen gedruckten Text gibt. Recherchen im Brecht-Archiv in Berlin förderten genau ein Exemplar zu Tage: Vergilbte Schreibmaschinenseiten mit handschriftlichen und nicht immer leserlichen Anmerkungen Brechts, die für die Lahrer eigens gescannt wurden.

Mit dieser bis dahin einzigen Kopie und der Zusage von Brecht-Enkelin Johanna Schall, dass das Lahrer Amateur-Theater das Stück aufführen darf, verbrachte Kern die Weihnachtsfeiertage. "Ich habe eine Spielfassung erstellt, bei der ich so nah wie möglich am Text geblieben bin, weil wir ja erst die dritte Bühne sind, die das Stück in dieser Fassung aufführt."

Die Uraufführung fand 1987 im DDR-Nationaltheater in Weimar statt. Derzeit wird die Santa-Monica-Version unter der Regie von Jo Fabian am Stadttheater Konstanz gespielt. Im Pressegespräch im Stiftsschaffneikeller, in dem das 20-köpfige Ensemble der "Theaterbühne im Keller" seit Januar probt, zeigt sich Christopher Kern immer noch fast ungläubig, dass Brecht-Archiv, Brecht-Erben und der Suhrkamp-Verlag so schnell und unkompliziert seiner Anfrage zugestimmt hatten. Die Lahrer haben damit in diesem Jahr die Möglichkeit, die beiden Versionen des Stücks zu vergleichen. Die Theater-AG des Scheffel-Gymnasiums hatte die erste Version im März aufgeführt.

Offensichtlichster Unterschied: Der Wegfall der "normalen" Arbeitswelt in einer Tabakfabrik hat weitreichende Folgen für das Stück. Nun verdienen die "Bösen" ihr Geld durch Opiumhandel, während die "Guten" versuchen, den Armen zu helfen. Doch Gut und Böse sind Kategorien, die Brecht in diesem Stück grundsätzlich hinterfragt. Kann der Mensch überhaupt gut sein? Sind die Verhältnisse so, dass das Gute eine Chance hat?

Wem jetzt die aktuelle Debatte um das sogenannte "Gutmenschentum" einfällt, liegt genau richtig: Brechts Klassiker erweist sich als hochaktuell und zugleich geht seine Analyse des Spannungsfelds zwischen dem Anspruch, Gutes tun zu wollen, und den Sachzwängen, genau dafür aber auch Geld zu brauchen, tiefer als die meisten politischen Debatten.

Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan. Lahr, Stiftsschaffneikeller. Premiere: 7. Juli, 20 Uhr. Vorverkauf: 10 Euro, ermäßigt 8 Euro, Abendkasse: 12 bzw. 10 Euro. Weitere Aufführungen: 8. Juli, 29. und 30. September, 1. und 2. Dezember. Vorverkauf: Musikhaus Eichler, Kulturbüro Lahr, Buchhandlungen Rombach und Schwab.

Weitere Informationen gibt es online auf http://www.kulturkreis-lahr.de