BZ-SERIE: Gerstensaft statt Militär

Heinz Siebold

Von Heinz Siebold

Sa, 05. Mai 2018

Lahr

MUSEUMSGESCHICHTEN (9): Nestler braute in Dinglingen Bier.

LAHR. Im neuen Stadtmuseum in der ehemaligen Tonofenfabrik gibt es viele Ausstellungsstücke zu entdecken, die eine spannende Geschichte erzählen. Die BZ stellt einige der Exponate vor. Heute: das Schild der Brauerei Nestler.

Nestler Wellpappe, Nestler Armaturen, Nestler Zeichengeräte und Rechenschieber – das kennt man. Aber Nestler Bräu? Ja, Gustav Adolf Nestler (1846-1896) hat in Dinglingen am östlichen Ortsrand 1872 eine Brauerei eröffnet. Dazu gehörten eine Brauereigaststätte, die später "Blume" genannt wurde und später Filialen in Seelbach, Grafenhausen und Hofweier. Gustav Adolf, seine Brüder Hermann, Carl Friedrich und Albert und ihre älteste Schwester Marie Elisabeth gehörten zur vierten Generation der aus Pforzheim nach Dinglingen zugewanderten Nestler. Wie der Name andeutet, war nicht nur der Ahnherr der Lahrer Linie ein Textilhandwerker. Nestler, Nestelmacher und Senkler wurden früher die Schnürsenkelmacher genannt. Der in Straßburg geborene Weber Christian Daniel Nestler (1753 – 1790) heiratete 1776 die Lahrer Metzgerstochter Maria Magdalena Wollenbär und begründete die Lahrer Linie. Ihr Urenkel Gustav Adolf wurde in Dinglingen zum Brauer, eine ungewöhnliche Berufswahl in der Familie. Es gelang ihm, um den Militärdienst herumzukommen, er wollte sich nicht "wegen so einer elenden Sache" wie einem Krieg gegen Frankreich "zum Krüppel oder gar todt" schießen lassen und machte in der Brauerei Piller im elsässischen St. Dié eine Ausbildung zum Bierbrauer. Praktischerweise heiratete er danach die Wirtstochter Luise Mößner aus Ihringen am Kaiserstuhl, die dann das Regiment in der Dinglinger Brauwirtschaft übernahm. Von den acht Kindern des Paares erreichten nur sechs das Erwachsenenalter. Sohn Karl Robert (1880-1952) übernahm 1913 die Brauerei. Doch die Konzentrationswelle in der Braubranche zu Beginn des 20. Jahrhunderts überstand Nestler-Bräu nicht, im Jahr 1923 wurde die Brauerei geschlossen. Robert Nestler gründete ein Jahr später im gleichen Gebäude die Wellpappenfabrik, die seit 1999 nicht mehr im Familienbesitz ist.

Das Stadtmuseum ist von Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Infos unter https://stadtmuseum.lahr.de