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04. Mai 2013 00:00 Uhr

Südliche Ortenau

Das Comeback der Störche

Aktuell haben 17 Gemeinden in der südlichen Ortenau besetzte Nester, doch so gut war der Vogel nicht immer vertreten.

  1. Ein ausgewachsener Storch benötigt laut Nabu etwa 500 bis 700 Gramm Nahrung pro Tag. Das entspricht ungefähr 16 Mäusen oder 500 bis 700 Regenwürmern. Foto: dpa

  2. Das besetzte Nest auf dem Storchenturm in Lahr. Foto: Privat

LAHR UND UMGEBUNG. Wir bauen ihm ein geräumiges Bett aus Weidenruten auf dem Storchenturm, verfolgen das Geschehen in seinem Zuhause per Videokamera, lassen gar ganze Baukräne an Ort und Stelle, wenn er sich diese als Brutstätte ausgeguckt hat. Er ist ganz klar der Star unter den Vögeln – der Storch. Wie er heute im Lahrer Raum vertreten ist, welche Entwicklung seine Population durchgemacht hat und warum – die Badische Zeitung hat sich den Weißstorch einmal genauer angeschaut.

Etwa 21 Brutpaare bewohnen derzeit die Nester in der südlichen Ortenau, im gesamten Landkreis sind es etwa 70 Paare, in ganz Baden-Württemberg 490. Vor knapp 40 Jahren sah diese Zahl deutlich anders aus: Damals gab es nur noch 15 Brutpaare in ganz Baden-Württemberg, die meisten davon am Oberrhein. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es einmal 530 Paare gewesen. Wie konnte es zu solch einem drastischen Rückgang an Brutpaaren kommen?

"Allgemein gab es einen Verlust an Nahrungsbiotopen. Es war damals die erste Zeit des Wiesenumbruchs in Maisäcker. Viele landwirtschaftliche Flächen wurden intensiviert, so dass den Störchen die Nahrungsgrundlage fehlte", erklärt Helmut Opitz aus Seelbach, Vizepräsident des Naturschutzbundes (Nabu). Denn was der Weißstorch für die Nahrungssuche braucht, ist artenreiches und feuchtes Grünland. "In der Hauptsache ernähren sich Störche von Insekten, Regenwürmern, Heuschrecken und Mäusen", sagt Opitz. Neben den Veränderungen in den Brutgebieten galten vor allem Nahrungsengpässe infolge von Dürreperioden in der Sahelzone und die Bekämpfung von Wanderheuschrecken in den Winterquartieren sowie hohe Verluste durch Drahtanflüge und Stromschlag als Hauptgründe für den Rückgang. "Das betraf die Populationen in ganz Westeuropa", sagt Opitz. Länder wie die Schweiz oder Schweden verloren ihre Störche damals komplett.

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Erfolgsreiches Wiederansiedlungsprogramm

1981 startete die Landesregierung in Zusammenarbeit mit dem heutigen Nabu ein Wiederansiedlungsprogramm für den Weißstorch. In geeignet erscheinenden Lebensräumen wurden geschlechtsreife Störche ausgewildert. Die baden-württembergische Aufzuchtstation in Schwarzach im Odenwald ging in Betrieb. Ziel war es, eine sich selbst reproduzierende Weißstorchpopulation aufzubauen. "Durch die Auswilderungen haben sich hier im Land seit etwa 1985 ganz langsam wieder Störche angesiedelt", erzählt Helmut Opitz. Laut Nabu waren es vordergründig die Fütterung und das Eingreifen ins Horstgeschehen, die Zucht in Gehegen und die Auswilderung sowie die gefahrlose Überwinterung vieler Störche in Spanien und teilweise auch im Brutgebiet, die dafür gesorgt haben, dass die Storchenpopulation wieder angestiegen ist. Die Erweiterung oder Verbesserung der Nahrungsgebiete sei nur zu einem geringen Teil an der positiven Entwicklung beteiligt. "Auch im Lahrer Raum gibt es ganz klar zu wenig artenreiches Grünland für die Störche. Das Nahrungsangebot ist knapp", sagt Opitz.

Durch das jahrelange Engagement gibt es heute in und um Lahr wieder viele belegte Storchennester. Zu viele? Der Ottenheimer Ortschaftsrat diskutierte kürzlich die Frage, ob die Gemeinde ein zweites Storchennest einrichten solle. Es wurde die Befürchtung laut, dass zu viele Störche sich möglicherweise negativ auf die Amphibien-, Bodenbrüter- und Feldhasenpopulation auswirken könnten. Eine Sorge, die Helmut Opitz nicht verstehen kann. "Der Storch hat überhaupt keinen Einfluss auf das Niederwild. Das ist völliger Unsinn." Auch die Amphibienbestände würde der Storch nicht ausrotten. "Durch natürliches Futter können es nicht zu viele Störche werden", so Opitz.

"Das Zufüttern hat Folgen, die man nicht überblicken kann." Opitz
Ein Problem sei allerdings die Zufütterung der Vögel. Manche Menschen stellten Eimer mit Fischen aus, an denen die Störche sich bedienen können. Durch die Zufütterung kann der Storch den hiesigen Winter überleben und zieht nicht wie üblich in sein Winterquartier. "Das Problem ist, dass damit in die natürlichen Vorgänge eingegriffen wird. Störche werden zu Haustieren gemacht. Man programmiert das Tier um, es läuft Gefahr genetisch zu verarmen, die Gehirnmasse kann abnehmen. Das Zufüttern hat Folgen, die man nicht überblicken kann", erklärt Opitz. Dort, wo Störche wieder angesiedelt wurden, wäre Aufklärungsarbeit geleistet worden. Auch in Gemeindeblättern wurde darauf hingewiesen, dass die Störche keine Hilfe bei der Nahrungssuche brauchten.

Beim Nestbau wird dem Vogel in Lahr und Umgebung allerdings kräftig nachgeholfen. So wurde erst im vergangenen September der Korb auf dem Lahrer Storchenturm von Menschenhand erneuert. "Eigentlich kann der Storch sein Nest selber bauen. Das wird eher gemacht, weil die Menschen es schön finden", erklärt Helmut Opitz. Das Bauen gehöre zum Verhaltensinventar der Vögel. "Aber der Storch nimmt die Nester gerne an." Mit der Beziehung des Menschen zum Storch ließen sich, laut Opitz, Bände füllen. "Er galt schon immer als Glücksbringer, in Deutschland auch als Kindsbringer. Bei den Mohammedanern hieß es, dass er die Häuser vor Blitzschlag schützt. Zudem ist der Storch immer leicht zu beobachten."

So auch in Willstätt. Das Storchenpaar, das sich dort einen Baukran als Brutstätte ausgesucht hat, kann man über die Homepage der Badischen Zeitung per Video beobachten. Eine Webcam liefert Livebilder direkt aus dem Horst. Der Countdown, bis die Storchenküken schlüpfen, läuft. Mutter und Vater Storch stehen 24 Stunden lang unter Beobachtung – wie echte Stars eben.

Den Livestream von den brütenden Störchen in Willstätt gibt’s unter http://www.mehr.bz/stoerche-live

Besetzte Storchennester in der südlichen Ortenau

Nonnenweier: ein Nest von drei; Kürzell: ein Nest belegt; Altenheim: ein Nest; Müllen: zwei Nester; Schuttern: ein Nest;

Dundenheim: zwei Nester; Ichenheim: ein Nest; Meißenheim: die Brut eines Nestes ist eventuell wegen eines Feuerwerkes eingegangen, Nachgelege möglich; Ottenheim: ein Nest; Allmannsweier: ein Nest; Hugsweier: ein Nest; Orschweier: ein Nest; Ettenheim: zwei Nester; Ringsheim: ein Nest; Rust: zwei Nester, eventuell auch ein drittes; Lahr: ein Nest.

Betreut werden die Nester von Martin Häs und Wolfgang Hoffmann, beide Naturschutzbund, mit Ausnahme des Nestes in Kürzell (Stand: Mai 2013).

Laut den Angaben des Naturschutzbunds es ist der Zugvogel etwa 80 Zentimeter hoch und wiegt 2600 bis 4400 Gramm. Seine Flügelspannweite beträgt bis zu zwei Meter. Brutzeit ist von Anfang April bis Anfang August. Es gibt eine Jahresbrut (drei bis fünf Eier). In den 32 bis 33 Bruttagen brüten beide Partner. Weißstörche werden durchschnittlich acht bis zehn Jahre alt.

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Autor: Nikola Vogt