"Der Tod ist das Letzte"

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Mo, 18. Januar 2016

Lahr

Karl-Friedrich Groß zeigt in der Galerie von L’Art pour Lahr seinen überraschenden Remix alter Büchern sowie seinen "Gevatter Tod".

LAHR. Bücherfans, die sich durch die Gestaltung eins Buchs stimulieren lassen, finden derzeit in Lahr reichlich "Material". In der Galerie L’art pour Lahr sind derzeit Bücher zu erleben und zu erwerben, deren Optik haptisch anregt. Sprich: Man bekommt beim Schauen Lust, darin zu blättern – durchaus respektvoll, denn sie haben alle die Ausstrahlung des Unikats, eines Buchs, das es nur ein einziges Mal auf der Welt gibt.

Gestaltet, geschaffen, gebunden hat sie Karl-Friedrich Groß. Etwa Rilkes "Cornet", Thomas Manns "Tod in Venedig"oder Kafkas "Verwandlung". Groß, in Karlsruhe geboren und heute in Freiburg lebend, hat Einband und Buchrücken entfernt, von ihm für diese Werke geschaffene Illustrationen – häufig zum Aus- und Auffalten – eingefügt und alles mit neuem Einband wieder gebunden. Bei einem Album aus wilhelminischer Zeit mit dicken Blättern wurden die würdig gezogenen Rahmen mit eigenen Gestaltungen hinterlegt, unter anderem mit Köpfen aus Friseurzeitschrift oder Modeillustrierten. Groß hat sie bearbeitet, mit Schmirgelpapier oder Lack, und ihnen eine Patina im Sepia-Ton gegeben. Derlei Bilder wurden teils ergänzt, indem spiegelbildlich angeordnete, mit der Schere aus hundert Jahre alten Fakturen ausgeschnittenen Figuren daneben geklebt wurden: Die Nostalgie wird so halb bestätigt, halb verfremdet.

An der Wand hängt ein Herbarienheft mit eingeklebten Gräsern, denen aus einem alten Bestimmungsbuch entnommene, mit stilisierten Blüten umrankte Gattungsnamen beigefügt sind: "Carex ampella – Flaschenriedgras". Dazu sind Zigarrenbauchbinden,und alte Wert- oder Rabattmarken mit eingeklebt sowie Bleistiftzeichnung im "Ein-Strich-Verfahren" dazugesetzt: in einem Strich gezeichnete, verästelte Bäume oder Sträucher.

"Der Tod ist ein Freund

gehobener Architektur"

Das Nostalgie-Flair ergibt sich meist durch die verwendeten Materialien. Groß nennt sich selbst einen Papier-Freak, der auf Flohmärkten und Auktionen oder im Altpapier sucht nach alten Heften, Kontobüchern, Fotoalben, Fotos, Gerichtsakten, Katalogen. Er habe tonnenweise Papiere im Archiv, auch mehrere Hundert Jahre alte. Eines dieser Fundstücke, ein altes Fotoalbum mit Stoffeinband und ziselierter Metallschließe hat er mit Zeichnungen und Collagen bestückt. Auch hier wird beim Blättern das Nostalgie-Flair teils bestätigt, teils aufgebrochen. Diese Arbeiten haben Witz. So zum Beispiel auch jene Zeichnungen, in denen alte Häkelarbeiten per Bleistift Arme, Beine, Köpfe bekommen. Dabei wird ein grellrotes Häkelstück zum Dekolleté eines Vamps.

Ironisch-philosophisch ist das Buch "Gevatter Tod", das gleich in mehreren Unikaten vorliegt: Jeder Band ist anders ausgestattet, teils recht poppig mit bunten Plastiktotenköpfen, die in den Einband eingearbeitet sind, oder mit Linolschnitten in kraftvollen Farben über pastellartig verfremden Zeitschriftenbildern. Jedes der Bücher hat 150 Seiten, pro Seite steht ein Satz, etwa: "Der Tod ist ein Freund gehobener Architektur", oder: "Der Tod ist das Letzte." Die 150 Seiten gibt es auch als Lose-Blatt-Sammlung mit "Spielanleitung". Die empfiehlt unter anderem, Fliegerchen aus den Blättern zu basteln und sie so in die Welt zu schicken.

Ausstellung Karl-Friedrich Groß: "Buchkunst /Künstlerbücher" ist noch noch bis 20. Februar in der Obertorstraße 4 in Lahr, zu sehen. Öffnungszeiten: Donnerstags 17 bis 19 Uhr und Samstags 11 bis 15 Uhr. Am Samstag, 13. Februar ist Karl-Friedrich Groß von 11 bis 15 Uhr anwesend.