Die Schauspieler verwenden großen Ernst darauf, das Stück wirken zu lassen

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Di, 11. Juli 2017

Lahr

Die Theatergruppe des Lahrer Kulturkreises inszeniert die "Version 1943" des Brecht-Klassikers "Der gute Mensch von Sezuan" im Stiftsschaffneikeller.

OFFENBURG. Bertolt Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" thematisiert Fragen, die auf allen politischen Ebenen aktuell heiß diskutiert werden: Ist bedingungslose Nächstenliebe naiv? Befördert die Aufnahme von Flüchtlingen nicht erst recht den Erfolg von Schlepper-Organisationen und bringt damit noch mehr Menschen in Gefahr? Wird eine Gesellschaft überfordert, in der "Gutmenschen" mehr Hilfsbedürftige aufnehmen, als versorgt werden können?

Am Freitagabend führte die Theatergruppe des Lahrer Kulturkreises die "Version 1943" des Brecht-Klassikers im Stiftsschaffneikeller auf – als erstes Amateurtheater und (nach Weimar 1987 und Konstanz 2017) erst als dritte Bühne überhaupt. Theaterleiter Christopher Kern und das 21 Schauspieler umfassende Ensemble hielten sich sehr genau an die womöglich von Brecht gar nicht abschließend bearbeitete Textvorlage, ein wenig Kürzung hätte dem dreistündigen Theaterabend allerdings gutgetan. Weil es zu der von Brecht geplanten Neukomposition der Bühnenmusik von Kurt Weill nicht mehr gekommen war, spielte der junge Lahrer Pianist Albert Vetter Paul Dessaus Kompositionen für die Ursprungsfassung – und trug damit wesentlich dazu bei, dass in der nicht ganz ausverkauften Premiere schnell so etwas wie "Brecht-Stimmung" aufkam. Die Schauspieler widmeten sich mit großem Ernst und hohem Anspruch erfolgreich der Aufgabe, das Stück selbst wirken zu lassen. Regisseur Kern hatte bewusst auf Aktualisierungen verzichtet – und dennoch waren die Parallelen zu aktuellen Debatten unübersehbar.

Die Prostituierte Shin Te (überragend Katija Rothbächer) erscheint den Göttern (Karin Endres, Will Draeger, Bärbel Huck), die die Suche nach einem guten Menschen auf der Erde fast schon verzweifelt aufgegeben haben, als letzte Rettung. Sie hilft, wo sie kann, fragt sich aber: "Wie soll ich gut sein, wenn alles so teuer ist". Sie lässt die Götter bei sich übernachten und bekommt, damit sie sich nicht mehr prostituieren muss, so viel Geld, dass sie sich davon einen Tabakladen kaufen kann. Doch Shin Te scheint tatsächlich die einzige Gute zu sein: Der Wasserverkäufer (Siegfried Wacker) betrügt seine Kunden mit einem Becher mit doppeltem Boden, eine achtköpfige Familie quartiert sich bei Shin Te ein, nützt sie aus und versucht zu verhindern, dass sie weiteren Menschen hilft. Und Yang Sun (Matthias Göbbels), ein stellungsloser Flieger, den Shin Te vor dem Suizid bewahrt, nutzt sie und ihre Liebe zu ihm mehr aus als alle anderen. Shin Te weiß sich nicht mehr zu helfen – und gibt sich als ihr eigener Vetter aus, der mit hoher Effizienz wieder Ordnung in ihr entglittenes Leben bringt und mit Opiumhandel das Geld verdient, das für sie selbst und ihre wohltätigen Werke dringend gebraucht wird.

Heiligt der Zweck die Mittel? Kann ein Reicher, wie der an Shin Te interessierte Barbier Shu Fu (Ralf Kuchheuser), nicht mehr bewirken als mitleidige Arme? Brecht beleuchtet viele Facetten dieses nicht lösbaren tragischen Konflikts, bei dem – anders als bei Shakespeare – die burleske Abteilung nicht auf der Diener-Ebene, sondern im Himmel spielt. Am Schluss ziehen die Götter sich selbstgerecht auf ihre rosa Wolke zurück, was im Stiftsschaffneikeller zu einem wunderbaren Schlussbild führte. Keine Lösung von oben, keine auf der Bühne, da muss dann wohl das Publikum ran, um die Verhältnisse so zu ändern, dass Güte möglich ist.