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10. April 2017

Ein herausfordernder Abend fürs Gemüt

Die Hilfsgemeinschaft "Die Brücke" hat zur Seelenschau mit Lukas Meister und Felix Geiger in den Stiftsschaffneikeller eingeladen .

  1. Lukas Meister und Simon Felix Geiger (von links) nahmen das Publikum im Stiftsschaffneikeller mit auf eine Reise ins Spannungsfeld von Ich und Welt. Foto: Babette Staiger

LAHR. Gut 40 Zuschauer sind am vergangenen Mittwochabend zu einem gewagten Experiment gekommen. Der Verein "Die Brücke", Lahrer Hilfsgemeinschaft für Menschen in psychischer Not, brachte zwei ungewöhnliche Künstler auf die Bühne, die nur ein Thema hatten: Die seelischen Verwerfungen, die entstehen, wenn zwei Menschen mit etwas anderer psychischer Konstitution als der sogenannten "normalen" sich selbst und ihr Verhältnis zur Welt betrachten.

Bereits zum 20-jährigen Bestehen des Vereins waren Simon Felix Geiger und Lukas Meister im Schlachthof zu erleben gewesen. Geiger, Sozialarbeiter aus Freiburg, der sich selbst "Spoken Word Poet" nennt, steuerte seine eigenwillige Lyrik bei. Er ist bekannt für sein Engagement in der Initiative "Irrsinnig Menschlich", einem im Jahr 2001 gegründeten Verein, der sich das Ziel gesetzt hat, die Früherkennung von und Hilfe bei psychischen Erkrankungen junger Menschen voranzutreiben. Dabei spielt die Entstigmatisierung eine Schlüsselrolle. Dies schreibt sich auch der Verein "die Brücke" in Lahr auf die Fahnen.

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Vorsitzender Michael Goetz-Kluth stellte erinnerte daran, dass am 5. April die Bildhauerin Dorothea Buck ihren 100. Geburtstag feierte. Buck, die die Verfolgung und Folter des Nationalsozialismus nur knapp überlebte, gelte heute als Vordenkerin für Initiativen Psychiatrieerfahrener in ganz Deutschland, so Goetz-Kluth.

Lukas Meister, der in Berlin und Freiburg lebt, war an diesem Abend der Mann an der Gitarre, nicht aber ohne eigene Songbotschaften. "Gitarrenpop gegen die Resignation" umschreibt seine geschickt wie eingängig verpackten Lebensbeobachtungen. Sein warmer Songwriter-Stil macht ihn zum zeitgenössischen Chansonnier.

Fast entschuldigend kommentierten beide ihr Programm: "Das wird auch wieder weniger depri", sagten sie. Dabei musste diese Verschämtheit nicht sein. Macht nicht die Kunst sag- und tragbar, was nicht nur psychisch kranke Menschen am Leben herausfordert?

Der Konflikt zwischen Ich und Welt trat besonders in Geigers Lyrik hervor. Den Klappentext seines jüngsten Lyrikbandes "Ganzendent" steht programmatisch für seine Beiträge: "Vielleicht ist die Lyrik ein letzter, verzweifelter Versuch eines ohnmächtigen Ichs, das unaushaltbar-usprungsferne Fremdsein in der Welt zu überstehen und aus der tief empfundenen, existenziellen Einsamkeit Brücken zu schlagen." Möglicherweise waren Geigers Worte anfangs Selbsttherapie. Sie stehen aber durchaus in der Tradition moderner deutscher Dichter: Das Ich positioniert sich in der Welt mit Mitteln der Kunst. Herrlich schwindelerregend ist beispielsweise Geigers Tirade über eine selbst erlebte Phase des Narzissmus. Das vorzutragen, und dabei die eigene Biografie immer wieder durchscheinen zu lassen, ist künstlerischer Mut.

Nonchalanter ging Lukas Meister vor: "Die Realität ist übertrieben, man muss sie nur ad absurdum führ’n." Oder: "Irgendwann ergibt es Sinn, zu sein wer ich bin." Dieser Refrain taugt zum Mantra für eine Generation, die sich in einer fluiden Jetztwelt ständig selbst suchen muss. Meisters Songs sind Angebote an das Publikum, sich von der Welt nicht entmutigen zu lassen und sich ein gepflegtes Anderssein zu gönnen. Nicht ohne Grund bekräftigt er am Ende des Abends, dass er trotz prekärer Existenz weiter hauptberuflich als Künstler leben will.

In die entgegengesetzte Richtung gehen Geigers Lebenspläne: 2019 will er seinen letzten Gedichtband veröffentlichen, das "Trilogie – Relatives Eleminend" heißen soll. "Danach will ich kommentarlos weiterleben", sagt er. Man kann nur hoffen, dass ihn Schaffensschübe davon abhalten.

Autor: Babette Staiger