Eine Malerei aus sich selbst heraus

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Sa, 21. September 2013

Lahr

Die 100-jährige Martha Wehrle stellt ihre Arbeiten in Lahr aus.

LAHR. Normalerweise stellt der Lahrer Künstler Emanuel Ogrodniczek in seinem Atelier auf dem Nestler-Areal eigene Werke aus. Nun hat er Platz geschaffen für die Aquarelle von Martha Wehrle, seiner "Schülerin", die allerdings mit ihren 100 Jahren doppelt so alt ist wie er selbst.

Einmal in der Woche besucht er die auf den Rollstuhl angewiesene Seniorin in Friesenheim und die beiden verbringen zwei Stunden miteinander. Nach einem Schlaganfall hatte Martha Wehrle zum Malen gefunden, weil sie ihr früheres Hobby, das Fotografieren, nicht mehr ausüben konnte. Da war sie schon über 90 Jahre alt – kein Grund, nicht noch etwas Neues anzufangen, fand sie. Ihre Tochter Christa, bei der sie lebt, suchte nach Möglichkeiten, diesen Wunsch zu verwirklichen. Und fand schließlich Manuel Ogrodniczek, der voll des Lobes ist über seine Schülerin.

"Ich bewundere die Art, wie sie den Pinsel führt. So schön und sicher, wie ich es mir manchmal für mich wünschen würde", schwärmt er. Dabei gibt es durchaus vieles, was Ogrodniczek Wehrle beibringen kann. Den Umgang mit den Aquarellfarben, der viel Geduld erfordert, zum Beispiel. "Frau Wehrle ist eine sehr ungeduldige Person. Das hat sich allerdings mittlerweile schon etwas gebessert", konstatiert Ogrodniczek und erinnert sich daran, wie schwer es Wehrle anfangs gefallen ist, abzuwarten, bis ein Farbauftrag trocken war, bevor sie weitermalt. Doch wie klar und eindeutig Wehrle ihr Bild vor sich hat, wie unbeirrbar sie ihren künstlerischen Willen umsetzt, das beeindruckt Ogrodniczek. Dass die hochbetagte Dame nicht einmal den Arm auflegt, sondern frei Hand malt. Dass sie mit Bestimmtheit weiß, in welche Farbe er als nächstes ihren Pinsel tauchen soll – selbst kann sie das nicht mehr – und dass sie unbeirrt von Konventionen, ohne einen Gedanken an Verwertbarkeit, aus sich selbst heraus malt, das ist eine Qualität, die dem Maler Respekt abverlangt.

Eine tiefe Sympathie auf beiden Seiten

"Wenn ich nach den zwei Stunden nach Hause komme, habe ich das Gefühl, selbst gemalt zu haben", erzählt Ogrodniczek. Manchmal hat Martha Wehrle etwas zu erzählen, manchmal beschränkt sich die Konversation auf das Notwendigste, doch immer scheint es eine sehr intensive, von Respekt und Nähe zugleich geprägte Stimmung zu sein, die Ogrodniczek sehr zu schätzen weiß. "Ich habe kein schlechtes Gefühl, wenn wir mal gar nicht miteinander geredet haben", sagt er. Es gibt wohl eine tiefe Sympathie zwischen den beiden, die vielleicht gerade durch ihren großen Altersabstand genährt wird, und durch das gemeinsame Interesse am künstlerischen Gestalten.

Denn dass Wehrle einen guten Blick für die Bildgestaltung hat, davon ist Ogrodniczek überzeugt, und das beweist auch die Ausstellung in seinem Atelier. Und ebenso, wie er die Malstunden mit Martha Wehrle zu schätzen weiß, hat er auch die sehr gut besuchte Vernissage am vergangenen Sonntag und den Besuch einer Seniorengruppe am Mittwochnachmittag genossen. Es ist ein gutes Gefühl, wenn Kunst auf das echte Leben trifft.

Info: Die Ausstellung von Martha Wehrle ist noch bis zum 3. November im Atelier Ogrodniczek im Nestler-Carrée zu sehen. Anmeldung unter Tel. 07821/23311.