Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

31. Juli 2014 17:03 Uhr

BZ-Interview

Experte verteidigt umstrittene Angel-Methode in Lahr

Die von Anglern in Lahr praktizierte Catch and Release-Methode ist umstritten und wohl auch illegal. Nun verteidigt ein Fach-Journalist die Sportler, die Fische nur zum Vergnügen fangen.

  1. Um Missverständnissen vorzubeugen: Diese Karpfen schnappen nach Luft und nicht nach einem Köder. Foto: DAPD

Markus Schocker aus Freiburg ist passionierter Karpfenangler. Er arbeitet als Journalist unter anderem für die Fachzeitschrift Carp in Focus. Am Dachswaldsee hat er nach eigenen Angaben noch nie geangelt, die Diskussion um den See und die Art des dortigen Angelns findet er aber "grotesk". Deshalb hat er sich an die Badische Zeitung gewandt und erklärt Redakteur Christian Kramberg warum. Dass diese Art des Angelns grundsätzlich strafbar ist, steht für die Offenburger Staatsanwaltschaft außer Frage, nachdem der polizeiliche Schlussbericht vorliegt. Noch offen ist derzeit, ob am Ende auch Anklage erhoben wird (Kommentar).

BZ: Sie bezeichnen die Diskussion um den Dachswaldsee als "grotesk". Warum?
Schocker: Es heißt: Dort würden Angler große Fische zur Trophäenjagd fangen, um sie zu fotografieren und ins Wasser zurückzusetzen. Ach, welch’ Überraschung, dass Angler große Fische fangen wollen! Und dass sie ein Erinnerungsfoto machen – das ist wahrlich ebenfalls nichts Neues. Selbst in den Tageszeitungen sind immer wieder Fotos von Anglern mit ihren großen Fängen zu sehen.

Werbung


BZ: Der Kernvorwurf ist doch, dass die Angler die Fische zurücksetzen und somit nur zum Spaß fangen.
Schocker: Glauben Sie, das läuft an anderen Gewässern nicht so? Angler setzen Fische, die sie nicht essen wollen oder können, immer zurück. So funktioniert die Angelei seit jeher. Ich angle seit 33 Jahren, nie habe ich einen Angler getroffen, der jeden Fisch mitnimmt. Fängt der Forellenangler einen Döbel mit fadem Fleisch – er setzt ihn zurück. Gleiches macht der Schleienangler mit einer kleinen Brasse. Und fängt der Hechtangler beim Schleppfischen einen 1,70-Meter-Wels – er setzt ihn zurück. Was will er mit 25 Kilo fettem Wels-Fleisch? Um es auf den Punkt zu bringen: Das Zurücksetzen von Fischen ist Standard und Normalität unter Anglern. Im Fischereigesetz wird ein Zurücksetzen sogar verlangt, wenn gefangene Fische ein Mindestmaß nicht erreichen oder sie sich in der Schonzeit befinden.

BZ: Aber der Unterschied ist doch, dass der Karpfenangler von vorneherein die Fische, die er fängt, wieder zurücksetzen will.
Schocker: Für den Fisch spielt es keine Rolle, ob er zurückgesetzt wird, weil der Angler ihn fangen wollte. Oder weil er ihn nicht fangen wollte.

BZ: Aber der Angler am Dachswaldsee könnte den gefangenen Karpfen doch essen.
Schocker: Die Durchschnittsgröße eines Karpfens in badischen Seen – wenn man mit der Selbsthak-Methode angelt, wie sie auch am Dachswaldsee praktiziert wird – liegt bei 20 Pfund. Fängt man an einem Tag zwei, und ein paar später Tage einen weiteren – dann hat man zirka 35 Pfund Fleisch, 45 Portionen. Und nun? Drei Wochen lang Karpfen zum Frühstück, mittags auch, und zum Abendessen nochmal? Natürlich nimmt ein Angler einen Karpfen auch mal mit nach Hause zum Verzehr, das ist aber nicht die Regel.

BZ: Also wird nicht aus dem Hauptmotiv geangelt, den Fisch auch zu essen?
Schocker: Bei Hunderten Euro im Jahr für Angellizenzen und Ausrüstung wäre das ein schlechter Deal. Angler angeln des Jagdtriebs wegen, sie wollen den Fisch überlisten, mit dem Fisch kämpfen. Und es geht, ganz klar, um intensive Naturerfahrungen.

"Für den Fisch spielt es keine Rolle, ob er zurückgesetzt wird, weil der Angler ihn fangen wollte. Oder weil er ihn nicht fangen wollte."Markus Schocker
BZ: Angeln ist also reiner Sport? Und mit der Konsequenz, dass man dem Fisch nur des Zeitvertreibs wegen Schmerzen zufügt?
Schocker: Über das Schmerzempfinden der Fische ist man sich uneins. Tierschützer bieten Wissenschaftler auf, die den Tieren schlimmste Schmerzen attestieren. Andere Wissenschaftler, die wiederum den Anglern nahestehen, sagen: Fische empfinden keine Schmerzen. Wenn Tierschützer das Zurücksetzen von Fischen kritisieren – dann sollen sie bitte anerkennen, dass dies seit jeher von zig Millionen Anglern weltweit so gehandhabt wird, und sich nicht auf den Dachswaldsee einschießen.

BZ: Die Staatsanwaltschaft ermittelt aber doch wegen Tierquälerei.
Schocker: Weil einige Dachswaldsee-Angler so unvorsichtig waren, ihre Fang-Videos ins Internet zu stellen. Damit waren sie für die Staatsanwaltschaft greifbar. Die wahre Tierquälerei findet meiner Ansicht nach in Zuchtanlagen statt, wo Fische in Rekordtempo und extremer Überpopulation aufgepäppelt werden, um danach in der Kühltheke im Supermarkt zu landen. In vielen südbadischen Vereinen gibt es außerdem die Unsitte, zig Zentner Forellen frisch aus der Zuchtanlage in den See zu kippen, damit kurz darauf die Mitglieder die Tiere wieder rausfangen, was gemäß Tierschutzgesetz eine Straftat darstellt. Das gibt es nach meinen Informationen am Dachswaldsee nicht.

BZ: Wollen Sie damit sagen, dass der Dachswaldsee gar als Vorbild für andere Seen dienen kann?
Schocker: Wie mir von Anglern, die dort fischen, erzählt wurde, achtet der Betreiber sehr darauf, dass die Fische sorgsam behandelt werden. Er besteht auf speziellen Abhakmatten, auf denen die gefangenen Fische abgelegt werden, auf ein Antiseptikum für die Hakenwunde oder auf eine Mindestkeschergröße. Die Fische sind schließlich sein Kapital, denn ohne Fische kommen keine Angler mehr. Im Vergleich dazu bewirtschaften einige Vereine ihre Gewässer dilettantisch.
Markus Schocker

Der 48-jährige Freiburger hat von 1987 bis 1990 beim Offenburger Tageblatt gearbeitet, sich danach auf Motorsport-Journalismus konzentriert und arbeitet seit 20 Jahren hauptsächlich als Kommentator für TV-Sender, wie Eurosport und Sport1. Er ist außerdem als Textredakteur der Fachzeitschrift Carp in Focus tätig. Schocker ist Mitglied des ASV Freiburg, angelt seit 1981 und hat sich 1998 auf das moderne Karpfenangeln mit der Selbsthak-Methode spezialisiert, wie es am Dachswaldsee in Lahr praktiziert wird.

Catch and Release

Darunter versteht man das gezielte Fangen von großen Fischen (vor allem Karpfen), die nicht für die Ernährung vorgesehen sind, sondern vom Angler lediglich vermessen, gewogen, fotografiert und wieder in das Gewässer zurückgesetzt werden. Die Angler selbst sprechen nicht von Catch and Release, sondern benutzen den Begriff selektive Entnahme.

Mehr zum Thema:

Autor: Christian Kramberg