BZ-Interview

Historiker kämpft um Freigabe von Geheimakten

Thorsten Mietzner

Von Thorsten Mietzner

Mo, 09. November 2009 um 15:11 Uhr

Lahr

Der Freiburger Professor Josef Foschepoth forscht zur "Rolle der KPD im deutsch-deutschen Kalten Krieg". Auch die Geschichte der Bundesrepublik wird von ihm kritisch aufgearbeitet.

Professor Josef Foschepoth hat keine Angst vor Archiven, im Gegenteil. Der Zeithistoriker an der Universität Freiburg weiß, dass hier noch bedeutende Entdeckungen zur Geschichte der Bundesrepublik gemacht werden können. Seit einigen Jahren forscht er zur "Rolle der KPD im deutsch-deutschen Kalten Krieg". Ihm ist es zu verdanken, dass Millionen Akten, die bislang strenger Geheimhaltung unterlagen, endlich frei gegeben werden. Angesichts der Fülle des unerforschten Materials, so der in Lahr wohnende Historiker, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Geschichte der Bundesrepublik noch nicht geschrieben ist. Thorsten Mietzner hat ihn befragt.

BZ: Herr Foschepoth, warum ist das Verbot der KPD heute noch ein Thema?

Foschepoth: Na ja, noch ist es ja kein Thema. Aber ich bin kräftig dabei, es zu einem Thema zu machen. Mein Ansatz geht von dem vorherrschenden Geschichtsbild in Deutschland aus: Hier die Erfolgsgeschichte, dort die Misserfolgsgeschichte der DDR. Da der Kommunismus etwas Schlechtes war, war der Kritiker automatisch gut. Der Antikommunist musste nicht erst beweisen, dass er ein guter Demokrat war. Was steckte hinter dieser Mentalität, was wurde verborgen, was dachten, fühlten die Deutschen wirklich. Dies kann man nur in einer vergleichenden Betrachtung der deutsch-deutschen Geschichte analysieren. Die KPD war ein wichtiges Scharnier zwischen Ost und West, ein Instrument der Abgrenzung und Bekämpfung auf beiden Seiten.

BZ: Erste Ergebnisse, die Sie vorgelegt haben, kratzen mächtig am traditionellen Selbstbild der Deutschen. Was bedeuten ihre Forschungen für die Geschichte der Bundesrepublik?

Foschepoth: Die Forschungsergebnisse schauen hinter den allgemeinen Konsens des Antikommunismus. Die junge Demokratie hat sich vielfach Methoden bedient, die alles andere als rechtsstaatlich waren. Es gibt nicht diese geradlinige Gründungsgeschichte, bei der gleichsam wundersam aus Nationalsozialisten Demokraten wurden.

BZ: Die Adenauer-Demokratie war also kein Rechtsstaat?

Foschepoth: Zumindest war das Verhältnis von Staat und Individuum ein anderes als heute. Der Staat stand im Zweifel über den Grundrechten, Staatsschutz ging vor Grundrechten, wie die millionenfache Verletzung des Post- und Telefongeheimnisses, die flächendeckende Überwachung durch den Verfassungsschutz und der politischen Polizei und nicht zuletzt die Kriminalisierung politisch abweichender Gesinnung oder politischer Kontakte zur DDR zeigen. Der Antikommunismus war ein strukturbildender Prozess, das heißt, er hat Strukturen geschaffen, die bis heute nachwirken. Die Deutschen lieben einen starken Staat, der ihre Sicherheit garantiert, auch wenn er ihre bürgerlichen Freiheiten und Grundrechte bedroht, wie wir an aktuellen Diskussionen etwa über die innere Sicherheit immer wieder erleben können. Das ist auch ein Produkt der Nachkriegszeit.

BZ:
Gibt es denn einen Lernprozess in der 60jährigen Geschichte der Bundesrepublik?

Foschepoth: Es ist schon faszinierend zu beobachten, wie sich ursprüngliche Befürworter der Adenauerschen Politik über Parteigrenzen hinweg langsam zu Kritikern wandeln. Es entstand durch die Politik der antikommunistischen Hardliner so etwas wie "Druck im Kessel", der im Laufe der 60er- Jahre zu einer grundlegenden Liberalisierung der Gesellschaft führte. Der scharfe Antikommunismus hat wesentlich zu seiner eigenen Überwindung oder besser Relativierung beigetragen. Schon die Große Koalition unter Kiesinger hat seit 1966 – das wird oft übersehen – wichtige Reformen auf den Weg gebracht.

BZ: Das Selbstbild der Bundesrepublik, wonach sie im Unterschied zur DDR immer ein Rechtsstaat gewesen sei, ist also ein Mythos, gar eine Lebenslüge?

Foschepoth: Es ist zumindest beschönigend, weil der tatsächliche Übergang vom NS-Regime zum Rechtsstaat viel widersprüchlicher und langwieriger war, als gemeinhin angenommen wird. Die "langen 50er-Jahre" – um sie mal so zu nennen, hatten rückblickend eine wichtige Funktion, nämlich die Ablösung vordemokratischer Denkmuster und Überwindung nationaler Frustrationen durch antikommunistische Feindbilder zu erleichtern.

Info: Die Forschungen von Josef Foschepoth und sein Kampf um die Freigabe von Geheimakten in der Bundesrepublik sind am Dienstag auch Thema eines Beitrags in der Sendung "Frontal 21" des ZDF (ab 21 Uhr). Am Donnerstag, 12. November, hält er um 18 Uhr im Alten Rathaus in Lahr einen Vortrag zum Thema "Geteilt vereint. 60 Jahre Deutschland." Der Eintritt ist frei.