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26. Juni 2015 08:57 Uhr

BZ-Interview

Lahrer Wolf: Freiburger Experte sieht Konfliktpotenzial

Nach dem Luchs und der Wildkatze ist nun wohl auch der Wolf zurück im Südwesten. An der A5 bei Lahr wurde ein totes Tier entdeckt. Wie ein Wolfsexperte die Lage einschätzt, im Interview.

  1. Ist das bei Lahr angefahrene Tier ein Wolf oder nicht? DNA-Analysen sollen darüber Aufschluss geben. Foto: Dpa

  2. Micha Herdtfelder Foto: BZ

Luchs und Wildkatze sind zurück in Baden-Württemberg – und nun nach 150 Jahren auch der Wolf? An der A 5 bei Lahr ist am Montag ein totes Tier entdeckt worden, bei dem es sich höchstwahrscheinlich um einen Wolf handelt. Woher das Tier kommt und welche Gefahren von ihm ausgehen, erfuhr BZ-Redakteur Martin Herceg vom Wolfsexperten Micha Herdtfelder von der Forstlichen Versuchsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg.

BZ: Herr Herdtfelder, ist mit dem Fund jetzt bewiesen, dass der Wolf zurück ist in Baden?
Herdtfelder: Ja und Nein. Das aufgefundene Tier ist leider überfahren worden. Der Fund zeigt allerdings, dass wir jederzeit damit rechnen müssen, dass einzelne Wölfe in Südbaden auftauchen. Wann der nächste Wolf auftaucht oder ob ein anderer bereits im Land unterwegs ist – das wissen wir im Moment nicht.

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BZ: Ist das gefundene Tier denn überhaupt ein Wolf?
Herdtfelder: Rein äußerlich spricht alles dafür. Die lange Schnauze, der dunkle Rückensattel und auch die dunkle Schwanzspitze deuteten auf einen Wolf hin. Um wirklich ganz sichergehen zu können, lassen wir ihn allerdings noch genetisch untersuchen. In schätzungsweise zwei Wochen haben wir dann die Ergebnisse und endgültige Gewissheit.

BZ: Von wo könnte der Wolf denn in die Ortenau gekommen sein?
Herdtfelder: Über die Herkunft des Tieres kann man leider nur spekulieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Tier aus den Vogesen kommt, ist räumlich gesehen relativ groß. Es könnte aber auch sein, dass das Tier aus einem Rudel bei Chur in der Schweiz stammt. Aufgrund der größeren Vorkommen könnte der Wolf aber auch aus Nord- oder Ostdeutschland in die Ortenau gelaufen sein – die Distanz ist in jedem Fall kein Problem für einen Wolf.

BZ: Wölfe sind Rudeltiere. Müssten jetzt nicht noch ein paar von ihnen in den Wäldern um Lahr umherstreifen?
Herdtfelder: Wohl kaum. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass sich ein Wolfsrudel in der Ortenau etabliert hat, ohne dass wir es bemerkt hätten. Wir sind uns ganz sicher, dass es ein Einzeltier war. Es ist nicht ungewöhnlich, dass einzelne Wölfe ohne Begleitung auf Wanderschaft gehen.

BZ: Also müssen sich die Bewohner der Ortenau jetzt nicht fürchten, wenn sie einen Spaziergang im Wald machen?
Herdtfelder: Nein. Dass aktuell ein zweiter Wolf in Lahr umherzieht, ist zwar möglich, aber nicht besonders wahrscheinlich. Außerdem nehmen Wölfe uns Menschen extrem früh wahr und haben kein Interesse daran, mit uns in Kontakt zu treten. Sollte man trotzdem einen Wolf im Wald überraschen – gilt es, auf sich aufmerksam zu machen, beispielsweise in die Hände zu klatschen. Kein normaler Wolf würde aktiv auf einen Menschen zugehen und ihn als Beute ansehen.

BZ: Seit der Wolf immer öfter eine Rolle in den Medien spielt, ist auch die Zahl an Meldungen gesichteter Wölfe in die Höhe geschnellt. Was ist der häufigste Verwechslungsgrund?
Herdtfelder: Als Laie kann man den Wolf nicht von bestimmten Hunderassen unterscheiden. Sehr häufig melden uns Menschen Beobachtungen aus abgelegenen Waldgebieten, wo sie keine Hunde vermuten. Allerdings darf man nie vergessen, dass es in Deutschland sechs Millionen Hunde und gerade einmal 300 Wölfe gibt.

BZ: Wie ist das weitere Vorgehen nach dem Fund?
Herdtfelder: Da es sich ja jetzt um einen Totfund handelt, müssen eigentlich keine Konsequenzen erfolgen. Spannender wäre es, wenn es sich um ein lebendes Tier gehandelt hätte. Durch den Landesleitfaden sind wir aber bestens vorbereitet.

BZ: Ist es jetzt eigentlich eine gute Sache, dass der Wolf zurück ist in Baden, oder stehen wir vor einem Problem?
Herdtfelder: Wenn der Wolf zurückkommt, bringt das auf jeden Fall ein Konfliktpotenzial mit sich. Wir müssen uns um Lösungen bemühen. Auch hier im Institut schreit niemand "Juhu, der Wolf ist da!" Wir sind gut vorbereitet und betrachten das recht nüchtern. Die größte Herausforderung stellt die Nutztierhaltung dar. Insbesondere die Schaf- und Ziegenhaltung. Wir wissen aus andern Ländern, dass schlecht geschützte Tiere schnell dem Wolf zum Opfer fallen können. Der ständige Austausch zwischen Viehhaltern und Behörden ist daher immens wichtig.

BZ: Zum Schluss: Was sollten die Menschen in Deutschland über Wölfe mindestens wissen?
Herdtfelder: Was in Märchen steht, das stimmt nicht. Der Wolf hat keinen bösen Charakter. Wir können sehr friedlich zusammen mit diesen interessanten Tieren leben. Aber wir dürfen das Tier eben auch nicht zu stark romantisieren.
Zur Person

Micha Herdtfelder (37) hat Geoökologie studiert und sich auf Wildtierbiologie spezialisiert. Seit 2011 ist er für das Wolfsmonitoring bei der FVA zuständig.

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Autor: Martin Herceg