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12. Oktober 2017

Mit Tiefgang grundiert

Thilo Seibel betreibt Aufklärungskabarett gegen Lobbyismus und Politik der schmutzigen Hände.

LAHR. Kabarett gibt’s im Fernsehen mehr als genug, aber am schönsten ist’s halt doch live. Statt "Die Anstalt" im ZDF gab es am Samstagabend "Wenn schon falsch, dann richtig" im voll besetzten Lahrer Stiftsschaffneikeller. Der Kölner Kabarettist Thilo Seibel – trotz einiger Kabarettpreise und TV-Auftritte keiner der ganz bekannten Namen – klärt in seinem zweieinhalbstündigen Programm erst nach und nach auf, dass er sich zusammen mit einem ukrainischen Schlachthofmitarbeiter, einem frustrierten EU-Beamten und Horst Seehofer in einer Irrenanstalt befindet, in der ein schnöseliger Arzt viel Geld damit verdient, Syndrome aller Art zu diagnostizieren.

Seibel betreibt das gar nicht mehr so häufig angetroffene Aufklärungs-Kabarett, das sich auch, aber nicht nur lustig macht über Pleiten, Pech und Pannen in der Regierung, sondern Lobbyismus in der Entwicklungshilfe und Verstrickungen der Außenpolitik mit den Schurkenstaaten Afrikas anprangert. Natürlich wird auch ganz klassisch ausgeteilt. Die AfD-Frontfrau Alice Weidel als "daueraufgeregte Dressurreiterin", die CSU als "Trachten-AfD" und den SPD-Politiker Oppermann als so windkanaltauglich wie ein "eingeseiftes Frettchen" zu bezeichnen, ist schon mal gut gegeben. Doch das Publikum kann sich nicht zurücklehnen, sondern wird mit in die Verantwortung für das politische Geschehen genommen. Wer den Wahlkampf "langweilig" fand, solle sich doch mit einem Merkel-Plakat auf den Bautzener Marktplatz stellen, empfahl Seibel. Und wer ein T-Shirt für 7,90 Euro kauft, müsse wissen, dass das weder fair noch biologisch hergestellt ist.

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Die Wut vieler Bürger kann Seibel dennoch nachvollziehen. Nach frustrierenden Erfahrungen im völlig angepassten Grünen-Ortsverband Köln-Süd muss es raus: Seibel landet nach einem "Kuchenattentat" mit einer Bio-Blaubeertorte in der Irrenanstalt.

Als ukrainischer Schlachthofmitarbeiter, der monatelang kein Geld gesehen hat, und als Kölner Rettungssanitäter, der den erzieherischen Nutzen von Hilfsverweigerung ad absurdum führt, kann Seibel überzeugen. Als investigativer Aufklärer über die Perfidie des sogenannten "Khartoum-Prozesses" erst recht. Und der schöne Hintersinn des Sicherheitsbegriffs grundiert den Abend mit Tiefgang. Bietet nicht ein SUV die beste Sicherheit? Fragt sich nur, für wen. Und sind wir in Europa denn nicht sicher? Fragt sich nur, zu welchem Preis. Wozu schlechte Seehofer- und Kretschmann-Parodien und die Witze über Günther Oettingers Englisch dienen sollten, bleibt im Dunkeln. Insgesamt aber war das ein wirklich hochkarätiger, politischer, kluger Kabarettabend, der das Lahrer Publikum zu Recht begeisterte.

Autor: Juliana Eiland-Jung