Zwischen Lahr und Erstein

Neue Pendlerbusse fahren über den Rhein

Frank Schoch

Von Frank Schoch

Fr, 19. Mai 2017 um 17:11 Uhr

Lahr

Die Idee ist einfach: Arbeitnehmer aus dem Elsass sollen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Firmen in Lahr und Umgebung kommen. Dazu wurde eine Bus-Sonderlinie ins Leben gerufen.

Die Idee ist einfach: Arbeitnehmer aus dem Elsass sollen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Firmen in Lahr und Umgebung kommen. Dazu haben der Eurodistrikt, das Departement du Bas-Rhin und die Gemeinden des Kantons Erstein einen Bus-Sonderlinienverkehr ins Leben gerufen. Die zweijährige Testphase – Kosten rund 140 000 Euro pro Jahr – ist am 1. April angelaufen. Noch ist die Nachfrage überschaubar. Die Vertragspartner setzen darauf, mit Werbung auf den Service aufmerksam zu machen.

Die rund 25 Politiker und Medienvertretern, die sich den kürzlich in Betrieb genommen Service unter realen Bedingungen anschauen wollen, finden leicht einen Platz im 59 Sitze zählenden Bus. An einer Hand lassen sich die "normalen" Fahrgäste abzählen, die die Linie zwischen Lahr und Erstein im Elsass nutzen und nach Arbeitsende ihrem Feierabend entgegenfahren. "Zwischen fünf und zehn Personen pro Tag haben in den vergangenen Wochen den Bus genutzt", sagt Lioba Markl-Hummel, Projektmanagerin des Eurodistrikts.

Das Projekt ist in der Anlaufphase

Am Optimismus der Verantwortlichen kratzen diese Zahlen nicht. "Das Projekt ist in der Anlaufphase", betont Frank Scherer, Landrat und Präsident des Eurodistrikts, bei der Busfahrt in Richtung Rhein. "Wir müssen das Projekt noch viel bekannter machen." Die Werbung sollten auch die Kommunen, gerade im Elsass, übernehmen. Ebenso appelliert Scherer an die Arbeitgeber, ihren Angestellten die Verbindung nahezulegen, etwa bei Vorstellungsgesprächen. Die grundsätzliche Nachfrage ist aus Sicht der Projekt-Verantwortlichen mehr als genügend vorhanden. Frédéric Bierry, Präsident des Conseil départemental du Bas-Rhin, spricht von rund 600 Franzosen, die in Lahr und Umgebung angestellt sind und die bislang zum Großteil mit dem Auto und dem Roller pendeln. Da einzelne Firmen für die Zukunft mit deutlich mehr Angestellten planen, dürfte sich auch die Zahl der binationalen Pendler erhöhen.

Ausschließlich für diese ist der Sonderlinienverkehr an sechs Tagen in der Woche gedacht. Das französische Busunternehmen, das laut Frank Scherer mit dem günstigsten Angebot den Zuschlag erhalten hat, fährt viermal pro Tag die insgesamt einstündige Strecke. Orientiert am Beginn von Früh- und Spätschicht nach Deutschland und nach Schichtende wieder gen Westen. Die beteiligten Firmen in Lahr, Meißenheim und Schwanau haben an der Erstellung des Fahrplans mitgewirkt und tragen auch einen, wenngleich unterschiedlichen, Teil an den Kosten für die Bustickets. Ein Monatsticket kostet 60 Euro, eine Einzelfahrt 1,65 Euro.

Dem Testlauf soll ein regulärer Betrieb für jedermann folgen

Die Gesamtkosten für das Projekt belaufen sich auf rund 140 000 Euro pro Jahr. Davon übernimmt der Eurodistrikt als Hauptträger rund 100 000 Euro. Das Departement du Bas-Rhin und die Gemeinden des Kantons Erstein steuern jährlich jeweils bis zu 20 000 Euro bei.

Zunächst ist das Projekt als Test angelegt. Das hat – neben der nun begonnenen, zweijährigen Ermittlung des Bedarfs – damit zu tun, dass dem Eurodistrikt die rechtlichen Grundlagen für eine reguläre Buslinie für jedermann fehlen. Scherers Ziel ist es, nach den zwei Jahren die nötigen Kompetenzen für den Eurodistrikt von der baden-württembergischen Landesregierung und den französischen Behörden zu erhalten. Wenn der Bedarf vorhanden ist.

"Die Firmen auf deutscher Seite brauchen Arbeitskräfte, viele Franzosen brauchen Arbeitsplätze." Frédéric Bierry

Bis dahin wird die tatsächliche Nachfrage mit monatlichen Statistiken ermittelt. Eine Zwischenbilanz ist laut Lahrs Oberbürgermeister Wolfgang G. Müller nach einem Jahr gedacht. "Wir hoffen natürlich, dass sich der Service etabliert und dann auch nach den zwei Jahren Bestand haben wird, möglichst als reguläre Linie", sagte Müller. Für Frédéric Bierry wäre das logisch: "Die Firmen auf deutscher Seite brauchen Arbeitskräfte, viele Franzosen brauchen Arbeitsplätze."

Bei der Fahrt über den Rhein kommt Müller auf alternative Wege über den Grenzfluss zu sprechen. "Es gibt Überlegungen, eine Fußgänger- und Radfahrbrücke zu bauen." Eine Fähre sei vom französischen Energiedienstleister EdF als zu gefährlich eingestuft worden. "Aber mit jedem Tag, den dieser Bus fährt, wird die Notwendigkeit einer Brücke, wie es sie einmal gab, größer", so Müller.

Die Idee des binationalen öffentlichen Nahverkehrs ist so einfach wie naheliegend. Und sie funktioniert, wie die Politiker nach dem Verlassen des Busses in Gerstheim feststellen. Aber noch sind Plätze frei.