Nichtbehinderte und Behinderte packen es an

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Sa, 10. Juli 2010

Lahr

Gemeinsames Arbeiten im Wildkräutergarten der Ökostation.

LAHR. "Ich bin anders als du – na und! Das macht das Leben eben bunt", so klingt es von Wiese auf dem Langenhard. Dort sitzt die Klasse 4 b der Eichendorff-Schule aus Offenburg am letzten Vormittag ihres Schullandheimaufenthalts zusammen mit fünf Schülern der Lahrer Georg-Wimmer-Schule, die jeden Mittwoch im Wildkräutergarten arbeiten.

Der fröhliche Text gilt hier besonders, denn tatsächlich sind die Unterschiede zwischen den Schülern größer als normal. Die Georg-Wimmer-Schüler sind geistig behindert, alle schon über 16 Jahre alt, und die Gartenarbeit bei der Ökologiestation dient ihrer Berufsorientierung. Seit zwei Jahren gärtnern die vier Mädchen und ein Junge mit ihrer Lehrerin Ulrike Koscheck jeden Mittwoch im und um den Kräutergarten.

Begegnungen mit anderen Gruppen auf dem Langenhard entstanden da geradezu zwangsläufig. Und da immer wieder Kinder fragten, was die Georg-Wimmer-Schüler da machen, entstand bei Ulrike Koscheck und Öko-Station-Pädagogin Antje Kirsch die Idee, Gartenarbeit und Integration zu einem Projekt zu verbinden. Die Hausgäste werden eingeladen, beim Gärtnern zu helfen – und die Georg-Wimmer-Schüler zeigen ihnen, wie es geht.

Dieses Projekt wurde von der Unesco als Projekt der UN-Dekade für "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgezeichnet (wir berichteten). Als sichtbares Zeichen der Anerkennung gab es eine große Fahne, die auch die Gäste aus Offenburg beeindruckt. Einige Mädchen trauen sich als erste, einfach mitzumachen beim Unkrautzupfen. Nane freut sich über die Hilfe. Sie bietet ihr Kniekissen an, und erzählt begeistert, dass sie im vergangenen Winter bei den Special Olympics, der Olympiade der geistig Behinderten, den zweiten Platz beim Riesenslalom belegt hat. Manchmal braucht es ein wenig Übersetzungshilfe von Ulrike Koscheck, doch schon bald rücken die Mädchen näher zusammen, rupfen Wicken aus den Kräutern und Gras aus den Steinfugen.

Die Georg-Wimmer-Schüler, bei denen jeder seine Aufgabe hat und die sich in dem Garten auskennen, haben einen Wissensvorsprung, denn – das sieht man schnell – von den Viertklässlern aus Offenburg haben nicht viele Gartenerfahrung. Was soll man stehen lassen, was muss weg? Nicht, dass die Kartoffeln zusammen mit dem Unkraut ausgerissen werden. Und wohin mit dem vollen Unkraut-Eimer? Das ist die Aufgabe von Marina, die wegen ihrer schwereren Behinderung eigentlich gar nicht mitarbeiten kann. Aber mit dem großen Sack herumgehen und die Eimer der anderen leeren, das macht sie gerne.

Auch Aische, Fabian und Rogen gehen einfach ihrer Arbeit nach und lassen die Viertklässler aus Offenburg mitmachen. Ohne viel Aufhebens, geduldig und fröhlich. Und was ist Thema der Unterhaltung? Gartenarbeit? Leben mit Behinderung? Überhaupt nicht. Sondern das Heimweh einer Offenburger Schülerin, das Nane so nahe geht, dass sie alle fragt, ob sie auch schon einmal Heimweh hatten, und auch von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Getrennt-Sein von den Eltern berichtet. Gar nicht schwer, Gemeinsamkeiten zu finden, oder?